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Julia Danielczyk und Ulrike Tanzer (Hg.) Unerwartete Entdeckungen.

Beiträge zur österreichischen Literatur des 19. Jahrhunderts
Wien: Johann Lehner 2014.
(Quodlibet 122).
72 Seiten; m. Abb.; geb.; Euro 24,90.
ISBN 978-3-902850-06-5.

„Unerwartete Entdeckungen“ betreffen in der Literaturgeschichtsforschung in der Regel überproportional Autorinnen. Dass den ersten Seriendetektiv der deutschsprachigen Literatur Auguste Groner erfand, die radikalere „Blechtrommel“ Gisela Elsner schrieb und zwei Jahre vor Marlen Haushofers „Die Wand“ Hannelore Valencaks Endzeitvision „Die Höhlen Noahs“ erschien, dass einer der ausgefeiltesten Exilromane von Martina Wied stammt oder einer der frühesten Romane über eine KZ-Überlebende von Hertha Pauli – das sind Entdeckungen der jüngsten Vergangenheit, die sich dem lange vergessenen Blick auf Bücher von Autorinnen verdanken.

Überraschenderweise ist diese Konstellation nur einmal zu finden im vorliegenden Symposiumsband zum 70. Geburtstag von Walter Obermaier, 1999 bis 2004 Direktor der Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Ulrike Tanzer stellt Josephine von Knorr vor, Lyrikerin, Mäzenin Ferdinand Saars, der sich wiederholt auf ihrem Schloss Stiebar bei Greesten aufhielt, und Jugendfreundin und Diskussionspartnerin von Marie von Ebner-Eschenbach. Als unverheiratete Frau waren Knorrs Aktionsmöglichkeiten deutlich größer als jene Ebner-Eschenbachs, der Geschäftsfähigkeit innerfamiliär – von den Brüdern wie vom Ehemann – nicht zugebilligt wurde. Als „Sephine“ Knorr beim Börsenkrach 1873 ihr gesamtes Vermögen verliert, will Ebner-Eschenbach helfen, doch Bruder Adolph lässt nicht zu, „daß ich für Sephine Geld in der Sparcasse deponire“, schreibt sie am 7. August 1873 in ihrem Tagebuch, und zwei Tage später: „Ich gerathe in Aufregung wenn ich denke daß ich so gebundene Hände habe, daß ich sie höchstens ringen, niemals aber hilfeleistend regen kann, wenn es gälte einem Freunde in der Not Beistand zu leisten.“ Der gesamte Briefwechsel der beiden Autorinnen wird voraussichtlich Ende 2014 als Buchedition erscheinen.

Dass sich einige Beiträge des Bandes mit Nestroy und Raimund beschäftigen ist in diesem Fall keineswegs unerwartet, ist der Jubilar doch der Doyen der Nestroy-Forschung und langjähriger Herausgeber der Historisch-Kritischen Nestroy-Ausgabe; darüberhinaus ist Walter Obermaier einer der selbstlosesten und hilfsbereitesten Kollegen, der sein Wissen und seine Informationen stets freimütig weitergibt und zur Verfügung stellt, wovon nicht nur die gesamte Nestroy-Forschung profitiert hat.

Jürgen Hein beschäftigt sich mit der ungelösten Frage des geistigen Eigentums von Carl Meisl an Teilen von Ferdinand Raimunds Erstling „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“. W. Edgar Yates und Friedrich Walla thematisieren offene Fragen zur Biografie Nestroys, wobei es zwangsweise zu kleinen Überschneidungen kommt. Hermann Böhm erzählt die vertrackte Geschichte von Nestroys Nachlass, die symptomatisch die kultur- und geisteswissenschaftlichen Paradigmenwechsel über mehr als ein Jahrhundert nachzeichnet; nicht weniger anschaulich zum Thema ist die Geschichte des „Literarischen Vereins in Wien“, die Julia Danielczyk am Ende des Bandes präsentiert. Johann Hüttner und Norbert Bachleitner stellen die Frage nach regionalen Sprachakzenten bei Raimund und Nestroy bzw. nach Nestroys Bezugnahmen auf Eug
ène Sues populäre Sozialromane.

