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Leseprobe: Ludwig Laher - Bitter

Bei solchen wie ihnen heißt der Juli Heumond. Welch volksverbindendes Großspektakel das doch war im letzten Sommer, ein rechter Lichtblick in schlimmen Zeiten. Mit Sonderzügen und Schiffen, sogar auf geschmückten Donauplätten waren begeisterte Massen aus allen Himmelsrichtungen herbeigeströmt. Schon etliche Wochen davor hatten kameradschaftlich gesinnte Briefschreiber beim Kuvertieren mit Wonne eine Extramarke abgeschleckt, die diente nicht zum Frankieren, sondern als augenfällige Reklame für das große Ereignis.
Neben dem Text fand sich auf dem gezackten Stückchen gummierten Papiers noch ausreichend Platz für einen stolzen Adler mit ausgebreiteten Schwingen, für ein blankes Schwert sowie für ein seltsames rundes Ding, wie es idealistisch gesinnte deutsche Männer in Österreich mehr als eine Dekade danach gern unter dem Rockrevers tragen werden. Auch das Hakenkreuz auf dem Ding schaut schon fast so aus wie dann: Deutscher Turmbund (1919) - I. Bundes-Turn-Fest in Linz - 21.-23. Heumond 1922. Wer jetzt bemängelt, ein muskelbepackter Ringturner im Kreuzhang hätte für diesen Anlass doch wohl ein passenderes Motiv abgegeben, verkennt den tieferen Sinn der Unternehmung.
Noch wesentlich deutlicher wird eine illustrierte Werbepostkarte, die im Brach- und im Heumond zwecks Festankündigung ebenfalls eifrig verschickt wurde. Das runde Ding in den Klauen des Adlers gibt da aufdringlich viel Glanz ab, alte Burgen und gotische Dome stehen ganz in seinem Schatten: Wenn auch noch tief versunken - Die alte Herrlichkeit - In Aschen glimmt ein Funken - Wir wecken ihn zur Zeit: Rassereinheit - Volkeseinheit - Geistesfreiheit. Das nennt man auf den Punkt gebracht.
Der junge Fritz Bitter ist einer von Tausenden Hingerissenen, ein Erweckungserlebnis ist der Linzer Riesenauflauf jedoch nicht für ihn. Als SS-Sturmbannführer wird er in einem Lebenslauf, der sich von späteren erheblich unterscheidet und ihn offensichtlich für seine einschlägige Verwendung in der sowjetischen Ukraine qualifizieren soll, stolz festhalten können, bereits als zehnjähriges Kind Mitglied des deutsch-völkischen Turnvereins geworden zu sein, der schließlich 1919 im Deutschen Turnerbund aufging. Auf die Goldwaage sollte man seine Selbstzeugnisse aber besser nicht legen, Bitter neigt zur Über- wie zu Untertreibungen, je nachdem, wie es gerade opportun ist.

S. 11f.
























































































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