Waltraud Mittich: Abschied von der Serenissima.

Roman
Innsbruck: Edition Laurin, 2014
224 Seiten; gebunden; Euro 18,90
ISBN 978-3-902866-14-1

Autorin

Leseprobe

Dreimal starke Frauenfiguren

Die Frage nach dem biografischen Gehalt fiktionaler Literatur stellt sich in erster Linie für den Leser, der dem Autor näherkommen will, ihn verstehen will. Einerseits aus schlichter Neugier, manchmal aus Lust am Skandal, meist aber aus ehrlichem Interesse. Das erklärt auch den immer noch regen Zustrom des Publikums zu Lesungen und die Freude über die anschließend zu erhaschende Widmung oder Signatur im eben erworbenen Buch.

Literatur ist aber – sofern sie literarisch funktioniert – unabhängig von der Persönlichkeit des Autors ein fiktionalisiertes Stück Wirklichkeit, das so oder so ähnlich tatsächlich stattgefunden haben könnte. Und wenn eine Begebenheit nicht tatsächlich passiert ist, sollte sie so erzählt werden, dass sie möglich sein könnte, oder schlicht gut erfunden.

Ein Stück Wirklichkeit, das in dem Sinn literarisch funktioniert, Geschichten, die den Schritt von der Wirklichkeit in die Fiktion problemlos geschafft haben, sind die Frauenbiografien in Waltraud Mittichs neuem Roman Abschied von Serenissima. Auch wenn Mittich gerade bei ihren Lesungen in ihrer Heimat Südtirol gefragt wurde, was denn nun erfunden, was wahr sei, muss diese Frage offen bleiben. Es spielt nämlich keine Rolle.

Mittich versteht es, mit leichter Hand und viel Sympathie für Ihre Figuren von verfehlten und zum teil unglücklichen Frauenleben zu erzählen. Es geht nach Kapiteln um die Mutter der Erzählerin (Zäzilia), eine Jugendfreundin (Rosina) und die Tochter einer Freundin (Ariadne) sowie im kurzen Schlussabschnitt um die titelgebende Serenissima, oder den Abschied davon. Das ist mehrdeutig, denn einerseits geht es um „La Serenissima Reppublica die Venezia“, wie die Dogenrepublik Venedig offiziell hieß, die ihr Herrschaftsgebiet bis nach Osttirol ausgedehnt hatte, andererseits ist Serenissima der Name eines Autobahnteilabschnitts der autostrada A4, die von Turin kommend bis nach Triest und weiter bis nach Sistiana führt, bis sie ebendort, wie Mittich bemerkt, im „Nirgendwo oder senza soluzione die continuitá“ (S. 73) endet. Die Lebensbiografien der drei Frauen sind auch Reisen ohne sinnvollen Schlusspunkt, die am Ende irgendwo im Hinterland ins Nirgendwo auslaufen, ähnlich der Autobahn, die wie ein Versprechen ist, dass man von da nach dort kommt, vielleicht gar bis ins wirkliche Venedig, die einen zu guter Letzt aber enttäuscht.

Enttäuscht vom Leben sind auch die drei Frauen, jede auf ihre Art; die alleinerziehende Mutter der Erzählerin, die nichts anderes kennt als ein hartes Leben und Ungerechtigkeit, die eine schöne Frau war, aber vom falschem Mann verführt wurde, die am Ende alle Hoffnung auf die einzige Tochter setzt und deren Leben mit dem einfach Satz beschrieben werden kann: „Die Mutter hat sich totgeschwiegen.“ (S. 9)

Als ein verfehltes Leben stellt sich die Erzählerin auch dasjenige ihrer Freundin Rosina vor, die von zu Hause ausreißt, um in ein besseres Leben, vielleicht bis zum Sehnsuchtsort Venedig zu gelangen. Sie kommt aber nur bis zum nächsten oder übernächsten Ort und verliebt sich in einen Zigeuner, wird seine Geliebte und selbst zur halbseidenen Existenz, zur Gestrandeten, ihre Spur verliert sich in vagen Wohnwagensiedlungen und Gerüchten irgendwo im Osten.

Enttäuschend ist die Herkunft auch für Ariadne, die Tochter einer anderen Freundin der Erzählerin, die ihr Kind kurz nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat, ohne große Not oder doch, aus Angst davor, eine alleinerziehende Mutter zu sein; wie Zäzilia, wie viele andere, denen das in den sechziger, siebziger, ja achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gesellschaftlich so gut wie unmöglich gemacht worden ist, gerade in einem Bergdorf wie Toblach in Südtirol, von wo die Frauenfiguren allesamt stammen.

Dass ein Leben trotz einer schwierigen Herkunft dennoch gelingen kann, dafür steht in Waltraud Mittichs Roman die Erzählerin, die allerdings auf ihren Reisen in ihre Kindheit, auf den Spuren ihrer Vergangenheit und jener ihrer Freundinnen seltsam vage bleibt, zu sehr verliert sie sich ins Erinnern; obwohl, nur durch das Erinnern, so scheint es, kann man verstehen, wie und warum ein Leben genauso verläuft, ob dieses Leben glückt oder scheitert. Und nur im Erinnern bleiben die Frauenfiguren, denen Mittich in ihrem Roman eine Stimme, den Versuch einer Erklärung gibt, lebendig. Es sind berührende Portraits mehrfachen Scheiterns, nicht ohne am Ende auch durchaus positive Zeichen zu sehen; Ariadne, der jungen Frau, die adoptiert wurde, gelingt ein anderes Leben, das einer emanzipierten Frau. "Hoch qualifiziert, Studium des internationalen Rechts, die beste ihres Jahrgangs, ehrgeizig und bereit, den Preis zu zahlen, das Kind alleine groß zu ziehen.“ (S. 192) Auch Ariadne entkommt dabei ihrer Herkunft nicht, auch sie ist in einer ähnlichen Situation wie ihre Mutter, nur geht sie anders damit um, sie nimmt die Herausforderung an. Das ist der Ausblick in einer andere Zukunft, die Mittich ihren Frauenfiguren gewährt, in ihren Worten: „Wie sie es mit den Männern hält, weiß ich nicht. Ob es den einen gibt, oder überhaupt einen oder mehrere, darüber schwieg und schweigt sie sich aus. Ich verstehe das gut. Oft sprechen wir über die Leidenschaft für den Beruf, wie männlich Frauen sein müssen. Ariadne ist eine sehr schöne, sehr zierliche, sehr weibliche Frau.“ (ebenda).

Bernd Schuchter
24. Juni 2014

Originalbeitrag
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