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Bastian Kresser: Ohnedich

Roman.

Innsbruck:  Limbus-Verlag, 2013
256 S., geb.
19,80 €
ISBN: 978-3-902534-76-7

Der Tod eines Menschen reißt Angehörigen und Freunden in tiefer Trauer. Wenn jedoch jemand sich selbst tötet, so treten bei Mitmenschen Wut und Schuldgefühle hinzu. In solch einer ambivalenten Situation befindet sich der Ich-Erzähler des Debütromans Ohnedich von Bastian Kresser, der im Innsbrucker Limbus-Verlag veröffentlicht ist.

Kresser, 1981 im voralbergischen Feldkirch geboren, studierte in Innsbruck Anglistik und Amerikanistik. Bisher hat er in Literaturzeitschriften veröffentlicht und ist als Übersetzer in Erscheinung getreten. Er hat gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein und Michael Köhlmeier Gedichte von Wallace Stevens ins Deutsche übertragen: Hellwach - am Rande des Schlafs im Hanser-Verlag erschienen. Kresser lebt heute in Hohenems, an der Grenze zur Schweiz - ähnlich wie seine ProtagonistInnen.

Die junge Frau, die stirbt, hinterlässt in der Dreier-Clique eine Lücke, bringt diese Dreier-Konstellation aus dem Gleichgewicht. Der namenlose Ich-Erzähler ist traurig, aber auch wütend und sucht in der Vergangenheit nach Spuren. Er macht etwa seinen Kumpel Klaus, der dritte im Bunde, dafür verantwortlich. Da Klaus und die Freundin eine Zeitlang ein Paar waren und sich dann getrennt haben. War das der Beginn der Depression? Zwischen den beiden Freunden entsteht eine unterschwellige Spannung, die sich erst am Ende des Buches auflösen wird.

Allerdings erinnert sich der Ich-Erzähler auch, wie er sie kennen gelernt hat, was sie gemeinsam erlebt haben und dass die Freundin gerne Storys schrieb; Schriftstellerin mochte sie werden. In den Erinnerungen spielen zudem die Erkundung der Umgebung zwischen Rhein und Berge eine wichtige Rolle. Unternehmungen, die ihre Freundschaft manifestieren. Verleiht aber auch der Erinnerung einen Halt, eine Verortung.
Der Ich-Erzähler merkt aber auch, dass die Freundin, nachdem sie nach Wien umgezogen ist und dann von dort die Welt bereist, nicht mehr die gleiche ist. Und hier fängt die verklärte Idylle an zu bröckeln: Schuldgefühle steigen auf. Die bange Frage: Hätte er das verhindern können?

Autor Kresser fängt beeindruckend gut den Trauerprozess ein, der den Ich-Erzähler wie er es nennt "nach dem großen Erdbeben", also nach dem Tod der Freundin, einholt. Dabei wechseln sich aufgeschriebene Erinnerungen des Ich-Erzählers, Zwiegespräche mit der Toten in Du-Perspektive und die Dialoge mit Klaus gut ab. Im Wesentlichen begeben wir uns mit dem Ich-Erzähler auf Spurensuche nach dem Warum. Anzeichen von Depression oder Andeutungen des Sterbenwollens zu suchen. Doch allmählich steigert sich diese Suche jene nach Schuldigen - sich selbst nicht ausgenommen.

Der Autor versteht es, der großen Trauer eine teils lakonische, teils verdichtete Sprache zu verleihen, im melancholischem Ton zwar, jedoch ohne je betroffenheitskitschig zu werden! Kurz: ein starker, eindringlicher Text. Doch neben der Überwindung der Trauer geht es auch darum, der Lücke in der Freundschaft Konturen und Form zu geben. Den Verlust quasi sichtbar zu machen. Mehr noch: die Lücke durch die Erzählung zu schließen. Um mit dem wütenden Schmerz und dem Unverständnis abzuschließen. Kresser verweist hier auf die einzigartige Kraft der Literatur und vor allem der (oralen) Erzählung, die den Tot zu überwinden vermag.

Zu beobachten ist, dass in den letzten Jahren das Thema Verschwinden oder Tod in Debüts eine stärkere Rolle spielen. Etwa in Christina Maria Landerls Erstling Verlass die Stadt oder aktuell in Andrea Drumbls Romandebür Die Vogelfreiheit unter einer zweiten Sonne, weil die erste scheint zu schön. Begrüßenswert, wenn sich Debütanten mit solch großen Themen beschäftigen und intensiv auseinandersetzen. Und dabei eine kraftvolle literarische Form finden.
Fazit: Kresser hat mit Ohnedich einen brillanten und wichtigen Roman über Freundschaft, das Leben und die Kraft der Literatur vorgelegt. Unbedingt lesen!

Angelo Algieri
Juni 2013

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.























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