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Gerhard Oberkofler; Manfred Mugrauer: Georg Knepler.

Musikwissenschaftler und
marxistischer Denker aus Wien.

Innsbruck: StudienVerlag 2014.
426 S; broschiert; zahlr. Abb.; Euro 39,90.
ISBN 978-3-7065-5323-0.

Was hat die Biografie eines (bedeutenden) Musikwissenschaftlers mit der Geschichte der Literatur in Österreich zu tun? Gewiss war Georg Knepler (1906-2003) der Klavierbegleiter von Karl Kraus bei dessen Vorlesungen von Offenbach-Operetten und hat ein wichtiges Buch über Kraus geschrieben – beides wird hier eher knapp behandelt (51-55) – , doch haben ohnehin andere Abschnitte seines Lebens für die an österreichischer Literaturgeschichte Interessierten mehr Gewicht. Vorab: Die Biografie ist ungemein sorgfältig recherchiert und sehr lesbar geschrieben. Die Sympathie der Verfasser für Knepler und ihre Übereinstimmung mit seinem Denken beeinträchtigt nicht im mindesten die wissenschaftliche Qualität der Darstellung.

Knepler ist eine exemplarische Figur aus dem Wiener jüdischen Bildungsbürgertum des frühen 20. Jahrhunderts (exemplarisch auch darin, dass das Judentum als Religion für ihn wenig Bedeutung hatte). Seine Wende zum Marxismus, seine Erfahrungen im (britischen) Exil und sein Engagement in den Organisationen der vertriebenen Österreicher, seine Bemühungen um den kulturellen Neuanfang in Österreich (von 1946 bis 1949), das Scheitern dieser Arbeit am Klima des Kalten Kriegs und seine dadurch erzwungene Abwanderung in die Deutsche Demokratische Republik (im Spätherbst 1949) – Knepler wäre gern in Wien geblieben (vgl. den auf S. 197 zitierten Brief von 1949) – spiegeln die geistige Entwicklung Österreichs von den 20er bis in die 50er Jahre. Die Autoren betten, ihren marxistischen Prinzipien methodisch folgend, dieses exemplarische Leben in die materielle und geistige Kultur Österreichs ein und tragen damit zu deren Verständnis weit über diesen individuellen Lebenslauf hinaus bei. Manches scheinbar perifere Material trägt zu dieser Weitung des Blicks über die Biografie eines Einzelnen hinaus bei.

Die ausführlich gewürdigten Leistungen Kneplers in der Deutschen Demokratischen Republik, sowohl als Professor für Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität wie auch als Musikpädagoge und Organisator eines ‚neuen’ musikalischen Lebens im neuen Staat, kann ich in einer Rezension an diesem Ort gerade einmal streifen. Der Bericht über die Ideenvielfalt des Österreichers in Berlin und über seinen intensiven Einsatz für das Musikleben in der Deutschen Demokratischen Republik lässt erst recht bedauern, dass man ihm (und anderen) in Österreich entsprechende Möglichkeiten nicht geboten hat. Das Buch beleuchtet auch Aspekte der Kulturpolitik vor allem in der frühen Deutschen Demokratischen Republik – und zwar, etwa in Hinblick auf die ‚Formalismus’-Debatte, keineswegs unkritisch (z. B. 220, 242). Dass die Berliner Zeit Kneplers in dieser Besprechung ebenso zu kurz kommt wie seine Leistungen als marxistischer Musikhistoriker hat allein mit dem Ort der Rezension, nicht mit Schwächen des Buchs zu tun. Dass die von Knepler (wie von der KPÖ) entschieden vertretene Eigenständigkeit der ‚österreichischen Nation’ 1953 in Ost-Berlin nicht auf Verständnis gestoßen ist (271), sollte aber doch auch hier angemerkt werden. Manche von den Verfassern referierte Überlegungen Kneplers zu methodischen Fragen der Musikgeschichtsschreibung sind auch für die Literaturgeschichtsschreibung von Interesse.

Wichtig in Hinblick auf die Literaturgeschichte Österreichs sind die Abschnitte über Kneplers Studium an der Universität Wien in den 20er Jahren, über die Exilzeit in London und vor allem über die Aufbruchsjahre im befreiten Österreich von 1945 bis 1949 und über deren Ende.

