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Leseprobe: Jürgen Bauer - Das Fenster zur Welt

»Mein Großvater hatte auch einen Hof, sagte Michael. Sicher viel kleiner als der, auf dem sie gelandet sind. Nur ein paar Felder und im Stall ein paar Kühe und Schweine. Die Schweine mochte ich immer lieber, ich bin sogar auf ihnen geritten und habe mich ganz fest an den Ohren angehalten. Vor den Kühen hatte ich immer Angst. Einmal waren wir in der Sommerküche, als plötzlich der Stier vor der Tür stand, er hatte sich irgendwie losgerissen. Mein Opa konnte ihn langsam zurück in den Stall führen, aber ich weiß noch, wie viel Angst meine Oma damals hatte. Ich hab das ja gar nicht verstanden.«
Hanna sah an Michael vorbei zur Tür, wo sie ihre Taschen bereits abgestellt hatte. Sie war längst fertig zur Abfahrt gewesen, als sie von ihrem Zimmer heruntergekommen war. Sie hatte nur mehr auf ihn gewartet.
»Ich habe mich dort immer wohl gefühlt. Die toten Säue, die zum Ausbluten an riesigen Haken hingen. Meine Oma, die mit der Hand das Blut für die Wurst gerührt hat, damit es keine Klumpen gibt, das hat mir alles nichts ausgemacht. Heute wurde ich umfallen, glaube ich. Das war für mich immer Zuhause.«
Für Hanna klang das alles zu melancholisch, viel zu verklärend. Auch wenn sie verstand, warum er das so fühlte. Es war ihr ja lange auch so gegangen. Vielleicht ging es ihr immer noch so, wenn sie von damals erzählte. Und trotzdem, bei Michael störte es sie.
»Wir hätten am Hof bleiben können, als Oma und Opa tot waren. Papa hätte ihn übernommen, aber meine Mutter wollte nicht. Sie hat ihn dazu gedrängt, ihn zu verkaufen. Und dann sind wir weggezogen.«
»Sie hat es sich sicher nicht einfach gemacht.«
Hanna hatte das Thema nicht ansprechen wollen, nicht jetzt. Aber sie wusste nicht, was sie sonst hätte sagen sollen. Er hatte sie angesehen, als warte er auf eine Antwort. Dabei hatte er gar keine Frage gestellt. »Das wissen Sie ja besser als ich«, fuhr Michael sie an.
Er war laut geworden, sogar das Ehepaar sah irritiert herüber, was Hanna peinlich war. Sie wollte nicht streiten und keine Szene verursachen. Sie wollte nur möglichst schnell aufbrechen und die Abfahrt nicht weiter hinauszögern.
»Schau, es geht doch immer um Entscheidungen die man trifft. Und darum, was man durch diese Entscheidungen aufgibt.«
»Haben Sie das wieder aus einem ihrer Arztromane?«
Hanna wollte aufstehen, doch Michael griff nach ihrer Hand. Sie erschrak fast, sein Griff fühlte sich kalt an, beinahe aggressiv.
»Für meine Mutter war jedenfalls ganz klar, was sie aufgibt«, sagte er. Seine Stimme klang scharf und bissig, doch Hanna blieb ganz ruhig, als sie ihm antwortete.
»Ich kann dir da nicht weiterhelfen. Aber du weißt ja, wie das ist: Durch jeden Weg, den man wählt, verbaut man sich einen anderen.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Dass deine Mutter eine schwierige Entscheidung getroffen hat.«
»Gegen mich. Gegen uns.«
»Jede Entscheidung ist eine Entscheidung für etwas und eine Entscheidung gegen etwas.«
»Das ist ja beruhigend zu wissen.«
»Alles, was ich sagen will, ist das: Du weißt nicht, was sie aufgegeben hätte, wenn sie bei dir geblieben wäre.«
Hanna wusste, dass sie Michael damit verletzte, aber sie konnte es nicht anders ausdrücken. Sie fand keine sanfteren Worte dafür. Er stieß nur hervor: »Aber ich weiß, was sie aufgegeben hat, weil sie gegangen ist.«
Es wurde ihr zu viel, sie konnte nicht mehr. In ihrem Blickfeld waren nur mehr die Taschen neben der Tür.
»Du bist so unendlich gerne unglücklich.«
Hanna war der Satz einfach so hinausgerutscht aber sie bereute ihn nicht. Michael riss ungläubig den Mund auf, als hätte sie ihm ins Gesicht geschlagen.
»Habe ich nicht recht? Haben nicht alle recht, die dir das schon gesagt haben?«
Michael schwieg, er ließ seine Finger über die Tischplatte wandern.
»Irgendwann wirst du etwas ändern müssen, denkst du nicht?«
»Da ist nichts zu ändern, dafür ist es zu spät. Man sollte genießen, was man nicht ändern kann. Süßer Schmerz eben.«
»Irgendwann kommt ein Schmerz, der nicht mehr süß ist. Glaub mir.«
»Wie am Grab Ihrer Mutter?«
Sie war ihm nicht böse.
»Oder bei Ihrem Besuch im Gefängnis?«
Sie spürte nur ein ungutes Gefühl in der Magengegend.
»Ich wollte dich nicht beleidigen«, sagte sie. »aber wenn eine Wunde sich nicht schließt, fängt sie an zu stinken.«
»Und ihre Lösung sieht wie aus? Ärmel hochkrempeln und nach vorne schauen? So einfach ist das nicht.«
»Du kannst ruhig glücklich sein. Ich verrate es niemandem.«

© 2013 Septime Verlag, Wien

 

 

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