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Leseprobe: Norbert Gstrein - Eine Ahnung vom Anfang

Ich war damals schon in der letzten Schulwoche fast jeden Tag am Fluss draußen gewesen und hatte mich dort mit einem Buch in die Sonne gesetzt. Dahinter steckte kein weiterer Plan, als möglichst schnell der Unterrichtswelt zu entfliehen, und schon bald legte ich das Buch immer öfter beiseite und begann, auf dem Grundstück sauberzumachen, das ich bis dahin einfach so gelassen hatte wie bei meiner Übernahme. Ich fing an, Steine aus der Wiese zu klauben, trug sie zusammen und überlegte, ob ich sie hinunterbringen solle zum Flussbett, der Schotterbank direkt vor meinem Haus, schichtete sie dann aber neben den Mauern oder vielmehr Mauerresten der Mühle zu einem Haufen. Womöglich hatte ich da unterschwellig bereits die Idee, sie als Baumaterial zu verwenden, aber nicht, dass ich bewusst daran dachte, und tatsächlich war ich nach den Monaten im Klassenzimmer so zufrieden mit der Arbeit im Freien und ihrer Ziel- und scheinbaren Nutzlosigkeit, dass ich zum ersten mal den Satz zu begreifen glaubte, nach dem man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen habe, weil ich mich bei dem Wunsch ertappte, jemand möge hinter mir alles rückgängig machen. Dann könnte ich von vorn beginnen, oder ich würde mein Sammeln und Jäten über die Grenzen meines Grundstücks auf die umliegenden Felder und die Au ausdehnen und mich langsam bis zum Dorf und über das Dorf hinaus bewegen. Ich hatte vorher die weniger erfreulichen Dinge getan, den Müll zwischen den Mauerresten beseitigt, Bier- und Colaflaschen, Glasscherben, Stanniolpapier, einen alten Schuh, zwei zerbrochene Federballschläger ohne Bespannung, und aus den Ecken den Kot, menschlichen Kot, tierischen Kot, ich wusste es nicht. Ich hatte die halb verkohlten Baumstrünke aus einer offenbar wiederholt genützten Feuerstelle zum Wasser getragen, sie hineingeworfen und zugeschaut, wie sie träge schaukelnd davontrieben, in einen Wirbel gerieten und dann von der kräftigen Strömung in der Flussmitte erfasst und mitgerissen wurden. Einen halben Nachmittag lang beschäftigte ich mich damit, den letzten wie ein Findling daliegenden Brocken wegzurollen, aber nach den ersten drei Umwälzungen, bei denen ich ihn mit aller Mühe hochgestemmt und über seinen Schwerpunkt gedreht hatte, gab ich es keuchend und schwitzend auf und ließ ihn keine drei Meter von der Ausgangsstelle entfernt liegen, an der eine Weile ein Oval von frischem Erdreich feucht in der Sonne glänzte, bevor es nach und nach vernarbte.
Es war gegen Ende der zweiten Ferienwoche, und ich hatte gerade angefangen, aus den gesammelten Steinen eine Umfriedungsmauer zu errichten, als Daniel und sein Freund Christoph bei mir auftauchten. Ich hatte schon lange das Knattern eines Mopeds gehört, das den Fluss entlang lauter wurde, mich aber nicht darum gekümmert, weil es nicht das erste Mal war und ich in den vergangenen Tagen immer wieder vom nahen Sportplatz in der Au Motorenlärm in den Ohren gehabt hatte. Mit Besuch rechnete ich nicht, und sie mussten bereits eine Zeitlang dagestanden sein, als ich auf sie aufmerksam wurde, denn plötzlich schienen alle anderen Geräusche zu verstummen, und das Rauschen des Flusses unterstrich die Stille. Ich richtete mich auf, und sie waren nur wenige Meter entfernt und sahen mir zu. Sie warteten, bis ich ganz zu ihnen herantrat, und mir fiel erst im Nachhinein auf, dass ich mit dem Stück Ast, das ich in die Hand genommen hatte, und mit meiner Einsilbigkeit nicht sehr einladend gewirkt haben konnte. Wir sprachen kurz miteinander, bevor sie wieder verschwanden, und als sie am nächsten Tag von Neuem erschienen, eine Flasche Wein dabeihatten und fragten, ob sie sich zu mir setzen dürften, nahm die Geschichte ihren Anfang, die sich in den Vorstellungen der Dorfbewohner zu einer Ungeheuerlichkeit auswuchs.

S. 24ff.

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