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Sama Maani: Ungläubig

Leseprobe

 Wißt Ihr, sagte der Messias, und mit einer abrupten Bewegung führte er das Mikrophon an den Mund, wißt Ihr, als ich ein Kind war, wünschte ich, daß mich mein Vater verwöhnt. Einmal, in den 70er Jahren, hatte die Stadtgemeinde in Graz aus Gründen der Gemeinderatswahl die Idee eines Adventkalenders auf einer Platane. Ich war sechs. Im Stadtpark, wo die außergewöhnlichsten Bäume ausgestellt sind, der Messias sagte tatsächlich ausgestellt sind, als wäre der Stadtpark in Graz ein Ausstellungsareal, und die Bäume Exponate in einer Weltausstellung, im Stadtpark gibt es eine außergewöhnlich hohe Platane, ähnlich unseren hohen Platanen in Nord-Teheran, nur daß diese aus Nordamerika stammt, und auf dieser außergewöhnlich hohen Platane hatte die Stadtgemeinde vierundzwanzig Baumhäuschen installiert, sie entsprachen den Türchen sogenannter Dezemberkalender, die man in Graz im Advent seinen Kindern schenkt, das Kind darf pro Tag ein Türchen öffnen und ein Geschenk entnehmen. Natürlich reichten die 24 Geschenke in den 24 Baumhäuschen nicht für alle Kinder in Graz, daher veranstaltete die Stadtgemeinde einen Gesangswettbewerb, an dem aber wieder nicht alle teilnehmen konnten - d.h. die Eltern hatten einen Teilnahmeantrag zu stellen, und mittels Verlosung wurden 72 Kinder bestimmt, die am Gesangswettbewerb der Gemeinde teilnehmen durften, eines der Kinder war ich.
Ich hatte im Stadtpark, bei einem Spaziergang mit Vater, die Gemeinde-Arbeiter gesehen, wie sie die Geschenke in die Baumhäuser stellten, es handelte sich durchwegs um blaue Ballons, jedoch um keine gewöhnlichen, es waren kleine Modelle von Heißluftballons, wie man schon aus jener Entfernung feststellen konnte, in der mein Vater und ich uns platziert hatten (mein Vater und ich hatten Angst vor den Gemeinde-Arbeitern, die nach Bier rochen, und ihr Dialekt war das Grunzen der Schweine), es handelte sich, genauer gesagt, um kleine Modelle des Heißluftballons Hatschi Bratschis, einer in Graz berühmten Horrorfigur eines Kinderbuches. Hatschi Bratschi ist ein rundlicher Türke, der in seinem Heißluftballon die Welt bereist und Kinder entführt, die er in das Türkenland bringt, wie es in dem Kinderbuch heißt, mutmaßlich um sie dort zu verspeisen.
Der im Korb des Ballons befindliche Hatschi Bratschi des Adventkalenders war eine Stoffpuppe, mit einem roten Turban, die in der einen Hand eine Pfeife hielt, die andere hatte sie ausgestreckt, als sei sie dabei, ein Kind am Nacken zu packen und in den Ballonkorb zu zerren.
Nachdem mein Vater und ich eine Zeit lang den
Arbeitern zugeschaut hatten, wie sie die Geschenke in die Baumhäuser stellten, schaute ich zum Vater hinauf: Versprichst Du mir so einen Hatschi-Bratschi-Ballon?
Es wird einen Wettbewerb geben,
sagte der Vater, und so kam es, daß ich am ersten Dezember, mit einem Mikrofon in der Hand, auf einer von der Stadtgemeinde unweit der hohen Platane errichteten Bühne stand. Ich war als letzter der 5- bis 6-jährigen an der Reihe, alle Kinder vor mir hatten steirische Adventlieder gesungen, resp. Weihnachtslieder, ich hingegen hatte auf Empfehlung meiner Lehrerin der Volksschule Peter-Rosegger, die aus Düsseldorf stammte, ein Lied einstudiert, in dem es um eine Horde Affen geht, die durch den Urwald rast, und während sie sich gegenseitig totschlagen, singen die Affen, resp. sie brüllen:

Wer hat die Kokosnuß,
Wer hat die Kokosnuß,
Wer hat die Kokosnuß geklaut?

