Elena Messner: Das lange Echo.

Roman.
Wien: edition atelier, 2014.
192 Seiten; gebunden; Euro 18,95.
ISBN 978-3-902498-93-9.

Autorin

Leseprobe

Der Offizier Milan Nemec ist im Ersten Weltkrieg in Belgrad stationiert und lehnt sich dort im letzten Kriegsherbst nach vielen miterlebten unnötigen Gewaltakten und Gräueltaten gegen einen seiner Vorgesetzten auf. Dies wird als der „Fall“ Nemec hundert Jahre später von der Militärhistorikerin Vida Nemec in ihrer Dissertation aufgearbeitet, wobei sie sich als Assistentin über die Auslegung und das angemessene Erinnern daran mit der Direktorin des Heeresgeschichtlichen Museums in einem schon lange herangewachsenen Streit befindet.

Das lange Echo ist eine Geschichte darüber, wie Widerstand vor hundert Jahren und wie dieser heute aussehen kann. Zwei Erzählstränge sind dazu ineinander verwoben und somit werden Vergangenheit und Gegenwart in einen durchgängigen Text verschränkt, gegen Ende des Romans werden beide Stränge zusammengezogen: Die Assistentin Vida entpuppt sich den Lesenden als Urenkelin des Offiziers Milan Nemec, nach und nach wird dann auch die Familiengeschichte dazu aufgerollt, und im weitesten Sinne ist nebenher ebenfalls eine Liebesgeschichte eingeflochten, die aber nur angedeutet wird und mit dieser möglicherweise aufkeimenden Beziehung endet dann auch der Text.

Moral und Haltung sind in der Geschichte die vorrangigen Themen, ebenso Krieg, das Erinnern daran und die Kritik am Krieg selbst. Die angemessene Aufarbeitung kreist um mehrere dahingehend wesentliche Fragen: Wofür lohnt es sich, sich einzusetzen? Wozu Widerstand, und wie ist ein solcher überhaupt möglich? Was macht das Leben überhaupt lebenswert? Die Sicht der Direktorin ist in diesen Punkten jener der Assistentin entgegen gesetzt, ihr Streitgespräch wirkt reflektierend und erklärend, gibt nach und nach immer mehr Details zu dem „Fall“ Nemec frei, doch es bleibt lange im Dunkeln, worum es hier konkret geht, was denn Milan Nemec so Unerhörtes getan hat, um dann darüber hundert Jahre später so lebhaft zu diskutieren. Doch es geht hier um viel mehr als nur um die Ohrfeige, die Nemec dem „hohen Besuch aus Wien“ gibt und das Ziehen seines Revolvers, es sind grundlegende Unterschiede in der Sichtweise des Krieges. Die Assistentin stellt den Part mit dem Gewissen dar und versucht, die Direktorin, die rückwärts gewandte und in Traditionen verhaftete Strategin, von ihrer Sicht der Dinge zu überzeugen: Ihr Streitgespräch bei einem Stadtheurigen im ersten Wiener Bezirk, nach einer Konferenz zur Vorbereitung des hundertjährigem Gedenkjahres zum Ersten Weltkrieg, bei dem die Assistentin einen „moralisch-philosophischen“ Schlussvortrag mit einem Tucholsky-Zitat hält, führt jedoch zu keiner Lösung. Doch nicht nur das Streitgespräch, die Dissertation und der Widerstand verbinden das Gestern mit dem Heute, ein Verbindungsstück ist auch die große Bürde, die scheinbar jene zu tragen haben, die sich nicht auflehnen (können): „lass uns das alles ein Stück des Weges gemeinsam ertragen“ (S. 93 und 122), so erhofft es Milan Nemec noch vor seinem Aufbegehren sowie auch die Direktorin des Heeresgeschichtlichen Museums. Ihr „falsches“ Handeln ist ihnen sehr wohl bewusst. Darüber hinaus ist die Frage nach der Moral allgemein zentral: Die so viel gepriesene Standhaftigkeit der SoldatInnen wird in Frage gestellt, wenn gefragt wird, wie viele da „gerettet hätten werden können“ (S. 25), oder die These aufgestellt „Wer im Krieg wie ein Heiliger leben möchte, der wäre schön dumm und auch bald tot, ganz gewiss, da kann man nichts machen (S. 51).“ Und noch ein weiterer Brecht'scher Duktus kommt da ins Spiel: Soll doch die Regierung selbst in den Krieg ziehen.

