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Michael Amon: Panikroman

Panikroman.
Wien: Klever Verlag, 2014.
160 S.; geb.; Euro 19,90.
ISBN 978-3-902665-70-6.

Autor
Leseprobe

Vor kaum etwas hat man in der Welt der Börse mehr Angst als vor der Panik. Waren nicht einige der schlimmsten Kurseinbrüche an den Börsen, mit ihren verheerenden Folgen für die Wirtschaft und das Leben von zigmillionen Menschen, nichts weiter als unkontrollierbare, irrationale Panikreaktionen, die im Nachhinein keiner rational erklären kann?

In seinem Portrait eines Börsenhändlers schildert Michael Amon, wie es zu einer derartigen Panik an den Börsen kommen könnte. Er zeigt auf, wie die Panik, die den Mann privat erfasst, alle anderen ins Unglück mitreißen könnte. Amon beschreibt das menschliche, irrationale Gesicht hinter den fiebrigen Kurvenverläufen. Den Verfall eines selbstbewussten Mannes, der durch eine banale Erkältung seine Hybris verliert, depressiv wird und aus Abscheu gegen alle Mediziner lieber die Welt in den Abgrund ziehen will als sein eigenes Scheitern zu gestehen.

Michael Amon geht es nicht um einen speziellen Spekulanten, sondern um einen Menschentypus. Der Ich- Erzähler des Romans gibt seinen Namen nicht preis, auch die Bank, für die er seinen hochprofitablen, wenn auch riskanten Handel betreibt, bleibt ungenannt. Der Autor spiegelt mit seinen kurzen, knappen Sätzen die Hektik und Angespanntheit des Berufsalltags eines Börsenmaklers, wo oft Bruchteile von Sekunden über Gewinn und Verlust entscheiden können. Zugleich versteht niemand von den Händlern die Geschäfte, die eine externe Mathematikerabteilung entwickelt. Amon schildert die Hybris des Mannes, der uns in einem ununterbrochenen Monolog seine überdrehten Gedankenflüge erzählt, ohne dass er viel von sich preisgibt. Biographisches fehlt, weil es keine Bedeutung für jemanden zu haben scheint, der mit seinem Handel emotionslos das Schicksal von Millionen, wenn nicht Milliarden Menschen beeinflussen kann. Echte Beziehungen zu anderen Menschen, selbst zur Freundin, die er mit falschen Namen anspricht, existieren in diesem Leben nicht.

Seit dem 19. Jahrhundert fasziniert Schriftsteller immer wieder die Figur des Börsenspekulanten. Erinnert sei nur an Mr. Sedley und Mr. Osborne in Thakereys 'Jahrmarkt der Eitelkeiten', an Autoren wie Emile Zola und Honore Balzac, ganz zu schweigen von der schier unübersichtlichen Flut der Romane im 20. Jahrhundert, die zumeist eines gemeinsam haben: Das klischeehafte Bild eines zynischen Börsenspekulanten, der für seinen Erfolg über Leichen zu gehen bereit ist. Zumeist sind diese Romane in Folge von großen Spekulationskrisen entstanden. Amon stellt sich mit seinem Roman in die Tradition dieser großen Autoren. Auch er nutzt den Börsenhändler, um mit einer menschlichen Komponente dem spekulativen Kapitalismus näherzukommen, um zu versuchen, wenigstens ein bisschen von diesem anonymen Geschehen an den internationalen Börsen zu verstehen. Allerdings bietet die Realität mit Personen wie Warren Buffet oder George Soros oft die vielschichtigeren Persönlichkeiten als die Literatur.

Amon, der sich seit Jahren in seinen Büchern mit Fragen der Politik, der Macht und der Wirtschaft auseinandersetzt, ist ein profunder Kenner des Kapitalismus in seinen verschiedenen Ausformungen. Gerade deshalb ist seine Kritik an der Börse und vor allem an den Menschen, die dort die Verantwortung tragen, während deren eigentliche Chefs sich im Hintergrund halten, so gewichtig. So lässt er seinen Icherzähler in seinem Monolog auch wichtige Fragen anschneiden, die das Feuilleton und die Wirtschaftszeitungen seit Jahren diskutieren: Welche Mächte stecken hinter den Kursschwankungen? Was soll die Lüge vom überschaubaren, gerechten und rationalen Markt? Ist die Börse ein Religionsersatz? Hat man als Bürger überhaupt eine Chance, bei diesem Spiel einen Gewinn zu machen? Fragen, auf die Amon auch keine Antwort weiß, die er aber in den richtigen Kontext zu stellen versteht.

So ist dieser kleine Band sowohl eine Kritik an den internationalen Spekulationsmechanismen wie auch das Bild eines Mannes, der an sich selbst zu zweifeln beginnt und in einer Panik, die ihn persönlich erfasst hat, eine weltweite Panik auslösen möchte. Ein Buch, das im Sinne des Autors Angst machen kann.

Spunk Seipel
3. April 2014

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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