Die Jury, bestehend aus Pädagogen der Grazer Landesmusikschule, saß zwischen den zwei Sitzarealen, hinter einem U-förmigen Paravent, denn das Publikum sollte, wie mir später der Vater sagte, nicht mitbekommen, welcher der Pädagogen wie votierte. Ich war während des Singens meines Affenliedes keineswegs aufgeregt, was sich jedoch änderte, als nach dessen Ende die Lehrer, statt sofort, wie bei den Kindern vor mir, die Bewertungstafeln hochzuheben (die Bewertungstafeln waren auf lange Stangen befestigte Kartons, welche die Juroren hochheben mußten, so daß das Publikum trotz des Paravents die Bewertungen sehen konnte) ich war während des Affenliedes also keineswegs aufgeregt, was sich aber änderte, als die Landesmusiklehrer, statt die Bewertungstafeln hochzuheben, einfach nur da saßen und vor sich hin- oder einander anstarrten. Auf einmal ging ein Ruck durch die Jury-Pädagogen, sie begannen, heftig zu debattieren, worüber sie debattierten, konnte ich nicht hören, ihre Stimmen wurden lauter, bis sie sich von ihren Tischen erhoben, und zwischen dem Paravent und der Bühne einen Kreis bildeten und dort weiterdebattierten. Je länger ihre Debatte andauerte, desto größer wurde meine kindliche Angst, ich führte das Mikrofon an den Mund, damit niemand merkte, wie meine Hand zitterte, und preßte es gegen die Lippen. Vater versuchte mir zuzuwinken, um mich zu beruhigen, er saß unmittelbar neben dem Jury-Paravent, aber ich nahm ihn nicht wahr.
Eine Pädagogin im Lodenmantel löste sich von der Debatte und sprang auf die Bühne, nahm mir das Mikrofon aus der Hand und wandte sich an das werte, wie sie es sagte, Publikum, was sie dem Publikum sagte, kapierte ich nicht, weil ich aufgeregt war, jedoch hätte ich auch unaufgeregt nichts zu kapieren vermocht, ich war sechs,
wie gesagt, und verstand immer nur: der arme Bub, der ausländische. Es ging um eine politisch brisante Debatte, wie mir Vater, später mitteilen sollte, als ich älter war, und um das Publikum über diese Debatte zu informieren, war die Pädagogin, im Lodenmantel, auf die Bühne gehüpft.
Die Landesmusikpädagogen, so die Landesmusikpädagogin, waren sich uneins, ob mein Affenlied, das ja kein Weihnachtslied war, in einem weihnachtlichen Musikwettbewerb überhaupt zulässig sei, die einen meinten Nein, die anderen, daß die Teilnahmebedingungen eine solche Einschränkung nicht enthielten, im Grunde wäre es, wie mir der Vater später erklärte, um etwas Anderes gegangen, daß die Grazer das Affenlied als ein
typisch deutsches empfanden, im Unterschied zu den typisch steirischen Liedern der Kinder vor mir, und über die Frage des Umgangs mit einem typisch deutschen Lied bei einem Grazer Gesangswettbewerb gab es unter den Musikpädagogen vier Positionen:
Die einen fanden, ein deutsches Lied habe bei einem Grazer Wettbewerb überhaupt nichts zu suchen, aus Gründen des, wie es der Vater sagte,
Faschismus, ich glaube, er sagte aus regionalfaschistischen Gründen, hingegen eine zweite Gruppe mein deutsches Affenlied gut fand, aus Gründen des, wie es der Vater sagte, Faschismus, jedoch diesmal des deutschnationalen Nazifaschismus, die dritte Gruppe bestand aus sozialistisch-antifaschistischen Lehrern, die mein Lied aus Gründen des Sozialismus und Antifaschismus ablehnten, denn Graz war vor Jahren von den deutschen Nazis besetzt, meine Lieben, und das Deutsche ist für manche Antifaschisten in Graz mit dem Faschismus ident, wohingegen die vierte, und kleinste, Gruppe gerade aus Gründen des Antifaschismus für das Affenlied war, denn sie hielt das Grazer Ressentiment gegen das Deutsche für ausgesprochen faschistisch.
Ich hatte überhaupt nicht kapiert, was die Landesmusik-pädagogin dem Publikum sagte, sie hatte eine blonde Bubifrisur, und auf einmal legte sie mir ein grünes Taschenbuch in die Hand, mit steirischen Liedern, das ich ohnehin von der Volksschule kannte. Ich kapierte, ein Trostpreis. Weil mein Affenlied bei den Landesmusikpädagogen einen Wirbel gemacht hatte, weigerten sie sich, wie mir später der Vater erzählte, sich überhaupt mit ihm zu befassen. Ich kapierte - und weinte.
