Martin Pollack: Kontaminierte Landschaften

St. Pölten, Salzburg, Wien: Residenz, 2014.
120 Seiten; broschiert; Euro 17,90.
ISBN 9783701716210.

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„Wissen Sie, was ich Ihnen noch sagen könnte ... wo die begraben sind ... begraben sein könnten, begraben sein müssten ... Was halten Sie von meiner Kiesgrubentheorie ... Die werden die 180 Männlein doch nicht verspeist haben ... gegrillt zum Feuer des Schlosses ... Wissen Sie, was ich Ihnen noch sagen könnte? Wo es kein leichtes Finden dieser Leichen sein wird ... das wird kein leichtes Finden. Aber das sage ich Ihnen nicht, sonst wäre es ja ein leichtes Finden ...“ Was hier im Stakkato der Sätze von Elfriede Jelineks Theaterstück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ über das Massaker von 1945 im Burgenland aufscheint, ist im Grunde schon das heillose Thema von Martin Pollacks Essay „Kontaminierte Landschaften“: Das vielsagende Schweigen über die Massengräber aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, das Raunen und Flüstern der Täter, der Mitwisser und Anwohner. Denn außer an den bekannten Stätten der Vernichtung wie Auschwitz oder Treblinka liegen in Mittel- und Osteuropa auch anderswo noch die Überreste hunderttausender Toter: Sie wurden unter Äckern und Wäldern verscharrt, in Schluchten und Höhlen geworfen, in Sümpfe und Flüsse getrieben. Ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt, oft genug tabu – geschweige denn, dass es Eingang in die offizielle Erinnerungskultur gefunden hätte.

Es sind sowohl die anonymen Opfer des Nationalsozialismus wie auch die des kommunistischen Terrors, an die Martin Pollack in seinem langen, von großem Ernst geprägten Essay erinnert. Heute allgemein bekannt sind Verbrechensschauplätze wie das in Russland gelegene Katyn, das 1940 zum traurigen Symbol für die Ausrottung von 25.000 Vertretern der polnischen Eliten durch den sowjetischen NKWD wurde. Auch die Schlucht von Baby Jar bei Kiew, wo die deutsche Sicherheitspolizei und der Sicherheitsdienst 1941 mehr als 30.000 Juden erschossen, ist heute im Westen ein Begriff. Aber wer kennt den Namen Kurapaty? In diesem Waldgebiet bei Minsk wurden nach begründeten Schätzungen weißrussischer Bürgerrechtler zwischen 1937 und 1941 bis zu 250.000 weißrussische Zivilisten von Einheiten des sowjetischen Innenministeriums erschossen. Und wer hat je von Lissinitschi gehört? Der französische Priester und „Beauftragte der französischen Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Judentum“ Patrick Desbois, der sich in der Ukraine auf die Spuren jüdischer Schicksale setzte, erfuhr bei den Recherchen für sein Buch „Der vergessene Holocaust. Die Ermordung der ukrainischen Juden“ (2009), dass in dem Waldgebiet Lissinitschi bei Lemberg in den Vierziger Jahren 90.000 Juden ermordet wurden. Bis heute weist dort kein Stein oder Schild auf die Verbrechen hin.

Auch auf die großen und kleinen Massengräber in Lettland, Litauen, Moldawien, Polen, Rumänien, Serbien, der Slowakei, Tschechien, Ungarn und natürlich Österreich weist Pollack hin. Die Täter versuchten meist systematisch, die Spuren zu verwischen. Die Toten wurden von Zwangsarbeitern wieder ausgegraben und verbrannt. Anschließend wurden diese Helfer ermordet, um alle Zeugen auszuschalten. Gern pflanzte man schnellwachsende Bäume und Sträucher, um das Vergessen zu beschleunigen. Gelegentlich hat die örtliche Bevölkerung die jüdischen Massengräber auf der Suche nach Preziosen auch buchstäblich umgepflügt, wie der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross in seinem umstrittenen Buch „Goldene Ernte“ (2011) beschrieb. Bei seinen Recherchen traf Pollack auf Verlegenheit und Gleichgültigkeit, Scham und Schuldbewusstsein. Manches erinnerte ihn an die Heimat: „Auf dem Land sagte man früher, wenn ein Acker eine kahle oder nur spärlich bewachsene Stelle aufwies, da liegt ein Jud’ begraben. In Wien und anderen Städten kannte man diese Redewendung in einem anderen Zusammenhang: Wenn jemand auf der Straße ins Stolpern geriet, etwa über eine Unebenheit im Boden, sagte man: Da liegt ein buckliger Jud’ begraben.“

„Kontaminiert“ nennt Pollack diese Landschaften in Mittel- und Osteuropa, weil sie nicht mehr dem bürgerlichen Ideal vom „Ort des Rückzugs“ entsprechen, „aus dem wir neue Kräfte schöpfen“. Seiner These zufolge wird „Landschaft“ auch durch Erinnerung konstituiert – und diese Erinnerung ist vielfach vergiftet. In seinem Buch setzt sich der 1944 geborene Pollack auch mit dem Großvater auseinander, einem begeisterten Jäger und strammen Deutschnationalen, der aus dem Ort Tüffer, einer ehemaligen deutschen Sprachinsel in Slowenien, stammte. Mit ihm hatte er oft Streifzüge durch die wilden und scheinbar unberührten slowenischen Wälder unternommen. Erst viele Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde offiziell, dass in den schwer zugänglichen Karsthöhlen und Bergwerksstollen Tausende von Toten liegen. Vor allem slowenische Domobranci und kroatische Ustasi – Gruppen, die mit dem NS-Regime zeitweise oder dauerhaft paktiert hatten – wurden dort nach Kriegsende von jugoslawischen Partisanen ermordet. Martin Pollack hat schon in anderen Werken Geschichte und autobiographische Erinnerung miteinander verknüpft. Die Suche nach seinem Vater, einem SS-Sturmbannführer und Kriegsverbrecher, hat er in die große Reportage „Der Tote im Bunker“ (2004) gefasst. Sein Vater war 1947 auf der Flucht vor der Strafverfolgung ermordet in einem Bunker am Brenner aufgefunden worden – was die Mutter den Kindern verschwieg. Seine Kindheit als „Evakuierter“ auf einem steirischen Einschichthof war Pollack stets als Idylle erschienen. Nichts scheint weniger unschuldig als die Erinnerung.

Judith Leister
10. Juni 2014

Originalbeitrag
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