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Leseprobe: Egyd Gstättner - Das Geisterschiff

Hier in Grado würde ich wohl kaum geeignete Kundschaft finden. Kaum Schüler. Aber zumindest die Wintermonate über in Wien könnte ich ein kleines Atelier anmieten und Unterricht geben. In Wien wollen ja alle Künstler werden. In Grado alle Fischer.
Wenn ein Auchentaller sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann passiert das auch, und gilt es zunächst noch so große Widerstände zu überwinden. Denn die letztjährige Wiener Kunstschau, von der mir Kurzweil in Grado berichtet hatte, war, wie mir Klimt später in Wien sagte, ursprünglich nur für einmal geplant - als Kräfterevue österreichischen Kunststrebens. Ich sei ja leider nicht greifbar gewesen. Bla bla bla. Aber da der Baubeginn des Konzerthauses sich verzögerte und der Grund also noch frei war, konnte die Internationale Wiener Kunstschau heuer noch einmal stattfinden. Na also. Eingeladen waren diesmal auch ausländische Künstler, der Norweger Munch etwa oder der Belgier Minne sowie - postum - Gauguin und Van Gogh. Heimisch und noch am Leben waren Gütersloh, Schiele, Kokoschka; junge Leute, die meine Söhne sein könnten - und sich schon deswegen nicht an Maria Josepha vergreifen dürften. Und ich. Peter und ich. Ein Auchentaller weiß, was er will, und er bekommt es auch. Emma schmunzelte und sagte: manchmal.
Die große Salonnière Berta Zuckerkandl, die ihr Leben lang eigentlich nichts anderes tat als mit Gott und der Welt zu soupieren, zu dinieren, zu déjeunieren, Tee zu nehmen und zu telefonieren, telefonieren, noch einmal telefonieren - und die seit Jahren immer eher abwertend über mich schrieb, was man aber als Zeugnis für meine Qualität deuten darf, merkte zumindest positiv an, dass ich in meinem Gemälde ein Gemälde von mir zitiert hatte, nämlich Die Wolken, also ein Bild im Bild im Bild. Das sieht man ja nicht alle Tage.
"Davon abgesehen ist die Sache aber nicht gerade modern!", mokierte sich Kokoschka.
"Die Moderne von heute ist das Antiquariatsgerümpel von morgen, junger Mann", sagte ich ihm ins Gesicht. "Das gilt auch für Sie! Ihre sogenannte Moderne interessiert mich nicht. Ich male nicht, damit etwas modern ist. Ich male, damit das Gemälde existiert und das Gemalte bleibt! Rotzbub!"

S. 91f.


Ich war als Mensch und als Künstler gestorben, nur als Körper noch nicht. Aber alt genug wäre nun auch mein Körper für diesen Schritt in die Geologie. Ich mag nicht mehr. Ich bin sechsundsiebzig. Ich habe nichts mehr vor, nur noch sterben.
Es gibt Menschen, die wollen nicht und nicht sterben, bis an ihren letzten Tag nicht, bis zu ihrem letzten Atemzug. Ich will schon mein halbes Leben lang sterben und weiß nicht wie. Es ist etwas Totes tief in mir, und vor mir ist Finsternis. Mein Geist ist mit seinem Latein am Ende. Zum zweiten Mal in meinem Leben breitete sich dieser ungeheuerliche Völkerirrsinn jetzt aus, zum zweiten Mal in gerade fünfundzwanzig Jahren. Beim ersten Mal mussten wir Hals über Kopf aus dem Fortino flüchten und Emmas Schmuck und meine Bilder im Keller einmauern. Diesmal konnten wir bleiben. Wir galten offiziell als Bürger des Reiches, wir galten offiziell als Verbündete. Sich um die Mitgliedschaft bei der NSDAP zu bemühen, bei der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt oder in der Reichskammer der bildenden Künste, das war hier in Grado zum Glück nicht erforderlich. Hier blieb es vorläufig ruhig. Am bedrohlichsten war für uns die Flaute, das Ausbleiben der Gäste. Die noch kamen, waren also Italiener. Italienische Herrenmenschen. Italienische Herrenmenschen waren noch lächerlicher als deutsche Herrenmenschen. Und weil sie ja wussten, wie lächerlich sie waren, führten sie sich noch fürchterlicher auf als ihre nördlichen Waffenbrüder hinter den Bergen. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass Nietzsche ausgerechnet in Italien verrückt geworden ist. Hier muss man verrückt werden.

S. 246f.

© 2013 Picus Verlag, Wien































































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