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Reinhard Kaiser-Mühlecker: Zeichnungen. Drei Erzählungen.


Leseprobe

So wartete ich, bis es wieder wärmer wurde und ich niemanden mehr mit Eislaufschuhen vor meinen Fenstern sehen konnte. Es taute um den zwanzigsten März herum, und die Straßen glänzten wie tintenschwarze, still dahinziehende Bäche, und von den Fichtennadeln fielen Tropfen wie Regen, als ich mich endlich wieder auf den Weg an den See machte. Bildete ich es mir nur ein, oder war das Rauschen des Flusses, neben dem ich herlief, tatsächlich schon lauter geworden? Hatte das Tosen bereits begonnen? Normalerweise begann es erst später, im April. Kein Fahrzeug kam mir entgegen. Schon von weitem sah ich durch die licht stehenden Bäume hindurch ein zweifaches Glitzern des Sees: Unbeweglich lagen riesige, spiegelnde Eisplatten im Wasser. Ich trat an das Ufer und sah, dass sie da und dort bereits leicht überspült wurden. ich fragte mich, wann das Eis gebrochen war. Es musste ungeheuer gekracht haben. Ich wusste, wie es krachte, kannte dieses die Seele erschütternde Urgeräusch. Es konnte nicht nachts geschehen sein – oder doch? Jedenfalls hatte ich diesmal nichts gehört. Zwischen den Platten lag bereits so viel Wasser sichtbar, als wäre das Eis schon vor Wochen gebrochen. Vielleicht, dachte ich weiter, war das Eislaufen am Westufer noch eine Zeitlang gegangen, und die westliche Platte hatte sich erst vor kurzem gelöst und war abgesunken. Die unter dem Schnee hervorkommenden Blätter waren tiefschwarz und zerfielen bei der geringsten Berührung. Ich nahm das Glas und blickte zu dem Haus hinüber. Die Sonne schien, und das Glitzern war so stark, dass es wie ein undurchdringlicher Schleier über dem See lag und ich mit freiem Auge kaum etwas gesehen hatte. Hauser saß wie so oft auf der Terrasse, die Beine in die graue Decke eingeschlagen, den Hut auf dem Kopf. Jetzt sah ich, dass neben ihm etwas stand, das ich zuvor für den Teil des Glitzerns des Sees gehalten hatte: eine Trompete. Er rauchte nicht. Ich brachte mich in eine angenehmere Stehposition, indem ich einige Schritte zur Seite machte und mich gegen einen Fichtenstamm lehnte. Ich führte das Glas wieder vor meine Augen. Hauser drehte sich der Terrassentür zu, als riefe er etwas in das Haus; aber ich hörte nichts. Dann saß er wieder wie zuvor. Lange geschah nichts weiter. Irgendwann griff er zu der Trompete, ließ sie von einer Hand in die andere wandern und schaute sie an wie etwas Fremdes. Dann, nach einigem Zögern, führte er sie an die Lippen und stieß mehrmals hinein, ohne einen Ton dabei zu erzeugen. Seine Backen blähten sich weit und sanken dann wieder in sich zusammen. So ging es mehrmals. Jedes Mal hielt ich die Luft an, wenn ich glaubte, jetzt begänne es. Aus der Ferne, von irgendeinem Dritten gesehen, musste es so scheinen, als atmeten wir, Hauser und ich, im selben Rhythmus. Endlich fuhr ein Ton in die Luft. Sofort erkannte ich: Es war die Melodie vom Rosaroten Panther.

(S.66–68)

© 2015 S.Fischer, Frankfurt am Main

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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