Ludwig Roman Fleischer: Seewinkler Dodekameron.

Ein pannonischer Erzählreigen in zwölf Teilen.
Klagenfurt: Sisyphus, 1998.
108 S., geb.; öS 198.-.
ISBN 3-9500149-8-5.

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Beim Wort "Seewinkel" zuckt der erfahrene Geschichtenbeobachter nur kurz zusammen, aber dann denkt er sofort an die "Bieresch", jene sagenhafte Bevölkerung, die Klaus Hoffer für alle Zeiten in den Seewinkel gepflanzt hat.
Ludwig Roman Fleischer hingegen ist bei seinen Recherchen auf "Beinahe-Bieresch" gestoßen, es sind dies Menschen, die vor Jahrzehnten aus dem Seewinkel ausgewandert sind. Anläßlich eines Heimattreffens der Auswanderer mit den autochtonen Seewinklern kommt es zu einem zweitägigen Fest, an dem "schwere" Geschichten erzählt werden.

Ludwig Roman Fleischer ist schon aus verwandtschaftlichen Gründen, wie er sagt, kurz in die Rolle eines Sommer-Enthnologen und Sagensammlers geschlüpft und hat die gewichtigsten Geschichten des Sagentreffens aus der Erinnerung rekonstruiert. Daraus entstanden ist das "Seewinkler Dodekameron", das zumindest von der Anzahl der Gesänge her das "Dekameron" übertrifft.

Ein zweitägiges Wiedersehensfest geht natürlich nicht ohne entsprechend Hochprozentiges ab. Anfangs macht es dem Sagenbeobachter keine Schwierigkeiten, die vorgetragenen Geschichten über die Entstehung des Neusiedler Sees, über spiel- und wettsüchtige Grafen, Semi-Heilige und Schafzüchter zu dokumentieren und mit der Realität in Einklang zu bringen. Mit der Zeit aber nehmen die Sagen über den Weinbau, die Weinkultur und das Weintrinken zu und erreichen schließlich im "Selbstträger", einem rabiaten Intimwein ohne aufgepfropfte Zähmung, einen Höhepunkt.
Im zweiten Teil des Festes geht es nun nicht mehr darum, die Sagen zu deuten, sondern für sich selbst auszubalancieren, wie man den Sagen überhaupt noch zuhören kann.
Kein Wunder also, daß schließlich der "Selbstträger" über alle Geschichten hinwegwuchert.

Ludwig Roman Fleischer ironisiert mit seiner Sommer-Ethnologie jene Heimatkundler, die oft nicht mehr über einen Zaun, geschweige denn auf die eigenen Schuhspitzen blicken können. Der Mythos der Heimat, wie er zuweilen - in Alkohol angesetzt - bei Lokalpatrioten ausgeschenkt wird, führt sich mit diesen Erzählungen ad absurdum und trinkt sich selber unter den Tisch.
Eine Erzählhaltung, die im Patriotismus ersäuft, zieht immer auch die Geschichten in den Suff. Je trüber also die Erzählhaltung ausfällt, umso klarer treten die alten Sagen in den Vordergrund, die gegen jede Art von Alltagsschwäche immun sind.
Ludwig Roman Fleischer erzählt vom Traum eines geglückten Festes und einer ungetrübten Erinnerung an "unversehrte Zeiten". Und solange "der erzählen lassende Erzähler" bei Bewußtsein ist, gelingt dieser Traum in zwölf Ansätzen.

Helmuth Schönauer
6. Juni 1999