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Theisohn, Philipp/Weder, Christine (Hg.): Literaturbetrieb. Zur Poetik einer Produktionsgemeinschaft.

München: Fink, 2013.
253 S.; brosch.
30,80 Euro (A)
ISBN: 978-3-7705-5296-2

Der Begriff "Literaturbetrieb", so das Herausgeberteam Philipp Theisohn und Christine Weder im Vorwort, sei in den letzten Jahrzehnten in seiner "poetologischen Dimension" nicht mehr im "Fokus der Literaturwissenschaft" (S. 11) gestanden. Dieser Begriff aus dem Militärjargon, der die kulturwissenschaftlichen Debatten seit ihrem Aufkommen begleitet, situiert den Sammelband im Heute. Hingegen stellt der Verweis auf die Fehlstellen, die eine politisch motivierte Abkehr von Fragestellungen der marxistisch fundierten Literatursoziologie hinterlassen hat, das Vorhaben der an der ETH Zürich 2011 abgehaltenen Tagung abseits des Mainstreams. In diese Richtung deutet auch der Anspruch, das Axiom, kollektive literarische Praxis sei den immer noch so genannten Neuen Medien vorbehalten, zu hinterfragen. Denn das größte Defizit der aktuell im Zeichen der Krise der Buchkultur besonders zahlreichen Beiträge zum Thema scheint gerade die Isolierung des Phänomens "Literaturbetrieb", während klassische literatursoziologische Ansätze den "Literaturbetrieb" zwar als System von Produktion, Distribution und Rezeption verstanden, aber immer auf die gesamtgesellschaftliche Verfasstheit bezogen. Literaturbetriebssatiren, die ihr Handwerk verstehen, tun das nach wie vor, und daraus entstehen dann keineswegs nur Binnenansichten eines kleinen Biotops, sondern Zustandsbilder über eine Gesellschaft in Zeiten des verordneten Medienhypes.

Den im Vorwort auf hohem theoretischen Niveau formulierten Ansprüchen vermögen die Beiträge nicht durchgängig gerecht zu werden. Das ist durchaus verständlich, vor allem im ersten Teil, wo Akteure des Feldes über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen berichten. Wenn Alexandra Kedves über den Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki handelt und zwei seiner bekannten Verriss-Beispiele referiert, dann wird deutlich, dass das eigentlich Spannende daran MRRs Rolle als Vorreiter ist, der die neuen medialen Selbstvermarktungsformate im literarischen Feld ausprägen und entwickeln half. Denn was am Literaturbetrieb heute irritiert, ist primär die Tatsache, dass im Zuge der Eventisierung des gesamten öffentlichen Lebens auch das literarische Feld neu aufgestellt wurde und mittlerweile genau denselben medialen und vermarktungstechnischen Mechanismen unterliegt, die in der Gesamtgesellschaft dominieren. Natürlich kann man Bestenlisten und Daumen-rauf-oder-runter-Rubriken als "neue Sortier- und Filterfunktionen" (Barbara Basting, S. 49) des Literaturbetriebs bezeichnen, aber damit ist literatursoziologisch eben wenig ausgesagt. Die Frage lautet vielmehr, was impliziert es, wenn das Marketing- und Werbefeld ein ökonomisch vergleichsweise uninteressantes Terrain wie die Literatur flächendeckend entert, wenn sogar dieses kleine Fenster gesellschaftlicher Selbstverständigung nur mehr der Logik der Newsmaschine folgt? Dabei war die "am populären Geschmack orientierte Ausweitung des Kulturbegriffs" (S. 54) in den 1970er-Jahren als gesellschaftspolitisches Projekt der sozialen Öffnung gedacht, auch wenn es mittlerweile im Zeichen des popkulturell vermarktbaren Lifestyles eine veritable Bauchlandung hingelegt hat. Das Web 2.0 stellt mit Klickraten und ähnlichen Fazilitäten nur Mittel zur technischen Perfektionierung medial bereits erprobter Mechanismen bereit.

Latentes Unbehagen begleitet auch das Revival der öffentlichen Autorenlesung, bei der SchriftstellerInnen gerne als Auskunftsorgan zu den "biografischen Anteilen ihrer Texte" (S. 65, Anja Johansen) fungieren. Auch das ist kein exklusives Phänomen des Literaturbetriebs, sondern Teil der dominanten Selbstentblößungsformate, denen der Literaturbetrieb nicht Paroli bieten will, in der (berechtigten) Angst, die mühsam eroberte Eventfähigkeit rasch wieder zu verlieren. Schon 2008 hat Gunter Grimm (Schriftsteller-Inszenierungen, Aisthetis 2008) einen diachronen Blick auf das Phänomen Dichterlesung geworfen, das seinen ersten Höhepunkt mit den Performancekünstlern Ludwig Tieck oder Friedrich Daniel Schubart hatte. Es war die Zeit der Napoleonischen Kriege; im Abwehrkampf gegen den Usurpator und damit auch gegen die Reste der politischen Öffnung durch die Französische Revolution, verwirrten sich für die Zeitgenossen die politischen Begriffe von rechts und links vielleicht in ähnlicher Weise wie heute seit dem Fall der Berliner Mauer. Solche Perioden, so könnte man vermuten, steigern das Bedürfnis nach "Authentischem", auch im Umgang mit der Literatur.

