Clemens J. Setz: Die Vogelstraußtrompete.

Gedichte.
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2014.
EUR 16,50 (A).
ISBN 978-3-518-42416-2.

Leseprobe

Autor

Was wäre, wenn? Vielleicht die entscheidende, alles auf die Spur des vorstellbar Möglichen setzende Frage, die nur die Poesie so unbefangen stellen kann. Sie führt alles (Natur-)Wissenschaftliche ad absurdum, setzt den gesunden Menschenverstand außer Kraft.
Im Falle von Clemens J. Setz' "Vogelstraußtrompete" tut sie dies jedoch auf eine Art und Weise, die sich nicht selten eben ausgerechnet als wissenschaftliche Versuchsanordnung tarnt. Setz, der 1982 in Graz geboren wurde und dort heute als freier Schriftsteller lebt, unternimmt nach einigen viel beachteten Prosawerken (zuletzt dem Roman "Indigo", der ihm eine Nominierung zum Deutschen Buchpreis einbrachte) nun einen Ausflug in die Gefilde der Lyrik, und es verwundert kaum, dass seine Vita im Klappentext neben dem Studium der Germanistik auch das der Mathematik ausweist. Seine Sprache ist vordergründig schmucklos und prosahaft, wie wir es von Gedichten aus den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kennen, dabei aber ganz ohne den Duktus der mitunter zur Larmoyanz neigenden "neuen Innerlichkeit", der diesen Abschnitt moderner Lyrik prägte. Ganz im Gegenteil regiert bei Setz ein ironisierender Ton, der auf den inneren Abstand zwischen Dichter und Gedicht einerseits und Gedicht und Leser andererseits abzielt.

In einigen Texten tut Setz nicht viel mehr, als ein bemerkenswertes, absonderliches, skurriles, aber bereits existierendes Ereignis-Fundstück nachzuerzählen. Besonders diese Gedichte kommen fast ganz ohne originäre Metaphorik aus, sie leben allein durch die distanzierte Form des Notats und wirken nicht selten auf eine subversive Art und Weise komisch wie etwa in seinem Text "Die Interpretation von Blitzen": "Der US Park Ranger Roy C.Sullivan/aus Virginia/wurde siebenmal vom Blitz getroffen//Er verlor einige Zehen/war vorübergehend gelähmt/und sein Kopf stand zweimal in Flammen//Der letzte Blitz traf ihn 1977/beim Fischen/Er überlebte nur knapp//1983 beging er Selbstmord/über den Verlust einer Frau/in einer dunklen Nacht" (S.34).
Ein solches Verfahren sollte man gleichwohl nicht überreizen, da sich nach dem fünften oder sechsten Gedicht dieser Art ein gewisser geschmacklicher Gewöhnungseffekt einzustellen droht, ähnlich wie beim Genuss von Pralinen. Das weiß der erfahrene Autor Clemens J. Setz natürlich und dosiert daher diesbezüglich außerordentlich fein.

Es gibt in seiner "Vogelstraußtrompete" Texte, die das beschriebene Grundprinzip erweitern, die ein offenbar angelesenes Wissen, das auch uns in Presse, Funk und Fernsehen irgendwo hätte gleichsam streifen können, auf berührende Weise ganz behutsam lyrisch kommentieren wie das Gedicht "Über Papageien", welches die Beobachtung aufgreift, dass diese Vögel, wenn sie kinderlos sind, in Gefangenschaft Schuhe mit offenen Schnäbeln verwechseln und diese instinktiv zu füttern beginnen: "Kein noch so hochhackiges/fremdes Paar Stiefel/das nur eine Nacht hier stehen blieb/muss leer nach Hause gehn" (S.15).
Mit dieser literarischen Darreichungsform erreicht der Autor auch die Aufmerksamkeit von Menschen, die sonst eher weniger für Gedichte zugänglich sind, füttert den neugierig gewordenen Leser gleichsam an für die nächste Stufe seiner poetischen Betrachtungen, die dem Alltäglichen den Spiegel vorhält, mit der Erlebniswelt seines Publikums spielt: "So klein kann die Runde nicht sein, dass nicht/wenigstens ein Zuhörer Keuchhusten hat,/mindestens ein Telefon klingelt", wie es in einem Text über Lyriklesungen heißt ("Die Freunde der Dichtung", S.41).

Diese Gedichte wiederum führen hin zu den Versen, die nun endlich nicht mehr ohne ein lyrisches Ich auskommen: der Leser glaubt sich kurzfristig angelangt in der eigenständigen Gedanken- und Empfindungswelt des Clemens J. Setz - was freilich ein Irrtum ist, denn der Ton bleibt immer noch spöttisch und auf Abstand, wie etwa in "Warum ich kein großer Liebhaber bin", einer schlichten Aufzählung, die als Gründe der erotischen Irritation unter anderem auch einen vor fünfzehn Jahren gesehenen dreibeinigen Hund, einen "Stromausfall im Jahr 98" oder schlicht "Das Meer" anführt. Dieses Ich projiziert seine Vorstellungen wie in "Dynamo"(S.57), wo von einer Menschenschlange rund um den Äquator die Rede ist, die mit langsamen Schritten die Erde dreht und dabei Strom erzeugt - eine wunderbare poetische Idee, die das Ich gleichwohl selbst als "witzigen Traum" abtut. Setz nutzt die Gattung Lyrik quasi als prosaischer Seiteneinsteiger, erweist ihr gerade dadurch Respekt, dass er sie augenzwinkernd vom Podest holt - und verbirgt gleichzeitig das Autoren-Ich geschickt dahinter.

Die nächste Stufe auf der setz'schen Lyriktreppe ist dann die bewusste Formenspielerei, die den Poesiekenner erfreut und den Mathematiker in Setz im ungehemmten Spielmodus zeigt, etwa die gleichermaßen formstrenge wie auch abstrus-erheiternde "Sestine von den schädlichen Strukturen" (S.17f.) sowie eines der schönsten Sonette der letzten Jahrzehnte ("Ein Sonett", S.81). Letzteres mündet dann in die Gruppe derjenigen Gedichte, die Setz schließlich auch als Lyriker ohne alle programmatisch-kalkulierenden Hintergedanken zeigen, der die Poesie des Nachspürens mit den Zeitebenen verschmelzen lässt: "Bill Evans, My Man's Gone Now//Ich wünschte/ich könnte das spielen//natürlich nicht genauso wie er/aber zumindest ähnlich//und natürlich nicht genau damals/an dem Sonntag/1961 im Village Vanguard//aber doch zumindest irgendwann/weit in der Vergangenheit" (S.23). Im Titelgedicht, wiederum "in einem Traum", hört das lyrische Ich schließlich aus dem in den Sand gesteckten Trompetentrichter des Straußenvogels "statt des erwarteten Tons [...] nur seine dröhnenden/ängstlichen Atemzüge im Dunkel." (S.69), als ob dies ein versteckter Hinweis auf Setz' eigenes Verhältnis zu seinem lyrischen Schreiben wäre.

Ob er in nächster Zeit wieder einen Gedichtband vorlegen wird? Man könnte zweifeln. Er scheint selbst zu spüren, dass das nicht seine ureigene Art ist, sich literarisch (nicht) mitzuteilen - und doch tut er es mehr als nur routiniert und unterhaltsam, nämlich auf eine spielerisch-unverkrampfte Weise, die Lesungen bereichern und dem Lyrikpublikum neue Interessenten bescheren könnte. Schon allein dafür darf man ihm und Suhrkamp dankbar sein.

© Marcus Neuert, April 2014


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