Peter Handke: Versuch über den Pilznarren

Eine Geschichte für sich

Berlin: Suhrkamp Verlag, 2013
216 S., geb./Leinen mit Schutzumschlag
19,50 Euro
ISBN: 978-3-518-42383-7

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In den Jahren zwischen 1989 und 1991 hat Peter Handke drei "Versuche" veröffentlicht, nämlich über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag, dann - nach einer langen Pause - im Vorjahr über den "Stillen Ort" und jetzt den Versuch über den Pilznarren, der die Essays endgültig beschließen soll, wie der Dichter selbst sagt und in der aktuellen Abhandlung, die in der "Pentalogie" die eigenwilligste darstellt, verbrieft ist.
Peter Handke hat nicht Unrecht, wenn er im Untertitel programmatisch konstatiert: "Eine Geschichte für sich". Das "Pilznarren-Buch" ist in Ton, Inhalt und Intention im Vergleich mit den ersten drei und dem auch bereits monolithischen vierten etwas Anderes und Eigenes.

Der "Pilznarr" ist allein schon "grundanders", weil der Hobby-Mykologe beziehungsweise Freizeit-Pilzkundler Peter Handke hier mit seinem "Schwammerl"-Wissen prunkt, wie in keinem Versuchskonvolut davor über ein Spezialgebiet. Wir lesen Pilznamen, die der landläufige Genießer noch nicht gehört hat. Mit Eierschwammerln oder Parasolen, Steinpilzen oder gar Trüffeln lässt sich ein Handke nicht abspeisen. Und schon gar nicht bloß auf Deutsch. Er gebraucht für die Bestimmungen neben den deutschsprachigen französische, lateinische und slowenische Namen.
Dieses Buch ist in der "Pentalogie" etwas Eigenes, weil Handke von seinem Modus abgeht, über einen Gegenstand zu schreiben, und zwar insistierend. In diesem Zusammenhang verbalisiert er sein Augenzwinkern, wonach es noch kein literarisches Pilzbuch gäbe. Auch Handke hat es nicht verfasst, weil es ihm um viel mehr geht? Um sein Leben. Seine Geschichte. Um sein Berühmen.
Der Erzähler schreibt im Pilz-Versuch die Geschichte eines Mannes auf, mit dem er Haus an Haus seine Kindheit verbracht hat, ganz offensichtlich im zweisprachigen Kärnten. Die Anspielungen auf Griffen/Grebinj sind unverkennbar. Dieser Mann hat Rechtswissenschaften studiert und ist Verteidiger vor "internationalen Gerichtshöfen" geworden. Die Handke-Leserin/der Handke-Leser werden bald erahnen, feststellen und textlich recherchieren, dass der Erzähler und Jurist ein und dieselbe Figur sind, nämlich der Schriftsteller und Miloševic-Verteidiger Peter Handke und niemand anderer, zumal der Autor auf subtile Weise versucht, sein Engagement für den serbischen Politiker und nachmaligen Kriegsverbrecher wenn schon nicht zu rechtfertigen, so doch zu erklären. Und das sei ihm natürlich unbenommen.

Handke erzählt seine Pilz-Genesis von der kindlichen Methode zur Geldbeschaffung über die interessierten Studien bis hin zur "Verwissenschaftlichung" des Freizeitinteresses. Parallel schreibt Handke seine biografischen und bibliografischen Parameter auf: die Geburt seines ersten Kindes (des Kindes, nicht der Tochter!), seine Karriere mit den Frauen, die von Partnerin zu Partnerin exotischer werden, die Hinweise auf die Wiederholung und das Jahr in der Niemandsbucht, sogar seine berühmte Apotheker-Figur aus Taxham lebt auf. Der Versuch wird zu seiner codierten Lebensgeschichte, die der Handke-Kenner dennoch ohne Schwierigkeiten "entziffert".
Im Buch veranschaulicht Peter Handke, dass er Schriftsteller und nicht Jurist ist. Die Begriffe aus der Rechtswissenschaft werden nicht einwandfrei gebraucht. Hingegen sind seine Naturbeschreibungen vom Feinsten und erreichen einen einsamen Höhepunkt in der Charakterisierung der verschiedenen Blätter, dem Rauschen der Eichen, dem Brausen der Buchen, dem Rascheln der Birken und ihrem Fallen. (S. 104)
Der Leserin/Dem Leser wird empfohlen, doch einmal, beispielsweise, das Fallen eines Edelkastanienblatts zu beobachten! Viele haben es schon gesehen, aber wahrscheinlich noch nie genau in Augenschein genommen.
Die Beschreibungen der Natur, der Region und der Schreiborte sind so präzise und klar, dass man sie mit den heutigen digitalen Hilfsmitteln, von denen Peter Handke bekanntlich nichts hält, suchen - und finden -  könnte.

Der "Pilznarr" ist, um ein Handke-Wort zu gebrauchen, wahrhaftig. Nur eines kann man ihm nicht abkaufen. Im Versuch heißt es wortwörtlich: "Er war kein Marktschaffer, kein Marktschöpfer, kein Markttyp." (S. 153) Und ob! Kein deutschsprachiger Schriftsteller hat seit den 1960er-Jahren für sich einen größeren und ertragreicheren Markt abgezirkelt als Peter Handke aus Griffen/Grebinj.

Janko Ferk
21. Oktober 2013

Originalbeitrag

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