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Kurt Palm: Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini

Kein Spaghetti-Western

Roman
St. Pölten: Residenz Verlag, 2014
264 S; geb.
19,90 Euro
ISBN 978-3-7017-1604-3 (ISBN ebook: 9783701744534)

Autor
Werke
Leseprobe

Was, wenn Hannibal die Römer geschlagen hätte, und zwar vernichtend? Wie hätte dann die Antike ausgesehen – hätte es ein römisches Weltreich gegeben und Lateinunterricht in Gymnasien? Was, wenn die Südstaaten den Amerikanischen Bürgerkrieg gewonnen hätten? Wie hätte der Zeiten Lauf ausgesehen, wenn Napoleon die Schlacht von Waterloo für sich entschieden hätte?
Was wäre, wenn ...: Das ist wohl die zweite große Frage der Fiktion, und neben „Es war einmal“ ein Kardinalanfang des Erzählens. Was wäre gewesen, wenn eigentlich sich anderes ereignet hätte, das sich nicht mit der faktischen Historie deckt? Alternativgeschichtsschreibung wird so etwas geheißen.
Was also, wenn Django wieder käme, der Held aus den fünf Dutzend Italowestern, die zwischen 1966 und 1973 gedreht wurden? Schließlich war, so der Titel des Leinwanddebüts, der Colt sein Gesangbuch. Jüngst hat ihn Quentin Tarantino, der Liebhaber jeglichen Kulturtrashs, reanimiert in Kollaboration mit einem österreichischen Schauspieler. Doch Kurt Palm, das literarisch-theatralisch-filmische Multitalent aus Vöcklabruck – man muss es schaffen, nacheinander Bücher über Stifter (und Essen) und über Joyce (und das Gesamtwerk in Alphabetform) zu schreiben, über Fußball (die Hitzeschlacht von Lausanne anno 1954) und Bertolt Brecht (und dessen Boykott wie Anerkennung hierzulande) und Regie zu führen bei einer Vielzahl von Projekten –, hat nun dezidiert keinen Spaghetti-Western gedreht. Sondern schickt den Opernkomponisten Gioacchino Rossini nach Amerika.
Und es ist eine wundersame Reise – die Rossini im faktischen Leben nie unternahm. Palms Rossini bricht nach Übersee auf, da er eine Erbschaft gemacht hat, einen Saloon und ein Stück Weideland mit einer artesischen Wasserquelle in Poplar Bluff, Missouri. Palm, der Musikkenner, schickt ihn im Februar 1852 los. Erst in die dritte Klasse auf einem Schiff, das fast in einem Sturm scheitert, dann durch ein New York, in dem die Neuankömmlinge von Schleppern in bestimmte Quartiere gelotst werden und dabei fast zur Gänze ausgenommen werden. Dort trifft Rossini, den Palm nach dem Leben zeichnete, korpulent, zur Depression neigend, zurückdenkend an die vielen Lieben seines Lebens, auf Don Lorenzo da Ponte, den Mozart-Librettisten. Was so freizügig, da Ponte war 1838 in New York verstorben, wie witzig ist. Denn der 102-jährige Don Lorenzo ist nichts weniger als ein direkter Vorläufer Don Vito Corleones, des Paten Mario Puzos und Francis Ford Coppolas. Dann führt Rossinis Reise gen Westen, und er, der ins Gewand eines stilechten „Westman“ eingekleidet worden ist, wobei die Lederhose scheuert und die Stiefel zu eng sind, sammelt einen versprengten schmächtigen Inder auf, einen riesigen entlaufenen afroamerikanischen Sklaven und im letzten Viertel den Indianer Big Thunder, der einen Kampfstil besitzt, der wohl als Mixed Indian Arts zu bezeichnen ist. Und ganz am Schluss kommt es dann zu einem klassischen Shoot-Out auf der Main Street, auch wenn Palm das Duell zwischen Böse und Gut sacht ironisch gegenbürstet: hier der weiße, gierige, von aktuellen Marktentwicklungen überrollte Rinderfarmer, dort, als Kontrahentin, die ums Überleben kämpfende Betreiberin einer Schaffarm, die lesbisch ist, aber schneller zieht. Am Ende, wie in jedem klassischen Western, obsiegt das Gute; und das Böse verblutet im Sand der Straße. Und Rossini verkündet zwar nicht, in den Sonnenuntergang zu reiten, aber zurück nach Europa.

Nachdem Palm mit dem enorm erfolgreichen und jüngst verfilmten Buch Bad Fucking die Genres Heimat-Roman und Anti-Heimatroman lustvoll in einem pulverisierte und sich danach einen Horrorroman gönnte – 2014 soll eine Filmkomödie aus seiner Feder über eine Verfilmung von Kafkas Landarzt auf Sizilien, für die sogar Franz Kafka als Komparse verpflichtet werden kann, in die österreichischen Kinos kommt –, hat er nun eine unterhaltsame, dramaturgisch raffinierte Travestie des Wilden Westens geschrieben (nicht umsonst ist einer seiner literarischen Lieblingshelden Winnetou). Darin versteckt und eingeschmuggelt sind nicht wenige Anspielungen auf die USA von heute, auf deren Schießwütigkeit und Gewaltaffinität.

Zugleich ist dieses Buch eine Etüde über die Freiheit des Erzählens, die das Schrankenlose extra betont und das, was früher in billigen Heftchen an Bahnhofstraffiken zu finden war, in profunde Romanform gießt, die sich ihrerseits das Gewand des Biografischen überstreift. Und die Biografie als das entlarvt, was sie ist: reine Fiktion. Dabei ist die Historie der Immigration via Schiff und in New York von Palm sorgsam recherchiert und penibel nacherzählt.
Dieser Roman ist ein angemessenes, vorgezogenes, zugleich hochironisches Geschenk zum 225. Geburtstag des am 29. Februar 1792 geborenen Komponisten – wenn, ja, wenn 2017 ein Schaltjahr wäre und man den Gedenktag begehen könnte.

Alexander Kluy

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.














































































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