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Christoph Flarer: Am achten Tag

Roman
Wien: Septime, 2013
192 S.; geb. mit Schutzumschlag & Lesebändchen
18,90 Euro
ISBN: 978-3-902711-21-2

Autor
Leseprobe

Eines Tages taucht plötzlich ein seltsamer moosartiger Fleck an der Fassade jenes Ladens auf, in dem Tereza arbeitet. Sie versucht ihn zu entfernen, doch er kommt immer wieder. Allzu sehr kümmert sie das allerdings nicht mehr, denn sie erledigt ihre letzten Stunden im Laden: Tereza wurde gekündigt und hat beschlossen, zusammen mit ihrem Freund Marek in die Mongolei zu reisen. Da die beiden eine Woche später tatsächlich in die Wüste Gobi aufbrechen, erfahren sie nicht mehr, was es mit dem ominösen Moosfleck tatsächlich auf sich hat.
Die übrigen Protagonisten, von denen in Christoph Flarers Debütroman Am achten Tag in verschiedenen Erzählebenen von einem olympischen Erzähler berichtet wird, werden dagegen Zeugen von ganz und gar unglaublichen Dingen, die von diesem einen "Moosfleck" angekündigt werden. Allerdings ahnt keiner von ihnen am Beginn des Romans davon irgendetwas: Emily und Jack richten sich samt Kindern gerade in ihrer neuen Villa ein, was vor allem heißt, hohe Zäune aufzuziehen und keinen Kontakt zu Nachbarn zu suchen; Ruben versucht herauszufinden, warum der Stromverbrauch in dem Forschungsinstitut, in dem er arbeitet, plötzlich rasant angestiegen ist; Carlos ist Abteilungsleiter einer Firma, die "forbs" herzustellen versucht - Maschinen, die hoch komplexe Aufgaben übernehmen und selbstständig denken können -, was allerdings noch nicht ganz reibungslos funktioniert; ein Obdachloser streunt durch die Straßen einer Stadt, und Sandra, Terezas Kollegin, versucht nun an Terezas Stelle, dem Fleck an der Fassade Herr zu werden. Bald stellt sich dann heraus, dass der Moosfleck gar keiner ist, dass es sich überhaupt um keine Pflanze handelt, sondern um einen lebenden Organismus, der wächst und wächst. Und das ist erst der Anfang: Während Ruben herausfindet, dass die Versuchsobjekte, die das Institut beherbergte, sich nachts selbstständig einschalten, womit der Anstieg des Stromverbrauchs geklärt ist, setzt Carlos heimlich einige "forbs" an verschiedenen Orten aus - um zu sehen, wie sie auf die Umwelt reagieren. Vielleicht beschleunigt Carlos damit, was ohne das Wissen der Menschen schleichend begonnen hat: die Aneignung der Welt durch selbstständig denkende Maschinen ...
Überall in der Stadt finden sich dann immer mehr solche "Maschinen-Gewächse", die in Art und Gestalt variieren und das Leben der Menschen massiv beeinflussen - und zwar durchaus positiv: Emily und Jack bringen sie intensiven Kontakt mit den Nachbarn, was Emily zunächst zwar vehement ablehnt, dann aber durchaus reizvoll findet, die Obdachlosen nützen die Maschinengewächse bald als Schlafmöglichkeiten, Firmen verlegen gezwungenermaßen Büros dort hinein ... Nach und nach lernen die Menschen, sich mit diesen Maschinen-Gewächsen zu arrangieren, lernen sie zu nutzen, sodass sie bald zu einem selbstverständlichen Teil der Umwelt werden. Nur Tereza und Marek wissen davon auch am Ende des Romans noch nichts. Sie haben ganz andere Probleme: Nachdem Tereza in einem Anfall von Wut Satellitentelefon und Navigationsgerät weggeworfen hat, um sich vom "Diktat" der Maschinen zu befreien, stehen die beiden irgendwann ohne Sprit und Wasser in der Wüste und fallen erschöpft in einen "letzten Schlaf" ...
Damit schließt der knapp zweihundertseitige Roman, der sich vor allem in der ersten Hälfte, wo sich die Situation nach und nach zuspitzt, immer noch seltsamere Dinge geschehen, spannend liest. Man fragt sich, wie Flarer, Jahrgang 1979, die Fährten, die er geschickt auslegt, weiterspinnen wird. Was zunächst bedrohlich und mysteriös erscheint, entpuppt sich dann allerdings als verhältnismäßig harmlos - vielleicht ein wenig zu harmlos. Das ist ein bisschen schade, denn die Erzählung verliert durch die Beschreibung des neuen, überraschend wenig spektakulären Alltags mit diesen Maschinen-Gewächsen anhand zahlreicher Beispiele etwas an Zug. Auch fragt man sich insgesamt, was der Roman letztlich sein möchte: Zu Beginn wirkt er mehr oder weniger wie ein klassischer Fantasyroman, wandelt sich dann aber hin zur literarischen Utopie, die nicht mehr primär auf Spannung abzielt, sondern eine theoretische Idee (das "Zusammenleben" von Mensch und selbstständiger Maschine) erläutern möchte. Diese explikative Utopie wird allerdings immer wieder durch die zweite Erzählebene rund um Tereza und Marek gebrochen, in der das utopische Element gar keine Rolle spielt. Ihre Funktion für den gesamten Text bleibt daher insgesamt am rätselhaftesten, sie trägt sicher am meisten dazu bei, dass der Text insgesamt etwas disparat wirkt.

Außer Zweifel steht, dass der gebürtige Südtiroler Flarer viel Fantasie und erzählerisches Talent besitzt und einen Text geschrieben hat, der vor Einfallsreichtum strotzt. Und auch die formale Konzeption des Romans, die Aufsplitterung in mehrere Erzählebenen, die sich collagenartig zu einem Textgewebe verbinden, ist gelungen und birgt einiges an Potenzial für zukünftige Projekte des jungen Autors.

Friederike Gösweiner
Oktober 2013

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



























































































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