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Lucia Leidenfrost: Wir verlassenen Kinder.

Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau 2020.
192 Seiten, geb.; Eur 19,90.
ISBN: 978-3-218-01208-9.

Autorin

Leseprobe

Nach ihrem literarischen Debüt mit dem Kurzgeschichtenband Mir ist die Zunge so schwer (2017) legt Lucia Leidenfrost, die in Mannheim lebt und dort das Kollektiv für Junge Literatur mitbegründet hat, mit Wir verlassenen Kinder nun ihren ersten Roman vor. Hier entwirft sie in beeindruckend nüchterner Sprache und mit einfachsten erzählerischen Mitteln ein grauenhaftes Szenario: Ein nicht näher lokalisiertes Dorf wird von den Erwachsenen nach und nach verlassen, zurück bleiben mehr und mehr auf sich allein gestellt alte Menschen und Kinder. Letztere übernehmen schrittweise immer mehr Aufgaben ihrer Eltern: Sie kochen, putzen, waschen die Wäsche und kümmern sich um ihre kleineren Geschwister und die Großeltern. Haben diese in Krisenzeiten noch eine wichtige Funktion und werden zunächst als probates Tauschmittel gegen Waschmaschinen eingesetzt, da sie sie Hausmittel kennen, für einen geregelten Tages- und Mahlzeitenablauf sorgen und auch beim Einschlafen hilfreich sein können, geraten sie im Lauf der Zeit ins Visier der sich langweilenden Kinder und werden Opfer ihrer Streiche: Sie verstecken oder vertauschen deren Medikamente, versuchen sie auf verschiedenste Weisen los zu werden und quälen sie grundlos: "Wir rennen dem Großvater nach, zerren, schlagen und drängen ihn in sein Haus und fesseln ihn." (59) Als schließlich auch der Lehrer als einer der letzten Erwachsenen das Dorf verlässt, beschließen die Kinder ihre eigenen Regeln und Gesetze aufzustellen: "Wer beißt, schlägt oder kratzt, wird bestraft. Wer sein Haus nicht sauber hält, seine Geschwister und Großeltern nicht gut versorgt, wer lügt und stiehlt, wer nicht ordentlich und pünktlich und gerecht ist, wird bestraft. Die Strafen dürfen alles sein außer Schlägen. Die Jüngeren gehorchen den Älteren. Sie wissen schon mehr." (61)

Der Grund für das Weggehen der Erwachsenen bleibt vage, scheinbar herrscht Krieg, es ist aber auch immer wieder davon die Rede, dass sie weit entfernt arbeiten und Geld verdienen müssen: "Unsere Eltern haben nicht einmal versucht, uns zu versprechen, dass sie uns mitnehmen werden." (6) Gerade diese Unbestimmtheit und Desinformation tragen nicht unwesentlich zur dystopischen Atmosphäre des Romans bei, die Leidenfrost durch wechselnde figurale Erzählperspektiven, die immer nur eine beschränkte Sicht der Geschehnisse präsentieren, verstärkt. Der/die LeserIn muss sich also selbst ein Bild machen und entscheiden, welcher Darstellung wie viel Glauben zu schenken ist. Haupsächlich zu Wort kommen allerdings ohnehin die Kinder, die in der Wir-Erzählhaltung als mächtiges Kollektiv auftreten: "Wir sind ein Körper geworden. Damit klettern wir auf die Bäume im Dorf. Wir spielen mit den zurückgelassenen Feuerzeugen der Erwachsenen und bauen uns aus den Maiskolbenblättern Zigaretten." (39) Individuen sind in dieser neuen Gesellschaftsordnung nicht gefragt, es fallen auch kaum Namen, Verluste von Einzelnen nimmt man in Kauf (so interessiert sich z. B. niemand für den Verbleib eines Kindes, das offenbar in einen Krater gefallen ist) und Alleingänge werden bestraft. So werden alle Bestrebungen der Bürgermeisterstochter Mila, den anderen Kindern Ordnung, Struktur und Bildung (!) zu vermittlen, von der Gruppe nicht nur konterkariert, sondern auch mit Gewalt beantwortet. Als dann auch noch eine Waffe auftaucht, droht der Machtkampf endgültig zu eskalieren.

Unweigerlich drängen sich beim Lesen Assoziationen zu Ágota Kristófs Roman Das große Heft (1986) auf; Leidenfrosts Version der auf sich selbst gestellten Kinder, die ihre eigenen Moralvorstellungen entwickeln, hinterlässt einen mindestens genauso beklemmenden Eindruck. Dieser entsteht vor allem durch Leidenfrosts behutsamen Umgang mit Stilmitteln und eine sehr reduzierte Sprache, in der sie Graussamkeiten und Gewalttaten umso schonungsloser und eindringlicher in Szene setzt. Diese Erzählweise der Beiläufigkeit, die bereits ihre Kurzgeschichten auszeichnete, schafft auch in Wir verlassenen Kinder einen Kosmos, dem man sich sofort entziehen möchte, aus dem es aber kein Entrinnen gibt. So wenig man die im Roman beschriebenen Zustände selbst erleben möchte, so ungern legt man das Buch darüber aus der Hand. Lucia Leidenfrost ist sicherlich eine der bemerkenswertesten Stimmen der jungen AutorInnengeneration!

Veronika Hofeneder
24.03.2020

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich.
Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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