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Otto Tremetzberger: Nelson Mandela hatte vielleicht eine schöne Zeit auf Robben Island.

Erzählung.
Innsbruck: Limbus Verlag, 2014.
117 Seiten, gebunden; Euro 13,90.
ISBN 978-3-99039-002-3.

Autor

Leseprobe

„Viele Stunden könnte ich mit der Betrachtung eines einzigen Quadratmeters Wandfläche zubringen: Eine Expedition, ein Spaziergang durch unbekannte Landschaften. Boden, Wände, sogar die Decke: Alles ist aus Stahlbeton, jede Fläche wie aus einem Guss, glatt und makellos. Nur über der Tür ist der Beton an einer Stelle eingerissen.“

Der Icherzähler von Otto Tremetzbergers Prosadebüt hat ein Auge für Details. Wenn er im Zug sitzt, bemerkt er die Spuren von Schokolade auf den Polsterbezügen, wenn er ein Schlafzimmer betritt, sieht er sofort den Staub und die Haare auf dem Bett, wenn er durch Gänge oder Straßen streift, fallen Lärm und Ungeziefer in seine Wahrnehmung.

Die Welt, die er erlebt, stellt eine ästhetische, olfaktorische und akustische Belästigung für ihn dar. Menschen stoßen mit Koffern gegen seine Knie, riechen nach Wein, und ständig ist er nahe daran, sich über etwas zu beschweren, sieht dann aber doch davon ab. Vermutlich weil er nicht involviert werden will. Die Welt, die ihn umgibt, scheint er nicht zu verstehen – er habe keine Ahnung von Politik, heißt es an einer Stelle, als er versucht, Zeitung zu lesen. Ständig schnäuzt er sich, ist erkältet oder allergisch, muss sich fast übergeben. Und er kann nicht genießen. Nur im Traum „ist alles so einfach, so vernünftig, so unglaublich einfach“.

Menschen scheinen ihn wenig zu interessieren. Dass der junge Mann, der kulturwissenschaftliche Vorträge hält und einen Posten in einem Museum innehat, ein Problem mit ihnen hat, zeigt sich höchstens indirekt: Darin, dass er keinen Kontakt zu den Zuhörern oder Veranstaltern eines Vortrags in einem Institut für „Kunst, Technologie oder Kultur“ („so genau weiß ich es nicht mehr“) in Zürich aufnimmt. Darin, dass er erst Stunden nach seiner Ankunft im Büro den Computer aufdreht.

Oder darin, dass er offenbar Freunde hat und sich mit ihnen auch amüsieren kann, Squash spielt, sich aber trotzdem als Fremder fühlt. Welche Funktion er in dem Museum innehat, bleibt vage. Jedenfalls kann er sich – wenn auch nur ausnahmsweise – fünf Wochen am Stück spontan Urlaub nehmen, als er von zunehmender Müdigkeit und dem Wunsch nach Ruhe heimgesucht wird.

Über die Gründe für diesen Lebensüberdruss stellt Tremetzberger keine Spekulationen an. Deswegen bleibt es ein Rätsel, warum sein Protagonist sich im Laufe des Textes immer mehr zurückzieht, bis er schließlich in einem selbst gewählten Gefängnis landet, jenem ausbetonierten Raum von ca. zwölf Quadratmetern, mit dem die Erzählung beginnt und der offenbar Anfang der 1970er Jahre aus Angst vor einem Atomkrieg als Bunker eingerichtet wurde.

Otto Tremetzberger wurde 1974 in Linz geboren, er studierte Theaterwissenschaft und Philosophie in Wien, International Arts and Media Management in Salzburg und arbeitete neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit seit 2001 als Radiomacher bei Radio FRO 105,0 in Linz, später war er Mitinitiator von Freies Radio Freistadt, er ist engagiert im Verband Österreichischer Freier Radios sowie Gründungsmitglied und Geschäftsführer von dorftv („Das Fernsehen, wo die Leute selber ihr Programm machen können“).

Wie sein Protagonist hat er als Kind den Atomunfall in Tschernobyl erlebt, der seinem Protagonisten ganz zum Schluss von „Nelson Mandela hatte vielleicht eine schöne Zeit auf Robben Island“ doch noch ein paar biografische Erinnerungen entlockt. Über dessen sonstige familiäre Verhältnisse kann man nur Vermutungen anstellen. Offenbar stammt er jedoch aus begüterter Familie, die zumindest zwei Ferienhäuser ihr Eigen nennt, eines in Österreich, in dem es sogar einen Gärtner und gibt wohin er sich für einen guten Monat zurückzieht, und eines an einem italienischen See, wo die Erzählung beginnt und endet.

Nelson Mandela begab sich bekanntlich nicht freiwillig ins Gefängnis, sondern für ein politisches Ziel – um dessentwillen er auch seine vorzeitige Freilassung ablehnte. Trotzdem stellt sich der Icherzähler dessen Zeit der Haft irgendwie als schön vor. Allerdings befindet er selbst sich erst zwei Monate – und das auch noch aus eigenem Entschluss – auf Freiheitsentzug, und nicht mehr als 25 Jahre wie sein Vorbild.

Seinen Bunker beschreibt er als Ort ohne Verlangen und Schmerz, ohne Abscheu und Enttäuschung, aber auch ohne Glück: „Ein Gefängnis? Nur ein Dummkopf würde so empfinden. Habe ich etwa ein Verbrechen begangen? Ich glaube nicht. Ich hege keine besondere Abscheu gegenüber anderen. Ich empfinde keine Enttäuschung. Ich maße mir kein Urteil an. Gleichgültig sehe ich die Dinge. Unbeschwert verbringe ich meine Zeit.“
Ohne äußere Eindrücke – außer dem beschriebenen Studium der Wände – fällt sogar seine Schlaflosigkeit von ihm ab.

Vielleicht hat der Icherzähler doch ein Problem: nicht mit Menschen, sondern mit dem Menschsein, das nun mal aus Sehnsucht, Angst, Rivalität und der oft vergeblichen Suche nach dem Glück besteht. Tatsächlich gesteht er zu Anfang, dass hier „in dieser Welt (Es ist eine Welt und kein Zimmer!)“ nach und nach alles Menschliche von ihm wegrücke. Nur der Notabort passt nicht in diese „winzige sterile Welt“ – womit bewiesen wäre, wie schwer sich das „Menschliche“ ablegen lässt, wenn man nicht aufhören will zu leben.

So weit geht der Icherzähler mit seiner Ablehnung dann doch nicht. Und so schließt diese prägnante Studie eines unerklärlichen und unerklärten temporären Lebensunmuts oder -überdrusses mit einer vagen Hoffnung: „Mein Kopf ist leer. Ich setze mich an den Tisch. Die Dunkelheit ist vollkommen. Ich habe keine Angst. Es ist eher ein neuer Anfang, denke ich, wie bei einem Spiel, bei dem man wieder von vorne beginnt.“

Kirstin Breitenfellner
7. Mai 2014

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 


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