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Andrea Drumbl: Die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint zu schön

Roman

Wien: Edition Atelier, 2013.
112 S., geb.
16,95 Euro
ISBN: 978-3-902498-72-4

Leseprobe
Autorin

Die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint zu schön - den Titel von Andrea Drumbls Debütroman sollte man nicht leichtfertig überlesen. Denn darin eröffnet sich schon die Doppelbödigkeit, die diesem Roman innewohnt. "Vogelfrei" könnte genauso "ungebunden" wie auch "geächtet" oder "schutzlos ausgeliefert" bedeuten. Diese ambivalente Form von Freiheit soll also unter "einer zweiten Sonne" zu finden sein, weil "die erste" "zu schön" scheint. Nichts ist eben so, wie es zu sein scheint, und etwas, das "zu schön" ist, um wahr zu sein, sollte nicht unhinterfragt bleiben (zumindest nicht in der Literatur).
Sieben traurigen Existenzen spürt Andrea Drumbl in drei Teilen nach, die sie den Herbstmonaten September, Oktober und November zugeordnet hat. Prolog und Epilog umrahmen das Geschehen. Die Autorin wählt eine geschlossene Form, geht es doch in ihrem Roman auch um (Neu-)Anfang und Ende. Dazwischen ist nicht nur Platz für Geschichten, sondern auch für kurze lyrische Sequenzen, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind und mit denen die Geschichten eingeleitet werden. Im Prolog steht die Beschreibung eines frühherbstlichen Tages: Licht und Schatten, Düfte und Geräusche werden in einer poetischen Sprache zum Leben erweckt. Doch bald schon bricht das friedliche Bild: In den "trüben Pfützen" sind es plötzlich nur noch "die toten Fliegen", die "in einem Wassersarg aus toten Blütenblättern über das stille Wasser treiben".
Die folgenden kurzen "September"-Geschichten über Günter, Piotr, Susana und Felix sind ein Blick auf die dunkle Seite des Lebens, auf Leid, Schmerz und Tod. Dabei dringt Andrea Drumbl außergewöhnlich tief in die von Depression, Liebesschmerz und Schuld zerfressenen Seelen ihrer Protagonistinnen und Protagonisten ein. Die Leben der Septemberfiguren des ersten Teils steuern von Beginn an nahezu unausweichlich auf den Selbstmord zu: "[...] in seinem Kindsein, da hatte es angefangen. [...] Schon damals war es für ihn zu spät zu leben, schon damals gab es für ihn diese tödliche Stille [...]", heißt es über Günter, der sich aus Liebesschmerz zu Janka aus dem Fenster im vierten Stock stürzen wird. Mit Günter beginnt ein lose zusammenhängender Reigen: Während man im ersten Teil von vier verschiedenen Selbstmorden erfährt, werden im zweiten Teil Zoi und Janka porträtiert, zwei Zurückgebliebene, an denen das Gefühl haftet, Schuld am Tod ihrer Freunde Felix und Günter zu sein.
An dieser Stelle noch einmal zurück zum Begriff "Vogelfreiheit", dem ein eigenes Teilkapitel gewidmet ist: Was nämlich zurückblieb, nach dem Selbstmord, so heißt es "war einzig diese große Schuld zwischen Hirn und Haut und Haar. Damals wie heute wie früher oder später und immer noch." Die Frage nach der Schuld und vor allem die Frage, wie es so weit kommen kann, dass man seinem Leben ein Ende setzen will, beschäftigt die Autorin in ihrem Roman immer wieder aufs Neue. Unweigerlich steht die, im religiösen Sinne, Schuld des Selbstmörders im Raum, sich das von Gott gegebene Leben selbst genommen zu haben. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte es vorkommen, dass die katholische Kirche einem Selbstmörder ein christliches Begräbnis verweigerte oder die Leichen nur am Rande des Friedhofs, also außerhalb der geweihten Friedhofserde begraben wurden. Zoi, die bei Drumbl den Beinamen "Das Oktoberfriedhofskind" trägt, durchstreift immer wieder einen Friedhof, bewegt sich entlang der Friedhofsmauer auf der Suche nach Trost und findet aber nur "Erde und Stein". Mit ihrer sehr sinnlichen und an Vergleichen und Bildern reichen Sprache erkundet die Autorin nicht nur die Trauer der Hinterbliebenen, sondern auch die düstere Seite der menschlichen Gefühle, wie Angst, Abscheu, Hass oder Rache. Beklemmend beschreibt sie eine grausame Vergewaltigung, die eine tiefe und unheilbare Wunde in der Seele des Opfers hinterlassen wird. Motivisch begleitet die Sonne die Seelenzustände und Geschichten, ihre Farben, ihr Auf- und ihr Untergang, der Übergang von Licht und Schatten sind ständig präsent sowie auch der schleichende Verfall der Natur im Wechsel der Jahreszeiten.
Drumbl entwickelt morbide Szenerien, Bilder und Sätze, die man nicht mehr so schnell los wird. Es kommt aber auch vor, dass die hohe atmosphärische Dichte dieses Romans durch die Anhäufung an Adjektiven und durch die an Varianten reichen Beschreibungen des Geschehens verloren geht. Viel eher sind es die Leerstellen, die berühren, die Stille beispielsweise und ihr trügerischer Klang, den die Autorin immer wieder durchforscht: "Und diese Totenstille auf den Holzbrettern und den Urnen unter der Erde in der Grube drin. Eine Stille, bei der man das Gefühl hatte, mit Taubheit geschlagen zu sein." Andrea Drumbl hat ein nicht nur sprachlich kraftvolles Debüt vorgelegt, mit dem sie sich viel vorgenommen hat. Schon die einzelnen Kapitel enthalten genügend Stoff für weitere Romane, auf die man gespannt sein darf.

Gabriele Wild
Juni 2013


Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.































































































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