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Leseprobe: Rudolf Habringer - Was wir ahnen

PROLOG
KATHARINA

DEN KENNST DU NICHT

Sie hatte die besondere Begabung, etwas vor anderen zu verbergen. In dieser Disziplin hatte sie in Jahrzehnten eine stille Meisterschaft ausgebildet. Immer wenn die Umstände, das Schicksal, das Leben, oder was immer man in solchen Momenten zu nennen pflegt, sie schmerzhaft zwangen, ihr Talent erneut unter Beweis zu stellen, wusste sie, dass sie gewappnet war. Gerüstet, durchzuhalten. Stark genug, das alles auszuhalten.

Ich werde neu anfangen. Es wird schon recht werden, hat Papa immer gesagt. Und es ist immer wieder recht geworden.
Katharina erwachte durch das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos. Draußen begann es, hell zu werden. Sie konnte nicht mehr einschlafen. Auf dem Nachtkästchen lag das Heft, in dem sie spätabends geschrieben hatte. Als sie bemerkte, dass das Bett neben ihr leer war, stand sie auf. Andreas war wohl erst kurz vorher nach Hause gekommen, er hatte es nur mehr bis zur Wohnzimmercouch geschafft. Er lag da im Anzug und schnarchte leise. Nur die Schuhe hatte er ausgezogen, die Krawatte hing auf dem Fernseher.
Noch war es auf der Einfallstraße in die Hauptstadt ruhig, Nebelfetzen hingen über dem Fluss, die Straße war feucht, in der Nacht hatte es leicht geregnet. Kurz vor Linz fuhr Katharina an der Mühlkreisbahn vorbei, die hier direkt am Fluss entlang führt, wenig später stand sie im Stau und wurde vom Zug, der die Straße querte, wieder überholt.
Die Plakatwände hatten über Nacht ihr Aussehen gewechselt, überall prangten unter Andreas' Gesicht dicke gelbe Danke-Streifen, aber auch die Verlierer bedankten sich bei den Wählern.