Das Echo, wie es auch schon im Titel vorkommt, wirkt ebenfalls als Verbindung zwischen dem Damals und dem Heute. Mit einem Echo ist nun aber nicht nur ein reales Echo, als Wiederhall, Stimme oder als stummes oder „stilles Echo“ (S. 50) des Krieges gemeint. Es gibt auch die eigene Geschichte des Krieges, die dann aus privaten Echos besteht, ein inneres Echo, das nur im Kopf existiert, die individuelle Geschichte. „Auch ein lebendiger Mensch kann ein Echo sein“ (S. 114), so wie auch Milan Nemec selbst ein Echo ist, und auch „eine Stadt hat immer ein Echo, das in ihr eingesperrt bleibt“ (S. 109). Darüber hinaus meint ein Echo auch Geister, die etwa in Schatten „festsitzen“, denn „wenn die Leichen nur notdürftig verscharrt sind, ist die Gefahr des Wiederauferstehens gegeben“ (S.40). Gemeint sind die Untoten, die Wiederkehrenden, die dann vor allem auf Notfriedhöfen anzutreffen sind. Es bleiben vom Krieg die „wirren Echos von Männern, mit den Schmerzen, dem Stöhnen, dem der deinigen und der ihrigen“ (S. 49) und nicht „Stolz und Ehre und Opfermut“, und es sind dies „wütende Geister“ (S. 173). Die in diesem Sinn „bösen Echos“ (S. 75) sind nun in Nemec selbst eingesperrt, er muss diese Echos und sich selbst davon befreien, da sie ihn aufblähen, nur die Beichte befreit ihn letztendlich davon: „Die Worte auf dem Papier sind wie eine zischend entweichende Luft aus dem Nemec, dem jemand in den Bauch gestochen hat, der endlich, endlich, alle Echos aus seinem Körper entlassen kann, die ihn so böse aufgebläht haben.“ (S. 183)

Neben diesen nachdrücklich schweren und schauerlich geisterhaften Elementen vergisst der Text nicht auch ironisch und sarkastisch zu agieren, etwa in der Beschreibung des Lebenslaufs der Direktorin des Heeresgeschichtlichen Museums oder in einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Strategen Conrad, in der Beschreibung der österreichischen Wappen oder der Kriegswahlsprüche. Die Rolle der heute kanonisierten Schriftsteller im Ersten Weltkrieg wird ebenfalls ironisch-kritisch betrachtet, Hugo von Hofmannsthal wird etwa „Hohes Hirn“ (S. 160) genannt und seine erkaufte vorzeitige Rückkehr von der Front thematisiert (siehe auch Leseprobe). Es ist auch eine Abrechnung mit patriotischen Literaten wie Musil oder Rilke, mit dem Wort im Krieg und mit dem Patriotismus an sich. Diese scharf kritische und voller Ironie beinahe spottende Erzählhaltung kommt stellenweise ganz bis in die Gegenwart, etwa mit dem Thematisieren der Bankenaffäre um die HypoAlpeAdria, da im Text die Bank für das Sponsoring des Kongresses zum Weltkriegsgedenken in Belgrad, an dem die Assistentin teilnimmt, verantwortlich ist.

Auch die so oft evozierte Mündlichkeit sowie die hohe Stimmenvielfalt wirken mitunter ironisch und als Folge fast (sich selbst) subvertierend. Die Erzählhaltung wechselt von einer auktorialen Erzählperspektive einerseits ständig in eine Art inneren Monolog sowohl Milan als auch Vida Nemecs, und andererseits in die gesprochene Sprache. Die Rede des Vorgesetzten etwa wird mit Regieanweisungen wie [Hüsteln] (S. 22) oder Dialektausdrücken wie „eing'steckt“ oder „war'n“ (S. 21 f.) perfekt auf Mündlichkeit hin inszeniert, der Rede- und Schimpfschwall Vida Nemecs mit Einflechtungen wie „Entschuldigen Sie, Doris, es war nicht meine Absicht, Sie anzuspucken, nehmen Sie!, bitte nehmen Sie die Serviette, wischen Sie sich ab, ich bitte Sie.“ (S. 138) versehen. Diese Wechsel in der Erzählhaltung ergeben einen eigentümlichen und uneinheitlichen Sprachrhythmus, machen dafür aber vielschichtige Blickwinkel und ein Panoptikum an Sicht-, Rede- und Denkweisen möglich. Den Sprachfluss hemmend und aufbrechend wirken auch abgebrochene Sätze, bei denen immer der letzte Teil oder das letzte Wort fehlt, meist ein Verb, was verdeutlicht, dass hier noch immer etwas nicht zu Ende gedacht oder gesagt wurde und unaufgearbeitet bleibt - entweder weil die Dinge untragbar sind, Angst dominiert und Selbstschutz angebracht ist, oder weil hier schlichtweg Handlungsohnmacht herrscht. Das Konzept der Kapitelüberschriften ist dabei ein gescheiterter Versuch, Experimentelles in den Text zu bekommen: Je Kapitel wird ein Wort eines Satzes als Überschrift verwendet, was letztendlich den vollständigen Satz ergibt: Warum wir uns an nichts erinnern sollen, es aber dennoch tun müssen.

Die lange Rede der Assistentin Vida im vorletzten Kapitel stellt abschließend den Ansatz eines Lösungsversuches dar: Im Museum sollen auch die „Meuternden, Revoltierenden und Befehlsverweigernden“ (S. 172) gezeigt werden, durch die der Krieg letztendlich zu Ende gegangen ist, und die sich somit für den Frieden und seine Erhaltung einsetzen. Doch ob das funktionieren kann, bleibt letztlich offen.

Lydia Haider
30.  April 2014

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