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Die TEXTLICHT-Reihe der Edition Atelier

Neue österreichische Autoren und Autorinnen
Sammelrezension

Leseproben

Der Verlag Edition Atelier hat 2013 eine neue literarische Reihe ins Leben gerufen: TEXTLICHT. Mit dem schlicht gehaltenen kleinen Format der darin aufgenommenen Texte versucht der Wiener Verlag, deren Weg zu günstigen Preisen zum Publikum finden zu lassen. Die kurzen Texte aus der jüngeren und jüngste Generation österreichischer Schriftsteller und Schriftstellerinnen changieren zwischen Poesie, Politik und Wortwitz. Die Auswahl zeigt ein beachtliches Spektrum an widerständiger und gleichzeitig kurzweiliger Wortkunst auf: assoziativ, vielschichtig und immer mit einem Augenzwinkern versehen.

Eva Schörkhuber hat mit der feinsinnigen Erzählung Die Blickfängerin ihr Debüt in der Reihe vorgelegt. Wer ist diese Frau, die dem Text den Titel verlieh? Die Blickfängerin sitzt in einer kleinen Koje und überwacht einen schmalen Gang, dessen grauer Linolboden immer etwas nach Spülmittel riecht. Ein Blick löst sich aus einem der Gesichter der vielen PassantInnen, die täglich unbemerkt an ihr vorbeilaufen. Es ist ein flüchtiger Blick, der die Blickfängerin zur Detektivin werden lässt und ein ganz besonderes Archiv entsteht: eine Sammlung von Blicken. Absichtslose Blicke, die aus dem Schlaf emporschrecken, Blicke, die sich verstohlen auf den Weg machen, sprechende Köpfe, aus denen ein Blickfeuerwerk emporschnellt. Mit jedem gesammelten Blick erweitern sich die Orte und Geschichten, die Eva Schörkhuber in dieser klugen Erzählung beschreibt. Eine Kirche mit Flüchtlingen, ein Bahnhof mit schlafenden Menschen, ein besetztes Haus, je mehr die Blickfängerin in das Leben der Menschen um sie herum eintaucht, desto mehr Bilder aus ihrer eigenen Vergangenheit kehren zurück. Eva Schörkhuber zerlegt nicht nur Blicke in Sekundenschnelle, auch Worte werden von ihr auf wunderbare Weise unter die Lupe genommen. Die Blickfängerin ist ein ebenso politischer wie poetischer Text, der dazu einlädt, nicht nur in Wien nach Orten der Zivilcourage Ausschau zu halten.

Einen literarischen Dialog mit der Theorie des Karnevalesken von Bachtin hat Phillip Weiss vorgelegt. Die Figur, die seinem schmalen Erzählband den Titel verleiht, Tartaglia, auf Deutsch "Der Stotterer", ist, wie er es in einem Gespräch formuliert, "eine Figur der Innerlichkeit, die nach der poetischen Sprache, nach der Umwälzung im Inneren sucht". Auch Weiss, der sich bereits mit Kurztexten, Theaterstücken und Leseauftritten Gehör verschafft hat, wurde in dieser Edition erstmals in Buchform publiziert. Beim Text handelt es sich um ein Manuskript, an dem der Autor mehrere Jahre gearbeitet hat und das er nun, neu überarbeitet, endlich veröffentlicht hat. Dass Autoren-Ich bleibt spürbar, geht es in vielen der Textfragmente schließlich um das Finden einer eigenen Sprache, den Umgang mit Fremdheitsmomenten im Alltag, der Entfremdung und Annäherung durch Worte, den gleichermaßen gehassten und geliebten Schreibakt selbst bis hin zur Zerstörung von Buchseiten vor dem Kamin. In vielen sinnlichen und die Sinne sprachlich inszenierenden Körpermetaphern der satzgeizigen, dabei äußerst wortsensiblen Fragmente offenbart sich die pure Lust des Autors am Text.

