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Helene Flöss: Schnittbögen.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 2000.
205 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-85218-334-0

Link zur Leseprobe

1996 legte der Salzburger Schriftsteller O. P. Zier mit seinem Roman "Schonzeit" einen beachtlichen und vielbeachteten Text über die Erlebnisse eines Pongauer Ehepaars während des Zweiten Weltkriegs vor. Zier lag daran, dieser Widerstandsgeschichte in bäuerlicher Umgebung Authentizität zu verleihen, er schrieb sie "frei nach den authentischen Lebensgeschichten" realer Personen und gab seinem Roman einen klassischen Rahmen, in dem er die Herkunft seiner "Geschichte" ausführt.

Die Erinnerung an Ziers Buch war während der Lektüre von Helene Flöss' Roman "Schnittbögen" sehr präsent. Auch sie erzählt auf sprachlich konventionelle Weise Geschichten "kleiner Leute" (Zier spricht von "kleinen Leben") während der Nazi-Zeit, auch sie wählt das bäuerliche Milieu, und es ist ihr ebenso um Authentizität zu tun - auch Flöss verwendet eine Rahmung. Das Rahmen-Szenario ist klassisch: Beim Aufräumen - hier vor dem Gang ins Altersheim ("Olga und ich werden in ein paar Tagen ins Bürgerheim übersiedeln") - werden alte Dokumente hervorgekramt ("Ich habe beschlossen, da noch einmal hineinzulesen"), die der Binnenhandlung als Basis dienen, beziehungsweise in diese montiert werden. Die Lebens- und Liebesgeschichten von Olga und Elsa - Hauptschauplatz ist das nordöstliche Südtirol um Brixen und Bruneck - werden in drei Ebenen vermittelt: Die Briefe Mattis, Olgas Verlobten, aus Berlin und später von der Ostfront werden "wörtlich" wiedergegeben, die tagebuchartigen Aufzeichnungen Elsas, die sie auf ausgedienten Schnittbögen niederschreibt, wechseln mit Passagen mit auktorialer Erzählhaltung ab. Das Changieren der Perspektiven erschwert es mitunter zu erkennen, wer denn nun "spricht".

Diese Schwierigkeiten gehen einher mit dem Eindruck, daß Flöss sich mit ihrem Unternehmen überhebt - nicht aus "handwerklicher" Sicht - die Autorin weiß mit ihrem Stoff sprachlich souverän umzugehen -, aber aus inhaltlicher Sicht, sie mutet ihren Figuren auf engem Raum einen wahren Schicksalsparcours zu: Im Mittelpunkt des Romans steht die Liebesgeschichte der Wirtstochter und Schneiderin Elsa aus Brixen mit dem Bauernsohn Ulrich aus dem Ahrntal. Die beiden lernen sich kennen, als Ulrich nach Kindheit und Jugend auf einem Bergbauernhof und dem strengen Priesterseminar als Bruder Ansgar ins Kloster eintritt. Ansgar tritt wieder aus, übernimmt - wieder als Ulrich - den Hof, desertiert, als er einberufen werden soll, Elsa wird interniert. Als beide die schreckliche Zeit überstanden haben, kehrt Ulrich wieder in den Schoß der Religion zurück und wird Einsiedlermönch, Elsa wartet ihr Leben lang auf seine Rückkehr.

Verbunden mit dem Schicksal Olgas und ihres Verlobten Matti ergibt sich für den kurzen Roman ein ordentlicher Schicksalsmarathon. (Aber da mag zum Teil auch die Erinnerung an den Zier-Roman schuld sein, der für das Schicksal eines Ehepaares mehr Seiten zur Verfügung hat - Vergleiche hinken ja stets.)
Hinzu kommt, daß die Schreibweise Flöss' mitunter didaktisch wirkt - wie ein Vorzeigen der Südtiroler Geschichte der dreißiger und vierziger Jahre anhand fiktiver Schicksale, die "wahren" historischen Umstände werden um diese Lebensgeschichten gruppiert. Im Anhang findet sich neben einer kurzen Ausführung zum "historischen Hintergrund des Romans" (wobei nicht ausgewiesen wird, wer dieses kurze, teilweise in die Nähe einer Interpretation gelangende Nachwort verfaßt hat) schließlich eine Erklärung der vielen Fachausdrücke ("Badiolen", "GIL-Gebäude", "Optanten" etc.).

Gerade für den Nicht-Südtiroler sind solche geschichtlichen Fakten höchst interessant, weil weitgehend unbekannt oder seit dem Schulunterricht in den Abgründen des Gedächtnisses verschollen. Dennoch geht dieser Versuch einer "faktischen Fiktion" oft zu Lasten der Literarizität, manches wünschte man sich in ein ausführlicheres Nachwort verbannt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die stärksten Passagen des Romans jene sind, in denen sich Flöss einen längeren Atem gönnt und den Figuren und ihrer Umwelt (wie bei der in der Leseprobe zitierten Schilderung des Lebens in der Klosterschule) breiten Raum läßt.

Wolfgang Straub
9. Jänner 2001

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