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Leseprobe: Michael Amon - Panikroman.

Den Bildschirm einschalten. Die Märkte spinnen. Die sind verrückt heute.Total verrückt. Ich weiß, es sind die Menschen, die spinnen. Die sind total verrückt. Völlig gaga. So wie ich. Haben alle Händler dieser Welt Angst vor der Fahrt ins Büro? Werden sie ruhig, sobald die Bildschirme leuchten? Sind die alle wie ich? Schlaflos des Nachts, aber tagsüber besonnen und kühl? Ja, wahrscheinlich, zumindest solange sie nicht auf die Straße müssen, nicht ins Kaffeehaus gehen.

Ich meide die großen Plätze der Stadt. Sie lösen in mir nur noch den Fluchtreflex aus. Nichts wie weg. Nur nicht dorthin. Beim Gedanken, über den Stephansplatz gehen zu müssen, zittere ich vor Angst, meine Knie werden weich. Allein der Gedanke daran reicht, ich muß ihn gar nicht erst aufsuchen. Ich tue es auch nicht. Ich vermeide es. Auf großen Plätzen wird mir zuerst schwindelig, dann kommen die Magenkrämpfe gefolgt von Schweißausbrüchen. Das Herz beginnt zu pimpern, als ob es all seine Kraftreserven ganz schnell verbrauchen wollte, um endlich zu einem Ende zu kommen, zum wohlverdienten Ruhestand. Schlagzahl null. Was meinen Tod bedeutet.

Der Tod ist mein ständiger Begleiter. An jeder Ecke lacht er mich an, lacht mich aus. Er narrt mich, wo er nur kann. Ich halte mich fest, ich laufe vor ihm davon. Aber seine allerletzte Berührung bleibt aus. Er ist nicht gnädig. Den Gnadenstoß verweigert er mir. Er läßt mich zappeln und leiden. All die hastigen Menschen, die mich umgeben. An mir vorbeihasten, nicht merken, wie es um mich bestellt ist. Aber vielleicht rasen auch sie aus Angst, weil ihr Herz rast, weil ihnen der Schweiß ausbricht, weil sie den Tod im Nacken spüren. Man sieht es ihnen ebensowenig an wie mir. Ein Fremder merkt gar nichts an mir. Selbst vor meinen engen Freunden kann ich meine Zustände gut verbergen.

Manchmal gehe ich halt früher als erwartet heim, verlasse plötzlich und scheinbar grundlos ein Treffen. Hin und wieder komme ich auch nicht an, oder ich sage rechtzeitig ab. Eine Schrulle, mehr nicht. >>So ist er halt<<, denken die Leute wohl, >>Manche werden früher seltsam, andere später<<. Ich bin eben früher dran als andere. Das war immer schon so. Ich lebe mit der sicheren Gewißheit, schon bald nicht mehr zu leben. Schon bald tot zu sein. Das macht es nicht leichter, aber man fügt sich dem, was man als ausweglos erkannt hat.

Ja, die Märkte spielen seit Wochen verrückt. Die riesigen Sprünge innerhalb eines Tages machen die Banken immer reicher. Mein Bonus wächst parallel zu meinen Ängsten. Merkwürdig, nicht wahr? Der kühlste Hund am Handelsparkett.

S. 120-122

© Klever Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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