Einen besonderen Fund dokumentiert der 2013 verstorbene langjährige Direktor des österreichischen Theatermuseums Oskar Pausch mit den „Hoftheaterakten im Österreichischen Theatermuseum“, über die dunkle Geschichte von dessen langer archivarischer Nicht-Beachtung hätte man gern mehr erfahren. Spannend genug sind freilich auch die hier zum Teil mit langen Auszügen präsentierten Fakten über das Gebaren im alten Hoftheater – von den „Kalamitäten mit Billeteuren und Sitzaufsperrern“ (S. 139), Dekorationsfragen bei der Uraufführung von Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ 1825, das Bemühen der Theaterdirektion um Vereinheitlichung der lange Zeit individuell ausgestalteten Logen, bis zur Baukritik am neuen Burgtheater 1889, dessen Lyraform sich akustisch wie optisch rasch als wenig geeignet herausstellte.

Entdeckungen je eigener Art sind Barbara Denschers Arbeit über den Nachlass des Librettisten Victor Léon in der Wienbibliothek, Jozef Tancers Aufsatz über Franz Satoris spätaufklärerische „Erinnerungen an eine Lustreise im May 1806 von Wien nach Preßburg“, unternommen gemeinsam mit dem Biedermeiermaler Matthäus Loder, oder Ferdinand Oplls Analyse von zeitgenössischen Bildzeugnissen zur Topographie von Liesing, Atzgersdorf und Mauer im 19. Jahrhundert.

Karlheinz Rossbacher nimmt den „unerwarteten“ Gedichtband des Gehirnanatomen und Psychiaters Theodor Meynert, um ein Porträt des Wissenschaftlers zu entwickeln. Meynert, bei dem auch Sigmund Freud studiert hat, ist im übrigen eine der Verbindungsfiguren zwischen der älteren und der jüngeren Generation. Am 26. Jänner 1885 hielt Meynert im Wissenschaftlichen Club einen Vortag zum Thema „Wahn“ und übersandte ein Exemplar seiner Abhandlung Ferdinand von Saar, der viele seiner Figuren an sexualpsychologischen Phänomenen und krankhaften Obsessionen zerbrechen lässt. Auch in diesem Punkt ist Saar ein Wegbereiter der Moderne, der zum Teil nicht nur Erkenntnisse der Psychoanalyse vorwegnimmt, sondern auch literarische Szenarien der Autoren von Jung-Wien. Einer ihrer Vertreter, der junge Arthur Schnitzler, arbeitete vorübergehend in Meynerts psychiatrischer Abteilung als Sekundararzt. „Ich bin nämlich seit 1.d. Secundar. bei Meynert“, notiert Schnitzler am 24. November 1886 in seinem Tagebuch, den er für einen großen Gelehrter und vorzüglichen Diagnostiker hält, „als Arzt im engeren Sinn, im persönlichen Verkehr mit den Kranken … rang er mir keine Bewunderung ab.“

Ein Glücksgriff ist der Eröffnungsbeitrag von Hans Höller, der, über Grillparzer und Stifter nachdenkend, die prinzipielle Frage des Umgangs mit dem vorgefundenen Erbe thematisiert. Einige Monate nach Franz Nabls Tod las Peter Handke dessen Roman „Die Ortliebschen Frauen“ und war beeindruckt; „was doch alles an Wichtigem und eigentlich Unverlierbarem doch verloren geht“, schreibt er an Hermann Lenz, „manchmal denke ich auch, daß das Lesen eine Sache von Leuten geworden ist, die den andern das Lesen immer mehr unmöglich machen.“ Das enthält Kritik an der eigenen Generation, die mit der wilden Lust der Erneuerung antrat und damit zwangsweise vieles übersah und wegwischte. Im Furor, Widerständiges, Verborgenes, nicht Kanonisiertes zu entdecken, blieb diese LeserInnen- wie ForscherInnengeneration lange Zeit den „Klassikern“ die Arbeit einer neuen Sichtung und Bewertung schuldig.

Evelyne Polt-Heinzl
27. Mai 2014

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