Auch Claudia Tondl, die bereits als Theaterautorin auf sich aufmerksam machte, liefert mit Fensterfummeln ihr Romandebüt, dem eine stark überarbeitete Bühnenfassung des Textes zu Grunde liegt. Sie entführt die Leser und Leserinnen in einen Zuschauerraum der besonderen Art und baut für uns ein Bühnenbild auf, vor dem die Gedanken wild herumtanzen oder wie Claudia Tondl es in dem furiosen Kurzroman formuliert: "In und zwischen den Zeilen liegt die Betrachtung." In 38 Bildern und zwei Werbeunterbrechungen ist viel Platz um Gedankengänge auf den Kopf zu stellen und neue Blickweisen auf den Konsum- und Schönheitswahn unserer Gesellschaft zu werfen. Tondl baut dazu ein tragisch-komisches Kopftheater, das den Bogen von Aristophanes über Germany's next Topmodel bis hin zu den Grausamkeiten der Konsumindustrie, zwischen Massentierhaltung und Ausbeutungsmechanismen spannt. Figuren aus der Mythologie und den letzten Werbetrailern treten auf, jagen den Geheimnissen der Quadratur des Kreises nach, stolpern über Wortbrücken und machen es sich hinter einer imaginären Fensterscheibe gemütlich. Fensterfummeln ist eine ebenso vergnügliche wie gesellschaftskritische Reise zu den Schattenseiten unserer schönen neuen Konsum- und Werbewelt.

François Grosso und Ulrike Schmitzer sind zwei weitere AutorInnen dieser Reihe junger kleinformatiger Publikationen. Grosso legt mit seinem Debüt Zurückbleiben, bitte einen Kurzroman zu den Studentenprotesten an der Universität Wien vor. Anja, eine an Panikattacken leidende Studentin, jagt sich selbst und ihre Gedanken in fünf Episoden durch fünf Wiener U-Bahn-Linien. Selbstzweifel und ins Leere laufende Diskussionen mit ihrem Freund Antoine verstärken Anjas Angst vor der immer näher rückenden großen Demo im Uni-Viertel, bei der es schließlich zum großen Finale, oder aber zum totalen Zusammenbruch, kommen soll.

Schmitzer andererseits hat sich mit Die Flut erlaubt, eine moderne Arche Noa in eine Zeit der Umweltkatastrophen und globalen Klimaerwärmung zu versetzen. In ihre modernen Kurzroman beschreibt sie die Ausschlussmechanismen einer Gesellschaft: Kaum bricht eine rote Schlammflut über ein Land herein, verfärben sich die Menschenkörper schwarz. Es braucht nicht lange, bis Menschen wegen vermeintlicher Ansteckungsgefahr ausgestoßen, gefangengenommen und in Lager gesteckt werden. Ein Bauer, selbst von der schwarzmachenden Krankheit befallen, möchte gegen alle Warnungen und Kontrollversuche der Obrigkeit und des Militärs seinen verschwundenen Enkel finden, der von Soldaten abgeholt wurde. Ein schnell ausgelesenes Beispiel unheimlicher Science-Fiction made in Österreich.

Izy Kusche, dessen erster Roman Und dann lynch' ich deinen Hummer! - Das Affenalbum bereits 2012 in der Edition Atelier veröffentlicht wurde, schickt seine Lesenden in seinem Textlicht-Buch Kassiber quer durch die griechische Sagenwelt, die er allerdings in ein gänzlich neues, zeitgenössisches Gewand steckt. Der Trojanische Krieg - reloaded. Zeit und Geist einst und heute prallen aufeinander, Lektüre für Antikefans ohne Konzentrationsstörung.

Der einzige Autor der Reihe, der bereits mehrere Buchpublikation vorzuweisen hat, ist Thomas Ballhausen, der mit der Brandstifterin einen düsteren Text über eine geheimnisvolle Pyromanin verfasst. Die titelgebende Brandstifterin lebt ihre Liebe zu den Flammen leidenschaftlich und ungehemmt aus. Ein Schreiben in und rund um Bücher und Bibliotheken, ein Schreiben voller geheimnisvoller verschlüsselter Botschaften, ein Textuniversum und ein Zitatuniversum. Seine Erzählung entfaltet Ballhausen vor einem bedrohlich apokalyptischen Hintergrund, der viele seiner Texte prägt und vor dem sich die Brandstifterin als noch bedrohlicher und noch verführerisch-unheimlicher abhebt.

Elena Messner & Christine Erhardt
Dezember 2013

Originalbeitrag.

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.























































 

 

 

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