Natürlich wissen auch AutorInnen, dass Willigkeit im Punkt mediale Selbstdarstellung noch lange nicht ein entsprechendes Nachleben garantiert. Deshalb haben Verhandlungen und Dispositionen über den Nachlass ihren Charakter geändert, wie Irmgard Wirtz mit Beispielen aus der Schweizer Archivpraxis beschreibt. Den Schluss dieses ersten Teils bilden Beiträge zum Urheberrecht (Werner Stauffacher) und Anna Augusciks Untersuchung über unterschiedliche nationale Zugänge zu Fragen der Preiskultur am Beispiel des 2004 etwas plump gestarteten Deutschen Buchpreis, der im Booker Prize und im Prix Goncourt seine Vorbilder hat.

Der zweite Abschnitt des Bandes bringt Beiträge zu verschiedensten Themen und Autoren, etwa zum Problemfall "Das zweite Buch" (Alexander Honold), das auch zeigt, wie Literaturwissenschaft Fehler der Literaturkritik und Rezeptionsgeschichte heute kaum mehr auszugleichen vermag. Gabriele Reuter, eine Erfolgsautorin von einst, ist dank Thomas Mann mit ihrem Roman Aus guter Familie, dem er Anregungen für die Ausgestaltung seiner Tony Buddenbrook entnahm, als Fußnote in den Literaturgeschichten zu finden. Ihr Erstling, wie Thomas Mann irrtümlich behauptet, war der Roman freilich nicht. Das zu korrigieren und vielleicht den Gesamtblick auf diese Autorin zu hinterfragen - etwa ob ihr Skandalroman von 1908 Das Tränenhaus über die Zustände in einem Heim für ledige Mütter heute interessant wäre - ist letztlich auch eine Fragestellung zum Thema Literaturbetrieb, verstanden als Analyse von Vermarktungszusammenhängen und -kalamitäten. Ganz in diesem Sinne lesbar ist der Eröffnungsbeitrag dieses Abschnitts von Olaf Simons, der aus den Anfängen des Buchverlagssystems den Konflikt zwischen Literatur und ihrer Vermarktung auch als Folge des Wissenschaftsbetriebs herausarbeitet und dafür gesellschaftliche Funktionsmodelle - in Analogie zur klassischen Literatursoziologie - zeichnet. Für Fälle wie Gabriele Reuter bedarf es freilich noch eigener Analyseinstrumente, die die Spezifika der Frauenliteraturecke in den Blick nehmen. Ein Desiderat zumindest solange sich in Debatten über Rolemodels im literarischen Feld Aufzählungen auf "Galant, Libertin, honête homme, Dandy, poète maudit" beschränken, wie das Jérôme Meizoz noch 2005 auflistet, womit der Diskurs über Selbstpositionierung des Autors ausschließlich männlich gedacht ist.

Auch die personenbezogenen Beiträge bleiben im vorliegenden Band ausschließlich auf männliche Autoren bezogen. Spannend ist Edith Anna Kunz' Untersuchung zu Goethe als Auftragsdichter - vorzugsweise für Maskenumzüge am Weimarer Hof. Reto Sorg untersucht Robert Walsers Verhältnis zum Literaturbetrieb; Werner Morlang hat dazu schon vor einiger Zeit die kalligrafische Miniaturisierung von Walsers Schrift als Geste der Vergrößerung interpretiert, denn nicht zufällig ähneln manche Mikrogrammblätter dem Aufbau einer Zeitungsseite, als wollte er den Bestimmungsort seiner Texte en miniature vorwegnehmen. Karl Wagner untersucht Robert Musils Konzept des "Großschriftstellers" nach dem Vorbild des AEG-Erben Walther Rathenau, und Andreas B. Kilcher liefert einen Kommentar zum Nachlassstreit in der Causa Franz Kafka, wobei freilich ganz andere, vorwiegend zeithistorische Faktoren die Auseinandersetzung um den ominösen Zürcher Tresorinhalt und das Erbe von Max Brods Sekretärin Esther Hoffe mit bestimmen. Es ist nicht zuletzt diese Vielstimmigkeit, die dem Band zu einem äußerst komplexen Thema seine Bedeutung verleiht.

Evelyne Polt-Heinzl
Juli 2013


Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.











































































































































































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