Du Armer, sagte die Landesmusikpädagogin, ich möge mich bitte das nächste Mal an das grüne Taschenbuch halten, mit den steirischen Liedern, inzwischen waren mehrere Landesmusikpädagogen auf die Bühne gehüpft und debattierten, einer, mit Hut, riß der Pädagogin das Mikrofon aus der Hand, und brüllte Nieder mit den Bolschewiken!, woraufhin ihm das Mikrofon seinerseits von einem jüngeren Langhaarigen entrissen wurde.
Jemand klopfte mir auf die Schulter, der Vater war ebenfalls auf die Bühne gehüpft,
komm mit, und nahm meine Hand. Die Grazer im Zuschauerareal waren aufgestanden und gestikulierten, als wären sie Italiener, es gab Handgreiflichkeiten, und alle brüllten sie wild durcheinander. Der Vater nahm meine Hand, komm mit, wir hüpften von der Bühne hinunter und schnellen Schrittes betraten wir einen Kiesweg. Es war dunkel und still. Auf einmal sah ich die außerordentlich hohe Platane, als sähe ich sie zum allerersten Mal, der Weg von der Bühne zu der Platane war mir unendlich lang vorgekommen, wie eine Reise mit verbundenen Augen im Traum, obwohl sich die Bühne ja, wie gesagt, unweit der Platane befand. Sie hatten auf der Platane bunte Lampions aufgehängt, wie bei indonesischen Festen, ein Parkwächter, ein älterer und sympathischer Herr, stand neben dem um die Platane errichteten Zaun, vermutlich, um die Ballons zu bewachen, er fragte den Vater, was los sei, er könne von hier aus nichts sehen, aber er höre einen Tumult. Das wunderte mich, denn es war, seit wir den Kiesweg betreten hatten, absolut still, und übrigens gibt es im ganzen Parkareal keinen Kiesweg. Sie müssen helfen, sagte Vater, wir wollten die Polizei informieren, aber sie haben die Telefonzellen zerstört.
Wer macht denn
so was?, fragte der Wächter. Die Kommunisten natürlich!, rief Vater – er zeigte in Richtung Bühne und Zuschauerareal. Kruzitürken, der alte und sympathische Herr schlug seine Hände über dem Kopf zusammen, d.h. eigentlich über seiner Parkwächtermütze, und rannte in Richtung Bühne und Zuschauerareal.
Aber jetzt!, sagte Vater, hüpfte über den Holzzaun, und über die von der Gemeinde installierten Strickleitern erreichte er eines der unteren Baumhäuschen, das er, wie er mir später erzählte, mit Hilfe seines Schweizer Offiziersmessers aufbrach, um ihm den Ballon zu entnehmen und diesen mit beiden Händen, damit er nicht wegfliegt, festhaltend, hüpfte er auf die Wiese. Einen Moment lang, aber möglich, daß es sich um eine nachträglich in meine Erinnerung eingefügte Einbildung handelt, einen Moment lang hatte ich Angst, Vater würde mit dem Luftballon in den Himmel hinauffahren, Hier, sagte Vater, und übergab mir Hatschi Bratschis Ballon, paß aber auf, daß er nicht wegfliegt. Ich war im siebenten Himmel. Hatschi-Bratschis Ballon sah aus der Nähe noch imposanter aus als aus jener Entfernung, aus der mein Vater und ich die Gemeinde-Arbeiter beobachtet hatten, und er verströmte einen exotischen Duft, als hätte man ihn parfümiert.
Graz ist klein, meine Lieben, mein Vater und ich machten uns zu Fuß auf den Heimweg, und daß man uns wegen des Gesetzesbruches im Stadtpark belangen könnte, kam uns nicht in den Sinn, und es passierte auch nicht. Noch bevor wir von der Brockmann- in die Peinlichgasse einbogen, trafen wir auf die Mutter. Sie war Laborassistentin bei den
Barmherzigen Brüdern in Graz, und auf dem Nachhauseweg, so wie wir, ich lief auf sie zu, Schau, ein Geschenk, Mama, von Papa, und sie auf mich, und noch während sie auf mich zulief, streckte sie mir ihre Arme entgegen, und ich - in der Annahme, sie hätte mir ihre Arme entgegengestreckt, damit ich ihr meinen Luftballon gebe, damit sie ihn anschauen könne, ich gab ihr, sobald sie nahe genug war, meinen Ballon in die Hand, aber die Hände der Mutter, statt den Korb des Ballons zu ergreifen, streichelten meine Wangen - da flog der Luftballon weg, erst langsam auf- und ab schaukelnd, als wäre er unschlüssig, ob er dableiben oder davonfliegen sollte, dann schnellte er wie ein Pfeil in die Höhe und verschwand im Himmel.

 © 2014 Drava Verlag, Klagenfurt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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