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Leseprobe: Florian Neuner: Moor (oder Moos)

Filmriß, das ist der Einstieg. Keine Ahnung, was vorher war. Was in der letzten Nacht passiert ist. Auch diesmal wieder. Schnitt - zumindest rechtfertigt das diesen Anfang, diesen Einstieg, der sonst ja immer etwas Willkürliches hat: Wo beginnen? Das ist doch sonst immer die unbeantwortbare Frage. Warum nicht schon eher? Warum nicht erst später? Ankunft auf der Insel. Filmriß. Längst ist es hell, & längst hat die Gaststätte zur Post gegenüber geöffnet. Die immer schon frühmorgens öffnet - mindestens eine Stunde eher als das Postamt schräg gegenüber -, um spätestens um 18 Uhr bereits wieder zu schließen. Die über ein ganz eigentümliches Stammpublikum verfügt, das seinen Trinktag offenbar mehr oder weniger bewußt den Arbeitszeiten in einem durchschnittlichen Betrieb oder Bureau anpaßt. Aber warum eigentlich? Um Ehefrauen & Angehörigen vorzuspielen, man gehe einer geregelten Arbeit nach, während man in Wahrheit die Tage in der Gaststätte zur Post verbringt? Ich weiß es nicht. Ich habe diese Probleme nicht. Nicht nur, weil niemand auf mich wartet. Auch, weil die Clichébilder vom Poeten, diese Genieästhetik aus dem vorletzten Jahrhundert, so hartnäckig fortleben, daß einem Dichter noch immer ein unsteter Lebenswandel, Drogen, Suff usf. zugestanden, ja: mitunter geradezu abverlangt werden. Dem Dichter, der stellvertretend Grenzen überschreiten & ein Leben führen soll, das zu führen man sich selbst nicht getraut. Aber man will davon lesen. Will man das wirklich? Wer? & will man davon schreiben, im Ernst? Diese Vorstellungen vom wilden Leben sind einfach nicht totzukriegen. Filmriß, das bedeutet Lücken im Gedächtnis, über die ich folglich nicht schreiben, sondern höchstens spekulieren kann. Aber wer sagt das? Literarische Texte sind doch fiktional, nicht wahr? In der Literatur geht es nicht um Wahrheit. Das habe ich letzte Woche sogar in der Zeitung gelesen. In einem Artikel, in dem ein Literaturkritiker seinen Lesern, & also auch mir, weismachen wollte, daß in den gegenwärtigen Literaturdebatten um die Opposition von Künstlichkeit & Authentizität, Konstruktion & Erlebnis gestritten werde. Wie langweilig! Es wäre vielleicht besser, gleich wieder einzuschlafen. Die Jalousien wehren die Sonne einigermaßen zuverlässig ab. Aber der Brand & der Harndrang sind zu groß. Es wird kein Weg daran vorbeiführen, Wasser in sich hineinzuschütten & pissen zu gehen. Erwachen in einen verkaterten Vormittag also. Hang zu Alkohol & Giften. Einige Kollegen behaupten, daß sie in diesen Katerzuständen besonders gute Einfälle hätten. Nun kann man das behaupten, & niemand kann ja wirklich nachvollziehen, wenn es zu Einfällen kommt in den Köpfen der Kollegen. Ich habe in diesen Katerzuständen mit den Kollegen nur angestrengte Gespräche geführt, in denen unser Denken wie verlangsamt war & Gedankensprünge schwierig, oder Sex gehabt. Das geht im Kater doch ganz gut. Dieter Roth jedenfalls - der ohnehin immer sehr weit ging & alles übertrieb - ging sogar so weit, die Güte von Literatur danach zu bewerten, wie weit sie ihm bei der Überbrückung & Bewältigung von Katerzuständen zu Diensten war, & schätzte als die ideale Kater-Lektüre die Bücher über Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert von Friedrich Achleitner. Ich habe diese Bände leider nicht zu Hause & kann also nicht überprüfen, ob sie auch mir aus meiner weinenswerten Verfassung heraushelfen würden. Die Literatur von Dieter Roth ist dazu nur bedingt geeignet, würde ich sagen. Die Gedichte bestimmt nicht, vielleicht eher die Bastelnovelle. Die Tagebücher sind möglicherweise zu deprimierend. Besser ist eventuell die Literatur von Alexander Kluge geeignet oder von Paul Wühr. Ich weiß es nicht, weil ich eher dazu neige, das Radio einzuschalten in dieser Situation. Deutschlandfunk, die Information am Mittag, um langsam aufzuwachen. Aber ist das nicht viel deprimierender, als es die Tagebücher von Roth jemals sein könnten? Deutsche Politiker weisen den Rest der Welt zurecht & in die Schranken, weil außerhalb Deutschlands zu wenig gespart wird, weil angeblich Demokratie-Defizite bestehen außerhalb Deutschlands usf. Die sogenannte Weltlage, aus deutscher Sicht. Die Außenwelt, die einen ja doch immer wieder einholt, auch in den Kneipengesprächen. Sogar auf der Insel. In den Radio-Nachrichten, die in den Kneipen den Schlagermüll unterbrechen oder in Form der dort ausliegenden Zeitungen, in denen davon berichtet wird, daß deutsche Politiker den Rest der Welt zurecht & in die Schranken weisen. & das ist nur ein kleiner Teilaspekt der Misere, gegen den auch auf der Insel vehement angetrunken wird. In unmittelbarer Nähe des Regierungsviertels. Aber man hat hier noch keinen Politiker gesehen!

S. 4ff.
















































































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