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Leseprobe: Elisabeth de Waal - Donnerstags bei Kanakis

MITTE DER FÜNFZIGER JAHRE, kurze Zeit vor dem Abschluss des so genannten Staatsvertrags, der zum Abzug der alliierten Besatzungskräfte führte und endlich Österreichs Unabhängigkeit wiederherstellte, erschien in den Lokalnachrichten der Zeitungen ein kurze Meldung. Sie berichtete von einem tödlichen Unglücksfall, der sich im Landhaus eines amerikanischen Millionärs zugetragen hatte. Eine junge Amerikanerin aus guter Gesellschaft, zu Besuch bei ihren österreichischen Verwandten, war an Schusswunden gestorben, nachdem sie unvorsichtig mit einem Gewehr hantiert hatte. Das Gewehr war losgegangen und hatte sie getötet. Bei dem unglückseligen Zwischenfall hatte es einen Augenzeugen gegeben, einen einzigen, den Jesuitenpater Ignatius Jahoda; er konnte bezeugen, dass niemand anderer in die Schießerei verwickelt gewesen war, es habe sich um einen Unfall gehandelt. Da sich das alles in der amerikanischen Besatzungszone zugetragen hatte, in einem Haus, das einem amerikanischen Staatsbürger gehörte, da das Opfer ebenfalls Amerikanerin und kein Österreicher involviert gewesen war, hatten alle beteiligten Behörden es für klug gehalten, den Vorfall, vielleicht etwas ordnungswidrig, auf einer quasi extraterritorialen Basis zu behandeln, um in dieser letzten Phase der Besatzung die österreichisch-amerikanischen Beziehungen nicht zu belasten. Und so wurde die Sache offiziell als erledigt betrachtet.

S. 17







































































































Während er die Hand in die Brusttasche steckte, um den Pass herauszuholen, betrachtete er den Mann in der Türöffnung. Jung, glattes Gesicht unter der runden Schirmmütze, eine kurze, gerade Nase, ein ziemlich feiner Mund mit roten Lippen unter einem bleistiftdünnen Schnurrbart. Graue Augen, lächelnd. Ein gutaussehender Bursche. Aber es war die Stimme, die Tonfärbung, die einen Nerv irgendwo in Kuno Adlers Hals traf; nein, unterhalb des Halses, wo Atem und Nahrung in die Tiefen des Körpers hinabgleiten, ein nicht vom Willen beeinflusster, unkontrollierbarer Nerv, wahrscheinlich im Solarplexus. Es war die Art dieser Stimme, dieses Akzents, weich und doch rau, einschmeichelnd und leicht vulgär, fühlbar für das Ohr wie eine bestimmte Art Stein für die Berührung - Bimsstein, grobkörnig, schwammartig und an der Oberfläche ein wenig ölig - eine österreichische Stimme. "Österreichische Passkontrolle!"
Kuno Adler reiche ihm seinen Pass, seinen amerikanischen Pass, mit einem Gefühl des Trotzes, als wolle er ihn auffordern, dessen Echtheit anzuzweifeln. Der Mann blätterte ihn durch, sah ein unerträglich lang scheinende Zeit, vielleicht zwanzig Sekunden, auf das Foto und auf Adler, legte den Kopf schräg, um ihn aus allen Blickwinkeln zu betrachten. Ist ja gut, dachte Adler, natürlich kann er sehen, dass ich Jude bin, ein Flüchtling. Na und?
"Sie kommen zurück?", frage der Mann, klappte den Pass zu und überreichte ihn ihm.
Adler hatte eigentlich alle Fragen auf Englisch beantworten wollen. Aber irgendwie konnte er es nicht. "Ja", erwiderte er, und im selben leisen Deutsch: "Ich komme zurück."
"Alles Gute!", sagte der Mann und lächelte, während er rückwärts aus der Tür trat.
Was meinte er damit? War es ironisch gemeint? Was es eine Warnung? Es hatte nicht so gewirkt, es hatte nur freundlich geklungen. Ich muss mich hüten, dachte Adler, so überempfindlich zu sein, so misstrauisch - darf allerdings auch nicht vertrauensselig sein -, muss mich vorsicht vorwärtstasten. Es wird nicht leicht sein, schwieriger vielleicht, als ich vorausgesehen habe.

S. 30f.























































































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