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Leseprobe: Lucas Palm - Weg von hier

Erstes Kapitel

Wie glücklich er sie mache, sagte die Mutter lächelnd und fuhr über den roten Streifen der Frankreichflagge, die Christian soeben an seien Zimmerwand genagelt hatte.
Er habe sie selbst genäht, sagte Christian und versuchte aus Verlegenheit, stolz zu klingen, im Handarbeitsunterricht, fast das ganze Semester habe er dafür gebraucht. Gianni habe eine Italienflagge genäht. Bei der Abschlussfeier am Nachmittag habe sie Fabian, mit dem er sich früher gut verstanden habe, gefragt, ob sie sich für etwas Besseres als die Schweizer hielten, nur weil sie Ausländer seien. Gianni und er hätten natürlich bejaht, nicht nur, um ihn zu ärgern. Sie hätte Fabians Gesicht sehen müssen.
Ob er die Flagge schon dem Vater gezeigt habe?, fragte die Mutter ausweichend.
Nein, warum auch, antwortete Christian. Was solle eine Österreicher denn mit einer Frankreichflagge? Außerdem: Früher oder später werde er sie ohnehin hängen sehen.
Wie er meine, sagte die Mutter, und Christian bemerkte, dass sie sich aus Rücksicht auf ihn zurückhielt.
In diesem Augenblick läutete ihr Handy. Das sei die Großmutter, sagte sie, strich Christian übers Haar und ging hinüber in ihr Zimmer. Christian schloss die Tür, setzte sich an den Bettrand, sah auf die Flagge. Die Großmutter musste wohl gerade in Südfrankreich, in Vermeille, angekommen sein, dachte er. Am Vormittag war sie von Tours, wo sie seit dem Tod des Großvaters nur noch den Winter über wohnte, abgefahren. Bestimmt saß sie jetzt, während sie die Mutter zu überreden versuchte, wenigstens auf ein paar Tage hinunter nach Vermeille zu kommen, auf dem Balkon, sah aufs Meer, in die Bucht, in der sie vor vier Jahren die Asche des Großvaters verstreut hatte.
Christian konnte die Abfahrt in zwei Tagen kaum erwarten. Das erste mal würde er allein nach Vermeille fahren. Was hatte sich, seit er letztes Jahr dort gewesen war, nicht alles verändert. Er erinnerte sich, wie er damals, am letzten Abend vor der Rückfahrt nach Zürich, am Strand entlang spaziert war und drei, vier Jungs in seinem Alter, die am Ufer herumgetobt und sich gegenseitig ins Wasser geworfen hatten, ihm zugerufen hatten, er solle doch zu ihnen ins Wasser kommen sie schwämmen gleich aufs Floß. Er hatte so getan, als höre er sie nicht, sich weggedreht und war immer schneller Richtung Avenue Dreyfus gegangen, aus Angst, sie würden gleich aus dem Wasser steigen und ihn hineinschmeißen. Was war er damals nur für eine lächerliche Figur gewesen. Gerade einmal eine Woche hatte er dort verbracht, und jeden Tag hatte er sich nach Zürich gesehnt, danach, mit seinen Schweizer Freunden Schweizerdeutsch zu sprechen, Schweizerdeutsch zu hören, Vertrautes, wie er damals geglaubt oder sich eingeredet hatte, um sich zu haben. Wäre vor ein paar Monaten Gianni nicht in seine Klasse gekommen, er würde wohl immer noch glauben, er sei hier zu Hause, er gehöre hierher. Er würde sich wohl immer noch als Schweizer fühlen.
In diesen Sommerferien würde alles anders: Er sah sich schon mit den Jugendlichen von dort, seinen Landesleuten, als Gruppe in der prallen Sonne liegen, sah sich mit ihnen an den Strandgästen vorbei ins Wasser rennen, sah sich mit ihnen auf dem Floß, sich gegenseitig ins Wasser werfend.

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