"Erdbeben-Concerto" von George Tabori am BE
Auf der Probebühne des Berliner Ensembles wurde das jüngste Stück von George Tabori, "Das Erdbeben-Concerto", uraufgeführt. Lesen Sie Auszüge aus den Kritiken:

"Wovon handelt Taboris neues Stück, das dritte, das am Berliner Ensemble nach 'Brecht-Akte' und 'Frühzeitiges Ableben' herauskommt? Es handelt von George Tabori und seiner einleuchtenden Erkenntnisthese: Ich bin irre, also bin ich. Das Theater ist die Welt, und die Welt das Irrenhaus. Eine ärztliche Kontrolle konfisziert zu Beginn den schönen großen Stoffhund, der vorne auf Bühne hockte, denn es geht um Pitbulls, Talkshows, Aids, den Jüdischen Krieg, ein Kalbsfrikassée und um das, woran wir alle leiden: 'B.S.E.'. Sechs Patienten erhalten eine Musiktherapie, ihre letzte Chance. Fünf Figuren sind nach Instrumenten benannt, die sechste ist die Sängerin. Die Wände wackeln, das Neonlicht flackert, das Klavier hüpft. Vom drohenden Untergang nimmt keiner Notiz. Man redet und giftet sich an, schließt sich in die Arme und haut verbal zu, wie es Kain mit Abel wirklich tat. Tödlich. Es werden antisemitische Witzchen vorgebracht, wie sie nur Tabori erzählen darf."
Detlef Friedrich, Berliner Zeitung, 17. Mai 2002

"George Tabori hat mit 'Das Erdbeben-Concerto' (Deutsch von Ursula Grützmacher-Tabori) ein Stück geschrieben, das von Naturkatastrophen und menschlichen Erschütterungen handelt. Der Titel ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. Von Ferne ist dieses Gespräch über (den abwesenden) Gott und die (zerstörte) Welt von Federico Fellinis Orchesterprobe inspiriert. Die fünf Instrumente sind unter das Joch eines gemeinsamen Auftritts gespannt. Dieses Zusammengepferchtsein bringt viele unschöne Seiten zum Vorschein. Die Instrumente ergehen sich in Idiosynkrasien, leben wie Monaden in ihrer eigenen Welt und nerven mit narzisstischer Überheblichkeit ihre Mitinstrumente und Mitmenschen. [...] 'Das Erdbeben-Concerto' hat den Charme einer Menschheitstragödie, in der Tiefsinniges und Oberflächliches im Dauerclinch liegen."
Klaus Dermutz, Frankfurter Rundschau, 17. Mai 2002

"Es geht also um den fortgesetzten Weltuntergang. Dieser ist aber nur ein Bühneneffekt. Nichts Herausgespieltes. Nur etwas Herausgeholtes. Die Technik hat viel lärmende Arbeit damit. Niemand muß sich fürchten. Oder, um den Nestor der Schein-und-Sein-Seismologen, Theodor W. Krach-Dorno, zu zitieren: 'Es gibt kein richtiges Beben im falschen.' Am Anfang betreten zwei strenge Irrenärzte die Örtlichkeit und mustern kritisch, was da herumliegt oder -steht: ein Klavier, eine Geige, ein Cello, eine Posaune, einen Kontrabaß. Am Ende fliegt keiner der Menschen, die sich inklusive einer Sängerin später zu den Instrumenten gesellen, über das Kuckucksnest. Es geht also um das Weltgefängnis als Weltirrenhaus. Sie stieren, tollen, kriechen, wüten, nehmen ihre Instrumente zwischen die Knie, als seien es Geliebte, weinen, erzählen sich Witze ('Betrachtet sich eine Ehefrau zufrieden im Spiegel: ,Dieses alte, häßliche Aas gönne ich ihm!''), räsonieren übers Rauchen, die Teerlunge, übers Kalbfleisch, über den Husten, über Hundeflocken, das Staatstheater Oldenburg, über Juden, Delphine, das Lachen, den Koitus, Gott und die Welt oder Pferde im Kühlschrank. Sie können tun und lassen und sprechen und lieben und töten, was sie wollen, es spielt keine Rolle - außer daß alles nur Rolle ist, die von der Rolle ist. Es geht um Gaga-Alles und um Gaga-Nichts. Die Eingesperrten von Kalau. Aber im Berliner Ensemble tun sie so, als liege Kalau nicht hinter Juxhausen, sondern irgendwo zwischen Beckettheim und Kafkanien. Ein Narrenschmarrn mit samtener Bedeutungskappe."
Gerhard Stadelmaier, FAZ, 17. Mai 2002





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