logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   mitSprache

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Leseprobe: Karl-Markus Gauß - Das Erste, was ich sah

Die Stimme, wie lange spricht sie schon? Sie kommt aus dem dunklen, mit gerippten Plastikknöpfen bestückten Kasten, der zwischen den zwei hohen Buchregalen steht und ein quer laufendes, grünlich leuchtendes Band hat. Wenn die Mutter die Tuchenten ausklopft, setzt sie mich im Wohnzimmer auf den Boden. Ich hämmere auf Holzstücke, die ich aus der Matador-Kiste geleert habe, und während ich versuche, Bauklötze mit Stäbchen so zusammenzustecken, dass sie einer Figur oder einem Gebäude gleichen, höre ich diese körperlose Stimme. Gesucht wird der Gefreite Matthäus Ploderer, Angehöriger der 44 Infanteriedivision, zum letzten Mal gesehen im Jänner 1948 in Pitomnik.
Ich werfe die Klötze in die Ecke und gehe zum Fenster, vor dem die Schneeflocken wirbeln. Über die Wiesen ist eine weiße Decke gebreitet, erst im Frühling nimmt die Siedlung wieder Farbe an, im Sommer fahren wir mit dem Bus ins Volksgartenbad, bis wir müde sind von der Sonne und vom Lärm der anderen. Im Herbst verschwinden die beiden Schwestern in der Schule und der Bruder im Kindergarten, ich spiele jetzt mit bunten Lego-Steinen aus Plastik, die mir so wenig Freude bereiten wie das Spielzeug aus
Holz. Verdrossen schaue ich zum Fenster hinaus und bemerke, dass es wieder zu schneien begonnen hat, und noch immer ist die Litanei unbekannter Namen, fremder Orte, zerschlagener Divisionen nicht verstummt. Allein mit der volltönenden Stimme, werde ich mir meiner Anwesenheit im Raum bewusst, und der empörenden Tatsache, dass ich allein bin. Der Raum ist unser Wohnzimmer, aber er ist unendlich groß, er reicht bis zur Narva, das Schlachtfeld von Charkow hat Platz darin, die Sümpfe des Donezk. Dies ist eine meiner frühesten Erinnerungen, die Stimme, die heute nur in mir noch existiert, weil der Mann aus dem Radio längst tot und im Äther verrauscht ist, was er sagte, diese Stimme, die
keinem Anwesenden gehörte und nach zahllosen Abwesenden fragte: sie war
es, die in mir das Bewusstsein meiner selbst geweckt hat.

S. 7f.






























































































 

 

Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Sehr geehrte Veranstaltungsbesucher/innen!

Wir wünschen Ihnen einen schönen und erholsamen Sommer und freuen uns, wenn wir Sie im September...

Ausstellung
Gerhard Roth: Spuren. Aus den Fotografien von 2007 bis 2017

12.06. bis 29.08.2018 Ausstellung Gerhard Roth, einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart,...

Jung-Wien: Positionen der Rezeption nach 1945

08.05. bis 29.08.2018 Ausstellung | Foyer Jung-Wien war ein Literaturkreis im frühen 20....

Tipp
flugschrift Nr. 24 von Lisa Spalt

Wenn Sie noch nie etwas vom IPA (dem Institut für poetische Allltagsverbesserung) gehört haben,...

Literaturfestivals in Österreich

Sommerzeit - Festivalzeit! Mit Literatur durch den Sommer und quer durch Österreich: O-Töne in...