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Leseprobe: Robert Schindel - Der Kalte

Krieglach saß mit seiner Frau Emmy beim späten Frühstück. Er hatte schlechte Laune wie zumeist am Morgen. Er hing in seinem Frühstücksstuhl drin, als wäre er ein draufgeworfenes Kleidungsstück, gähnte ständig und wartete, dass Emmy ihm sein durchaus frugales Essen vorsetzte. Als Schinken, Eier und Käse auf dem Tisch standen und sie ihm den Tee eingoss, erhob er sich, holte sein Labgetränk, wie er es nannte, und schüttete es dazu. Emmy bedachte diese Verrichtung mit einem kurzen Blick, um sich hernach ihren Tee an die Lippen zu führen. Er schwieg.
Gestern Abend war Emmy aus Edlach allein zurückgekehrt, sie war in der Wohnung Schadekgasse etwas zugange, fuhr noch spät nach Einwilligung ihres Gemahls in sein Atelier, um hier bei ihm zu übernachten. Nächsten Tag wollte sie mit ihm einen ausgedehnten Spaziergang im Prater unternehmen, damit er nach tagelangen und angestrengten Arbeiten sich wieder in den Alltag eingehen konnte. Ohne sie würde Krieglach den ganzen Tag im Atelier verbleiben, seinem Getränk zusprechen und zeichnen. Wenn bei anderen Gedanken durchs Hirn strichen, dann fertigte er stattdessen Kritzelzeichnungen an, große nervöse kreiselhafte Ausrückungen, schnell und mit Geschnaufe hingeworfen. Ohne Emmy würde er nachmittags einnicken, sich in Kriegsträumen wälzen, um hernach weiter und weiter zu kritzeln und zu schnaufen. Abends würde er sich aufmachen, seinen Galeristen in der Zollergasse aufzusuchen. Wenn sich niemand anderer einfand, würde er mit dem Galeristen zu politisieren anfangen, sich im Laufe des Abends immer mehr und weiter in Rage reden. Emmy würde ihn von dort abholen. Dann würden die beiden noch in ein Lokal gehen, etwas essen, und Krieglach würde dort weitere Leute finden, mit denen er streiten und schimpfen konnte. Emmy saß stets ruhig dabei, schätzte den Zeitpunkt ab, an dem sie begann, ihren Mann von der jeweiligen Auseinandersetzung wegzuzerren, oder sie erkannte vor ihm seinen Müdigkeitsgrad, sodass es ihr möglich wurde, ihn sachte zum Aufbruch zu bringen.
Als nun das Telefon läutete, warf Emmy einen Blick auf Herbert. Er hob seine Augen zum Plafond und stand auf. Während er mit dem Bürgermeister redete, trug sie das Geschirr hinaus. Als sie zurückkam, saß er in seinem Sessel.
"Purr kommt."
"Wann?"
"Gleich."
"Was will er?"
"Geht dich nichts an."
"Geh ich?"
"Bleib."
Purr hatte in der linken Hand Blumen, in der rechten eine Flasche Zubrówka. Emmy Krieglach nahm ihm den Mantel ab und die Blumen, führte ihn herein. Krieglach stand auf, verneigte sich, breitete die Arme aus.
"Was führt dich her, mein Fürst, welche Mühe, um elf am Vormittag?" Und er nahm den Zubrówka entgegen. Purr lachte und wollte antworten.
"Sag nichts, Doktor Purr. Lass mich raten."
"Kaffee?", fragte Emmy. Purr nickte. Sie ging.
"Du willst dir das Monumenterl anschauen, welches ich da hinten steh hab, und verhüllt, wie du schnell bemerken wirst."
"So ist es, Herbert. Ich bin verpflichtet, mir vor den großen Streitereien im Gemeinderat das Wunderwerk anzuschauen. Du wirst verstehen, ich muss ja kennen, was ich verteidige und vertrete."
"Das musst du nicht, Schorschi, das musst du einen Dreck. Du kennst mich, du kennst mein Zeug, du hast die Entwürfe gesehen, wir haben gequatscht, und jetzt musst du dich überraschen lassen, wie alle. Schnapsl?"
"Nein danke, Herbertl, das geht nicht. Ich sage dir gleich. Ich muss das Werk in Augenschein nehmen."
Emmy kam mit einer Thermoskanne herein, aus der sie dem Bürgermeister Kaffee einschenkte. Nach einem kurzen Blick auf Krieglach setzte sie sich dazu.

S. 166-168










































































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