Das Netzwerk der sich um Kraus sammelnden intellektuellen Opposition wird so treffend charakterisiert wie die damalige für einen jungen Juden nicht eben förderliche Atmosfäre an der Universität Wien. Bestürzend ein hier abgedruckter Brief von Kneplers Lehrer Lach aus dem Jahr 1934 (69f.) mit einer antisemitischen Intrige, die zwar unmittelbar nichts mit Knepler zu tun hat, aber die Zeit charakterisiert. Für die Epoche so bezeichnend wie für uns befremdend ist der Umstand, dass Kneplers Vater, der Operettenlibrettist Paul Knepler, nichts dabei fand mit einem fanatischen ungarischen Antisemiten zusammenzuarbeiten (41f.), wie auch den Antisemiten Kontakte mit einem Juden nicht weiter gestört zu haben scheinen.

Ausführlich behandeln die Autoren das Wirken Kneplers für das Austrian Centre in London; wenig bekannt ist der Aspekt, dass Menschen wie er für die vielen ganz jungen Vertriebenen, die über Kultur und Geschichte Österreichs nur wenig wussten, als ‚Lehrer’ von größter Bedeutung waren. Der Bericht Five Years of the Austrian Centre (1944) von Knepler ist dankenswerter Weise zur Gänze abgedruckt (101-110). Es schmälert die Verdienste der Emigranten nicht, wenn ich anmerke, dass das Englisch des Verfassers auch nach 10 Jahren in London zwar korrekt, aber nicht sehr idiomatisch gewesen ist.

Über die vielen in der KPÖ und ihrem Umfeld diskutierten Neuansätze, auch über die neue Österreich-Konzeption, erfährt man hier sehr viel und manches Neue. In eben diesem Umfeld sind die ersten literarischen Texte in Nachkriegs-Österreich entstanden! Neuerlich wird schmerzlich bewusst, dass durch den Kalten Krieg und durch die konservative Kulturpolitik der Koalitionsparteien Österreich schwere Verluste erlitten hat, weit über Brecht-Boykott und Abwanderung des Theaters in der Scala hinaus. Die neben anderen Originaldokumenten (wie auch Briefen) zur Gänze nachgedruckte Broschüre Die geistigen Arbeiter und die Kommunisten von Knepler aus dem Jahr 1947 (155-185) gibt einen eindringlichen Einblick in die Mühen des Neuanfangs, in dem die „geistigen Arbeiter“ sowohl Neues schaffen als auch die Werte der bürgerlichen Kultur „an das Volk“ weiter geben sollten (und gewiss auch wollten).

Interessant der Hinweis (133f.) auf den Kontakt zwischen Georg Knepler und Hans Weigel – mit dem jener zusammenarbeiten wollte, während dieser auf einem „Trennungsstrich“ bestand. Solche Konflikte unter Intellektuellen in wahrhaft „wichtigen Dingen“ (134 – ein Knepler-Zitat) mussten zur Stagnation des geistigen Lebens in Österreich führen, was immer Weigels Argument in seinem (nicht erhaltenen oder nicht zugänglichen) Brief gewesen sein mag.

Ein paar kleinere Fehler sind in einem so breit dokumentierten Buch mehr als verzeihlich. So war z. B. Oskar (nicht „Otto“) Samek nicht Geschäftsführer des Verlags Die Fackel (52), Löhner war Librettist und nicht Komponist (38), Leopold Lindtberg kein Schweizer (150). Bei der Transkription von Kneplers faksimiliertem Lebenslauf ist „und Ewald“ ausgelassen (76f.); auch bei anderen Zitaten befürchte ich Lesefehler. Bedauerlich ist, dass die Bibliografie nur die selbstständigen Veröffentlichungen Kneplers verzeichnet; seine zahlreichen Artikel zu kulturpolitischen Fragen sind nur in den (sehr sorgfältigen) Anmerkungen nachgewiesen.

Insgesamt ist das Buch ein gewichtiger, in jeder Hinsicht lesenswerter Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte und zur Kulturgeschichte Österreichs.

Sigurd Paul Scheichl
28. April 2014

 

 

 

 

 

 

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