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Schwarz, Werner Michael; Zechner, Ingo (Hg.) Die helle und die dunkle Seite der Moderne.

Festschrift für Siegfried Mattl zum 60. Geburtstag.
Wien: Turia + Kant 2014.
376 S.; brosch.; m. Abb.; Euro 40,-.
ISBN 978-3-85132-751-9.

Festschriften haben oft ein wenig den Charakter einer Pflichtübung. Was Werner Michael Schwarz und Ingo Zechner zum 60. Geburtstag des Historikers Siegfried Mattl zusammengetragen haben, ist davon weit entfernt. Das voluminöse Buch ist gewissermaßen die wohl verdiente Ernte eines reichen Lebens als Forscher und Lehrer, das ein unorthodoxes Denken mit einer unorthodoxen Lebenspraxis verbindet, wie dies selten anzutreffen ist: Uneitel, hilfsbereit, immer anregend, nie bevormundend und vor allem nie sich selbst in den Vordergrund spielend. Mit seinem „Unbehagen“ über Forschungsusancen aber hat Mattl der Geschichtswissenschaft neue Territorien und Perspektiven erobert. Das spiegelt sich auch in den 46 Beiträgen des Bandes wider, der kleinere Teil stammt von Weggefährten, der überwiegendere von jüngeren WissenschaftlerInnen.

Den breit gestreuten Forschungsinteressen Mattls entsprechend, geht es in den Beiträgen um Stadtgeschichte und Unterhaltungskultur, um Film und Literatur, um Mode und Modernität von 1900 bis heute. Wo die Literatur ins Spiel kommt, sind es meist Texte und Autoren vom Rand des Kanons, die ein produktives Potential entfalten. Max Winters Sozialreportagen, Robert Müllers Drama „Die Politiker des Geistes“ aus dem Jahr 1917, Gustav Meyrinks „Golem“ oder allgemeinere Fragen wie die Nähe der Avantgardebewegung im frühen 20. Jahrhundert zur Esoterik. Hier zeigt sich vielleicht auch eine der Schwächen mancher der Beiträge: Im Furor, alles unter einem neuen Blickwinkel betrachten zu wollen, kommen mitunter Verortungen in gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen etwas zu kurz. So wie manchmal auch jene Forschungsergebnisse in Vergessenheit geraten scheinen, die Sigi Mattls Generation in den 1970er und 1980er Jahren unter einem sozialhistorischen Paradigma erarbeitet haben. Etwa wenn unter dem zeitgeistigen Titel „Sound City“ nach den politischen Implikationen von Kirchenglocken als Teil der Klanglandschaft gefragt und der Beginn mit der Liberty Bell 1776 bei der Verlesung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia angesetzte wird. Kirchenglocken sandten seit dem 14. Jahrhundert Ordoklänge in den öffentlichen Raum und waren damit ein lange übersehenes Instrument der Disziplinierung der Bevölkerung hin zur neuen Zeitökonomie der sich vorbereitenden kapitalistischen Warenproduktion.

Vielleicht ist es ein Projekt, das der jung gebliebene Sigi Mattl mit seinen wissenschaftlichen Netzwerken noch in Angriffen nehmen wird: Eine Abgleichung und Versöhnung der sozialhistorischen Forschungsansätze der 1970er/80er Jahre mit dem neuen kulturwissenschaftlichen Paradigma, das leicht zu sprachlicher Hohlheit und inhaltlicher Verflachung neigt. Leersätze wie „Das Hören ist eine Kulturtechnik, die sich in Verbindung mit anderen Kulturtechniken verändert“ (S. 229), sind im vorliegenden Band freilich die Ausnahme.

Und noch ein Projekt wünscht man sich von Mattl in Angriff genommen: Eine systematische Befragung des Titels der Festschrift. Er lautet „Die helle und die dunkle Seite der Moderne“, ohne dass die Frage einer Verortung an den beiden Polen durchgängiges Thema wäre. Mitunter steht es freilich direkter mit im Raum, etwa im Beitrag über Friedrich Kiesler. Dass er seine Rolle als Ausstellungsarchitekt der Pariser Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes 1925 mit der „typischen Choreografie eines avantgardistischen Happenings“ transgrediert hat um seine „Contre-Architcture“ der schwebenden Stadt (S. 215) zu verkünden, überlagerte in der zeitgenössischen Rezeption wie in der Forschung bis heute oft Kieslers Nähe zu lebensphilosophischen Konzepten ebenso wie die wahre Sensation der Ausstellung, Oskar Strnads Rundbühnen-Konzept.
Dahinter steht die alte Frage, die der Titel der Festschrift auch antippt: Was aber ist Moderne? Welche Parameter werden angelegt, um die „Modernität“ einer kulturellen Äußerung zu bemessen? Wenn Peter Altenberg mit Gesundheitsschlapfen und Stöckchen – das Thema Kindesmissbrauch irritierte weniger – ein provokantes Bohemien-Leben inszeniert und die beinahe gleichaltrige Elise Richter in konservativem Outfit nach jahrelangen Widerständen der Universitätsbürokratie als erste Frau die Venia Legendi erhält – wer ist dann legitimerweise als Teil des Moderne-Projekts im Sinne eines gesamtgesellschaftlichen Fortschritts anzusehen? Bis heute gilt Altenberg als Teil der „Wiener Moderne“, Elise Richter wird meist nicht einmal erwähnt.
Genauso könnte man sich fragen, ob vielleicht seit 1900 unser Begriff von Moderne und Avant­garde zu eng mit den Innovationszyklen der Warenproduktion zusammen gedacht wurde und zu wenig mit gesellschaftlicher Praxis, die künstlerische Verwendung oder Bearbeitung tech­nologischer Errungenschaften also mitunter zu unreflektiert mit dem Begriff Moderne belegt wird?

(red)
11. Juni 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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