Sie hatte nichts gefrühstückt. An der Kreuzung vor dem Tunnel stand die Ampel auf Rot. Sie beugte sich hinüber zur Beifahrerseite und kramte im Handschuhfach nach einer Packung angebrochener Kekse. Plastik knisterte, aber sie bekam statt der Kekse nur den kleinen Plastikengel zu fassen, der sie mit gefalteten Händen anlächelte. Er wirkte wie ein Zeichen aus einer anderen, vergangenen Zeit, ein Gruß aus einem anderen Leben. Die Ampel war schon wieder auf Grün, als sie die Schokokekse doch noch fand. Sie wischte die Krümel von ihrem Blazer.
Im Süden verließ sie die Stadt. Von den Seitenstraßen bogen die ersten Pendler aus den Siedlungen ein, hier war die Stadt am hässlichsten: Einkaufscenter, Parkplätze, Imbissbuden, Autowerkstätten, Lagerhallen reihten sich bis zur Stadtgrenze aneinander.
Der Himmel war verhangen und grau, ein Tag, der sich nicht entschließen konnte, hell zu werden. Bei Schönwetter konnte man von hier bis zu den Bergen sehen.
Es war der Tag nach dem Sieg. Der Tag nach dem Triumph. Andreas hatte seiner Mannschaft bis zur Parteivorstandssitzung, frei gegeben, wahrscheinlich musste er spätabends auch noch ins Fernsehstudio, um das Wahlergebnis zu kommentieren und den künftigen Kurs, der auch der bisherige war, zu skizzieren.
Bis zur Angelobung der Regierung würden vielleicht vier Wochen vergehen, dann, so hatte Andreas versprochen, würden sie endlich Urlaub machen. Zu Hause lagen schon die Prospekte, sie hatten sich nur noch nicht entschieden, wohin sie fahren würden.
Für diese Zeit musste Katharina eine Bleibe für ihren Vater suchen.
Der Übergang von der Stadt zur nächsten war kaum zu bemerken. Kurz glitten ein paar Äcker und winterfest gemachte Felder an ihr vorbei, dann standen schon die nächsten Lagerhallen, Tankstellen und Großkaufhäuser links und rechts der Straße. Dieses Land wirkte gesichtslos, verplant, zersiedelt. Die Menschen hatten sich längst daran gewöhnt, in dieser Umgebung zu leben.
Sie würde vor der Pflegerin bei Vater sein. Sie war so früh dran, dass sie ihn vielleicht sogar noch im Bett antraf.
Keine achtundvierzig Stunden sind vergangen. Seit ich an der Grenze war. Und kaum drei Wochen, seit ich Arnold in K getroffen habe. So unwirklich das. So irreal. Vielleicht habe ich das alles nur geträumt. Vielleicht träume ich noch. Vielleicht wache ich bald auf.
Sie fädelte in die Abzweigung ein, die sie in den Stadtteil führte, in dem das kleine Haus stand, das sich die Eltern vor vier Jahrzehnten gekauft hatten. Damals, als sie aus der Stadt am See weggezogen waren.
Kurz vor der Sackgasse, in der Vater wohnte, bog sie auf den Parkplatz neben dem Einkaufscenter, an dessen Rückseite die Müllcontainer standen. Der Einfall kam spontan.
Es war noch nicht einmal sechs Uhr früh. Die ersten Menschen auf dem Weg zur Arbeit wankten verschlafen zu den Haltestellen, starrten müde vor sich hin wie Irrende oder blätterten in der Gratiszeitung, die bei jedem Wartehäuschen auflag. Heute wurde Andreas' Wahlsieg verkündet. Wahrscheinlich war in einer Zeitung sogar ein Foto, auf dem auch sie abgebildet war. Einmal in sechs Jahren, immer bei der Stimmabgabe, musste sie das ertragen.
Der Platz vor dem Einkaufscenter war menschenleer, die Geschäfte würden erst in zwei Stunden öffnen. Der Container mit dem Altpapier quoll über. Tags zuvor war ihr das - es hatte bereits gedämmert, sie war wohl sehr aufgeregt gewesen - gar nicht aufgefallen. In der Zwischenzeit war er auch nicht geräumt worden. Der Container hatte eine Hebelvorrichtung, mit der sich der Deckel mit einem leisen Kreischen öffnen ließ.
Sie tat, als werfe sie Altpapier ein. Sie nahm die Zeitung von gestern, die Sonntagsausgabe, aus dem Wagen und legte sie oben auf den Papierstoß.
Sie bemerkte die Schnipsel sofort. Sie lagen obenauf, dort, wo sie sie am Vorabend eingeworfen hatte. Sie fegte sie in ihre Handtasche. Die Aktion dauerte nicht einmal eine Minute. Vielleicht gelang es ihr sogar, die Schnipsel alle wieder einzusammeln.
Minuten später stand sie in Vaters Wohnung. Sie hatte sich getäuscht. Er war schon auf und saß in Unterhosen am Küchentisch, im Radio lief laute Marschmusik, Musik, die er früher kaum gehört hatte.
Er wunderte sich nicht, dass sie so früh kam, sondern blickte nur kurz auf. Es war ihm scheinbar auch egal, dass seine Tochter und nicht die Pflegerin erschien. Vor ihm auf einem Teller lagen die welken braunen Apfelschnitten vom Vortag.
Ich mache dir Frühstück, sagte Katharina und machte sich am Herd zu schaffen. Aber du solltest dich anziehen und waschen.
Sie führte ihren Vater zur Toilette, entfernte die Windel und half ihm beim Niedersetzen. Waschen würde ihn später die Pflegerin. Vater roch scharf und säuerlich nach Urin und Schweiß. Er ließ die Prozedur gelassen über sich ergehen.
Wir haben die Wahl gewonnen gestern, weißt du das?, fragte Katharina.
Die Wahl?, fragte der Vater. War denn gestern eine Wahl?, fragte er.
Gestern war doch die Wahl, sagte Katharina. Und Andreas hat gewonnen. Und du hast ihn auch gewählt, sagte sie und drückte ihn sanft auf den Klosessel, weil er noch nicht mit dem Wasserlassen fertig war.
Haben wir gewonnen?, fragte er wie ein Kind.
Ja, du hast auch gewonnen, sagte Katharina.
Sie führte ihn zurück in sein Zimmer, legte ihm eine neue Windel an und bereitete frische Unterwäsche vor. Manchmal, wenn er gut gelaunt war, schaffte er es noch, sich selber anzukleiden.
Sie machte in der Küche Kaffee, auch für sich, und schmierte Vater ein Butterbrot mit Honig.
Als sie ein Kind gewesen war, hatte er das manchmal für sie gemacht.
Dann saß er zufrieden am Tisch, kaute und schmatzte. Im Radio liefen die Morgennachrichten, ein Nachbericht über die Siegesfeier am vorigen Abend.
Plötzlich war Andreas' Stimme zu hören. Vater hob den Finger und grinste.
Katharina ging ins Wohnzimmer, suchte Papier und kramte in einer Lade nach Klebstoff.
Sie suchte in der Handtasche nach all den Papierschnipseln, die sie vorher eingesammelt hatte, und legte sie vor sich hin auf den Wohnzimmertisch. Sie kontrollierte noch einmal, ob sie auch alle Papierstücke aus der Handtasche genommen hatte.
Sie begann das Puzzle aus den kleinen Papierfetzen zusammenzustellen. Allmählich formten sich aus den Einzelteilen die zwei Bilder, die sie gestern Abend zerrissen hatte.
Das eine Bild wirkte wie ein zufälliger Schnappschuss eines Touristen von der Nepomukbrücke hinunter auf das kleine Kaffeehaus an der Moldau in Krumau. Einige Tische waren besetzt, an einem saß sie mit Arnold, ins Gespräch vertieft. Das zweite Foto war eindeutiger. Arnold hatte die Hand auf ihre gelegt, er beugte sich vor und sah ihr in die Augen. Man konnte sie für ein Liebespaar halten.
Sie fügte die Teile zusammen und klebte sie auf das Blatt, das sich vom Klebstoff leicht wellte. Sie achtete darauf, dass der Klebstoff nicht tropfte.
Das waren die einzigen Bilder, auf denen sie mit Arnold zu sehen war. Das Foto vom Maturaball, auf dem Arnold zufällig hinter ihr gestanden war, zählte nicht. Seither waren Jahrzehnte vergangen. Die Fotos, die sie eben zusammengeklebt hatte, waren die einzige Erinnerung an das Wochenende in Krumau. Und der Engel im Handschuhfach.
Dann stand der Vater plötzlich hinter ihr. In seinen Filzpantoffeln war er unhörbar ins Zimmer gerutscht.
Was machst du da?, fragte er und schaute ihr über die Schulter.
Ich klebe, das siehst du ja, sagte Katharina.
Wer ist das?, fragte er und deutete auf das Puzzle.
Wer?, fragte Katharina.
Der da neben dir, sagte der Vater.
Ein Mann, den kennst du nicht, sagte Katharina.
Ein Mann, den kennst du nicht, echote der Vater.
Nein, den kennst du nicht, sagte sie.
























































































































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