Fabian Oppolzer: Kein böses Kind

Roman

Wien: °luftschacht Verlag, 2013
175 S.
19,40 €
ISBN: 978-3-902844-18-7

Leseprobe
Autor

Unfall? Mord? Oder doch "nur" ein herbeigesehnter Tod? Diese Fragen stehen zunächst im Mittelpunkt des Debütromans Kein böses Kind des in Wien lebenden Fabian Oppolzer. Der Autor ist 1984 in Stuttgart geboren. Aufgewachsen ist er allerdings im Voralberg. Er absolvierte das Studium in Geschichte, Theologie und vergleichende Literaturwissenschaften in Wien. Der °luftschacht Verlag macht überdies augenzwinkernd aufmerksam, dass er gerne Bier trinkt und Klavier spielt.

Die Story gleicht einer griechischen Tragödie. Es kommt zu einem tödlichen Unfall, und die ganzen ungelösten Probleme und schwierigen Verstrickungen werden auf einmal sichtbar. Auf der Rückfahrt einer Griechenland-Klassenfahrt kurz vor der Matura sterben die drei Heranwachsenden Simon, Samuel und Lukas. Ein unglücklicher Unfall auf der Fähre – so scheint es … Autor Oppolzer serviert dem Leser thrillerartig, was vor der Klassenfahrt geschehen ist und welche Folgen dieser Unfall hat. Im Mittelpunkt stehen die Beziehungen zwischen dem Lehrer Nikolaus Nepomuk Nachtigall und den verstorbenen Schülern sowie der Schülerin Lisa. Auch die Beziehung zu Nachtigalls Frau Maria und seinem behinderten Sohn Paul werden intensiv durchleuchtet.

Nach dem Tod seiner Schüler bekommt Nachtigall Gewissensbisse, redet kaum und ist in sich gekehrt. Denn er befürchtet, dass die Vergewaltigung und das Abhängigkeitsverhältnis zu seiner Schülerin Lisa auffliegen könnte. Und so ein vermeintliches Tatmotiv für den Tod der Jugendlichen zum Vorschein käme. Grund: Simon war in Lisa verliebt – und das wusste Nachtigall. Wollte er ihn beseitigen? Nachtigall hat auch gegenüber den beiden anderen verstorbenen Schülern guten Grund gehabt, sie zu töten. Samuel etwa nervte ihn, weil er unbequem und belesener war als er. Zudem hat Nachtigall ihm verboten, ein Theaterstück aufzuführen. Haben seine Anfeindungen dazu beigetragen, dass es überhaupt zu dem "Unfall" kam?

Ebenso gerät die Beziehung zu seiner Frau Maria aus den Fugen: Nach dem Unfall schweigt und trinkt Nachtigall. Darum glaubt Maria, dass er mit dem Unfall direkt etwas zu tun hat und es noch mehr verheimlicht. Dieses Misstrauen spitzt sich zu, als Maria eines Abends Lisa aufsucht. Doch dort kommt es zu einem Unfall und Maria halluziniert im Krankenhaus … Wird die Wahrheit ans Licht kommen?

Autor Oppolzer gelingt es, mit dem Tod von drei Jugendlichen sämtliche Verstrickungen aufzuzeigen. Dabei fungiert der Unfall wie ein Seismograf. Wie bei einem Erdbeben fördert Oppolzer sozio-psychologische Abgründe zutage. Wir lesen, was bis zum Zeitpunkt des Unfalls geschah und welche Konsequenzen er mit sich bringt. Der tödliche Unfall als ein Nullpunkt eines Davor und Danach.

Um in diesem Erbebenbild zu bleiben, bedient sich Oppolzer formal einer nichtchronologischen Erzählung – etwa wie bei einem Beben, wenn sich Gesteinsschichten brechen und Teile einsacken – die Gegenwart und Vergangenheit durchmischen sich. Der Leser wird sozusagen zum soziologischen Geologen bzw. Ermittler. Erinnert somit an den postum erschienen Roman Die Nöte des wahren Polizisten von Roberto Bolaño, dem der Leser eine ähnliche Funktion zukommt.

Das Besondere an Oppolzers Roman ist seine Anknüpfung an die Antike, die die großen Fragen behandelt. Er überträgt sie gekonnt ins Heute. Und der scheinbare Thriller entpuppt sich zu einer prosaischen Tragödie. Etwa wandelt sich die eingangs für den Leser gestellte Frage: War es Nachtigall oder nicht? In: Wie viel Verantwortung für unser Handeln haben wir, auch wenn wir mit einem Ereignis nicht direkt zu tun haben? Kann man überhaupt „unschuldig“ sein?

Fazit: Oppolzer analysiert in seinem Debüt folgerichtig, wie durch ein Unglück ungelöste Spannungen innerhalb einer Gemeinschaft sichtbar werden. Und stellt grundlegende Fragen, ohne überbordend zu wirken. Die große Stärke des Romans, neben dem offenen unerwarteten Schluss. Ein brillanter, spannender und nachdenklicher Text eines vielversprechenden Autors!

Angelo Algieri
Juni 2013

Originalbeitrag

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