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Wolfgang Pollanz: Die Undankbarkeit der Kinder.

Erzählungen.
Graz: Edition Keiper, 2014.
132 Seiten; broschiert; Euro (A) 16,50.
ISBN 978-3-902901-39-2.

Autor

Leseprobe

Die Undankbarkeit der Kinder, ein Vorwurf, den man früher oft von der Eltern- und Großeltern-Generation gehört hat. Auch heute ist diese Behauptung nicht ganz verstummt. Oft ist nur gemeint, dass die Kinder ihre eigenen Wege finden das Leben zu meistern. Wolfgang Pollanz erinnert sich in seinem Band in mehreren kurzen Geschichten an seine Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren in der Steiermark und an die Widerstände, die seine eher harmlosen Ausbruchsversuche aus den Konventionen bei den Erwachsenen hervorriefen.

Es ist eine Sammlung von zum Teil schon andernorts erschienen kurzen Texten, die einen sehr unterschiedlichen Charakter aufweisen. Manche Texte sind fiktiv, andere sind Rückblicke auf die persönliche Vergangenheit des Autors und in manchen beschreibt Pollanz mit mutiger Offenheit seine intimsten Gedanken. Das Verbindende dieser Textsammlung ist der Autor, der alles aus seiner Ich-Perspektive schildert. Hat der Autor das nun erlebt, denkt er so, oder sind das alles Erfindungen? Es ist einer der großen Pluspunkte des Buches, dass diese Entscheidung dem Leser selbst überlassen bleibt.

Über einen großen Teil des Buches befasst sich Wolfgang Pollanz mit seiner Erinnerung an die Familie und die Internatszeit. Er schildert pubertäre Probleme, sei es die Entdeckung der eigenen Sexualität oder die Abgrenzung von der Umwelt, indem er sich Idole aus der Welt des Pops sucht und versucht diesen nachzueifern. Zuweilen gelingen ihm dabei amüsante Beschreibungen einer scheinbar längst vergessenen Zeit. Es ist eine Epoche, in der die Erwachsenen ihre Autorität gegen die mehr oder weniger rebellische Jugend zu verteidigen suchen und längere Haare, bunte Kleidung oder harmlose Popsongs den Alten als verdächtig erscheinen.

In manchen Texten schließt Pollanz den Bogen von seinen kindlichen Gedanken und Erlebnissen zum Heute, besonders dann, wenn er seine Innenwelt beschreibt, seine Ängste oder seine Leidenschaft für das Masturbieren. Oft fragt man sich allerdings, worauf der Autor hinauswill, warum er dies alles dem Leser mitteilt. Viele seiner Geschichten sind lediglich eine Listung von Ideen und Gedanken, die unvermittelt nebeneinander stehen.
So schreibt Wolfgang Pollanz zum Beispiel über seinen Ekel vor Schlangen und anderem Getier und zählt auf, wo diese Tiere in seiner nächsten Umgebung zu finden sind, um dann fortzusetzen: „Aber ich mag auch keine Hunde und keine Katzen, die waren auf den Höfen früher bloß Resteverwerter, und die Hunde hat man gebraucht, um die Füchse, die Iltisse, die Marder fernzuhalten. Die unreinen Tiere wie Schlangen, Kröten und Würmer standen überhaupt für das Böse und den Verfall, und die Fliegen gingen direkt aus der Fäulnis hervor.“
Der Leser bleibt etwas ratlos zurück ob solcher Gefühle – will man wirklich alles über das Innenleben des Autors wissen?

An anderer Stelle schildert Pollanz seine Reiseerinnerungen von der Kindheit bis zum Heute. Viele Orte werden erwähnt, für keinen bleibt jedoch der Raum ihn näher zu schildern, die Atmosphäre einzufangen. „In Lignano oder Jesolo (einer der beiden Orte war es, nach Grado oder Caorle sind wir nie gefahren) bezogen wir dann unsere Pension; von Bildern aus dem Fotofundus meines Vaters kenne ich die Gebäude noch. Einfach gebaute, schmucklose Häuser waren das.“
Dem Leser bleibt so die Möglichkeit, sich seine eigenen Bilder zu schaffen. Wer nie in Jesolo oder Lignano war, hat viele Freiräume sich diese Orte und die Stimmung dort vorzustellen, der Autor langweilt nicht mit detailversessenen Beschreibungen.

Zuweilen scheint Wolfgang Pollanz von der Fülle seiner Erinnerungen erdrückt zu werden, kann sich kaum entscheiden, welchen Faden er verfolgen will, gerät von einem zum anderen, ohne seine Ideen zu vertiefen. So wirkt der Band wie eine Sammlung persönlicher Notizen, die es sich lohnen würde weiter auszubreiten zu groß erzählten Geschichten, wie zum Beispiel die phantastische Passage über die zahlreichen Wasserleichen seiner Familie.
Dass Pollanz erzählen kann, ist unbestreitbar. Dass er eine gute Beobachtungsgabe für gesellschaftliche Veränderungen hat auch. Auf eine ausführlichere Geschichte der undankbaren Kinder könnten wir gespannt sein.

Spunk Seipel
28. April 2014

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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