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Leseprobe: Michael Ziegelwagner - Der aufblasbare Kaiser

Eine Woche später fuhr die Beacher Straßenbahn. (Übrigens Doktor Veverka gegenüber; sie hatten beide ihre Brillen zum Putzen abgenommen und bemerkten einander nicht.)
Es war ihr Arbeitsweg. Sie saß aufgerichtet da, das Buch auf den Knien, und blickte kurzsichtig auf die Fassaden der Hütteldorfer Straße hinaus, die oben grauen, unten bunten Häuser, dann auf ihr schwarz gekleidetes Gegenüber, und versuchte, unter der Taubheit morgendlicher Müdigkeit zwei Gedanken zu fassen, die sich da räkelten. Tatsächlich waren es eher zwei faule Desinteressen als zwei Gedanken.
Das erste Desinteresse betraf Ottos Tod. Sie war, als sie davon erfahren hatte, berührt gewesen, fand aber die plötzliche allgemeine Habsburgneugier aufdringlich - ähnlich einer Ägyptologin, die die Warteschlange vor einer Ausstellung über Nofretete bemerkt oder vor einem Kinofilm über Königin Kleopatra. Sie wollte nichts hören von Ottos trauriger Abschiedstournee, die seinen Sarg durch Bayern führte, nach Tirol, Mariazell und Wien und seine Herzurne nach Ungarn. Ottos Tod machte sie unzufrieden, bestand doch sein Dasein darin, da zu sein - ein Hintergrund ihrer Zeit, einer, dessen fester Existenz man nichts hinzufügen konnte außer immer noch einen weiteren Lebensjahr. Es schien ihr, als hätte sie in den letzten Monaten an seinem Schicksal mitgebaut, ihn aufrechterhalten als eine der wenigen, die von fern an ihn glaubten: an Kaiser Otto den Ersten. Und da sie ihn zum Kaiser erhob, starb er einfach. Knapp vor seinem hundertsten Geburtstag starb er, was eine zusätzliche Schlamperei war. Als hätte er sich gehenlassen, ohne Sinn für die Bedeutung dieses Jubiläums.
Und es ärgerte sie, in einer plötzlichen Gedankenkurve, den banalen Vorteil aller Überlebenden zu haben: den billigen Triumph, ein vollendetes, riesiges Leben von vorne bis hinten überblicken zu können. Dabei dachte sie an die Besteigung der Gloriette, von der aus man nach endlosen Serpentinen auf ganz Schönbrunn heruntersah wie auch auf eine hübsch geordnete Ansicht Wiens, in der die unscheinbare Rudolfsheimer Kirche einen merkwürdig prominenten Platz hatte. Es ärgerte sie, dass sich Ottos Epoche nun abheften ließ wie eine längst historisch gewordene, wie die Epoche des Franzjosephkaisers. Vor dem standen die Leute ratlos in der Kapuzinergruft, stellten sich den toten, mumienhaften alten Monarchen unter dem Sargdeckel vor und fragten sich: Und wozu die ganze Mühe? Wozu hat der gelebt, regiert und gestrebt, gemurkst und gewurschtelt - nur, damit wir ihn heute als Leiche besuchen können? War das nötig, dieser Umweg, diese Riesenlawine Vergangenheit, wo wir es doch heute so glücklich in unser Jahr 2011 geschafft haben; sie dachte "2011" mit Nachdruck, biss sich selbst dabei auf die Lippen und setzte noch hinzu: "in unser 21. Jahrhundert!"

S. 202-204






































































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