Erwin Uhrmann: Ich bin die Zukunft.

Innsbruck: Limbus Verlag, 2014.
176 S., geb., Eur 18,90.
ISBN 978-3-99039-004-7.

Autor

Leseprobe

Nach einem Streit mit seiner Frau Hanna verfällt Sebastian Leitner in tiefes Schweigen und beschließt, aus seinem gewohnten Leben auszubrechen. Er packt einen Rucksack, verlässt sein Zuhause und zieht sich in die Alpen zurück. Im Berghaus der Dora Kortschacher, das auf einem Hochplateau liegt, findet er Zuflucht und hat vor, zunächst nur einen Monat zu bleiben. Aus wenigen Wochen werden Jahre, und als eines Tages die Besitzerin der Hütte stirbt, übernimmt der junge Mann die Wirtschaft, zieht Gemüse, züchtet Hühner und Ziegen und richtet sich auf Dauer in der Höhe ein. In einem langsamen Naturalisierungsprozess entfernt er sich von der Zivilisation und verliert die letzte greifbare Verbindung zu ihr mit der Einstellung der Materialseilbahn.

Leitner, der anfangs glaubt, nicht nur seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen, sondern auch der Gluthitze im Tal entkommen zu sein, muss bald feststellen, dass sich das Klima auch auf dem Hochplateau verändert. Die vier Jahreszeiten weichen einer Nass- und einer Sonnenzeit, die Baumgrenze steigt, und riesige Käfer tauchen auf. Die düsteren Vorzeichen mehren sich und werden erst nach der Ankunft von Mali und Ludovigo gedeutet. Wie Leitner von den beiden Flüchtlingen erfährt, haben extreme Wetterereignisse die Niederungen verwüstet und Hungersnöte heraufbeschworen. Die Meeresspiegel sind gestiegen, die Küstenregionen überflutet worden und die Gewässer gekippt. Smog breitet sich in den Städten aus, wo nach dem „Systemfall“ bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. Vor dem Hintergrund dieses Bedrohungsszenariums beginnt für Leitner und seine Mitstreiter ein Kampf ums Überleben.

Uhrmanns apokalyptischer Bericht schreibt sich in das vor allem in der amerikanischen Literatur gepflegte Genre der ökologischen Dystopien ein und führt der Leserschaft die möglichen sozialen und psychologischen Folgen der Klimaerwärmung auf drastische Weise vor Augen. Was sich zunächst als idyllische Berg-Robinsonade anlässt, entwickelt sich nach und nach zu einer beklemmenden Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur. Die hohen Temperaturen und eine unerklärliche Verdunkelung der Atmosphäre haben dazu geführt, dass selbst auf der Alm Bäume absterben und sich die Bewohner des Berghauses immer weniger im Freien aufhalten können. Notvorräte, die in einer Grube unter der Hütte lagern, werden nach und nach aufgebraucht, weil Missernten die Versorgung einschränken. Schließlich sterben die Haustiere.

Ich bin die Zukunft kann als eindringliche Warnung vor dem ökologischen Kollaps gelesen werden, auf den die Erde zusteuert, sofern kein fundamentaler kultureller Wandel einsetzt, der das dysfunktionale Verhältnis von Gesellschaft und Umwelt in eine harmonische Allianz überführt. In Uhrmanns Roman wird keine Ursachenforschung mehr betrieben, werden keine Prognosen mehr angestellt. Vielmehr zappeln die Figuren wie hilflose Opfer in einem Netz, das sich immer enger um sie schlingt und sie zu ersticken droht. Gemeinsam verteidigen sich die in der Alpenfestung Eingeschlossenen gegen die übermächtige Präsenz der Katastrophe, wobei als eigentlicher Akteur nicht mehr der Mensch, sondern die zum unberechenbaren Gegner mutierte Umwelt fungiert.

Dem Autor gelingt das literarische Kunststück, die Spannung durch die eindringliche Protokollierung der Umweltveränderungen rund um das einstige Berghaus so zu steigern, dass auf dramatische Dialoge verzichtet werden kann. Die Katastrophe als Faktum braucht nicht mehr ausführlich kommentiert zu werden, sondern fordert von den Beteiligten jenseits von Sprachlosigkeit beherztes und solidarisches Eingreifen.

Unausweichlich in die Ausweglosigkeit mündet die sich zuspitzende Handlung, sodass es nur mehr eine Frage der Zeit ist, wie lange die drei Bewohner Hunger und Krankheit zu trotzen imstande sein werden. Lakonisch umreißt der Ich-Erzähler den Ernst der Lage: „Wir beschließen, die Insekten zu essen, die Mali vor ein paar Tagen gefangen hat. […]. Wenn wir das gegessen haben, sage ich, müssen wir die Notvorräte aus der Grube aufbrauchen.“

Uhrmanns verstörende Darstellung der Weltkatastrophe kommt ohne special effects aus, schlägt den Leser aber umso gnadenloser in ihren Bann, zumal ihr perfider Realismus daran erinnert, dass die im Roman heraufbeschworene Krise längst begonnen hat.

Walter Wagner, 10. April 2014

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