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Waltraud Mittich: Abschied von der Serenissima

Leseprobe

Auf die E 8 werden wir’s nicht derrichten, du kennst diesen Dialektausdruck noch. Die Vorsilbe der- meint, ob es zu schaffen ist, wunderbare Wörter, im Aussterben begriffen. Der ostösterreichische Grenzlandweg „Via Pannonia“ geht sich vielleicht aus. Nein, ich habe einen besseren Einfall. Ich bin noch nicht recht dazu gekommen, mit dir über Bücher zu reden und die Leute, die sie schreiben. Es ist dies aber im Grunde das Wichtigste überhaupt. Sozusagen essentiell für mich. Ich schlage eine Radtour vor, ich hoffe, dass du noch gut unterwegs bist mit den Beinen, wir können auch langsam fahren, da lässt es sich reden dabei und denken. Und erinnern. Also, wir radtouren auf der Simferopolsker Chaussee, das ist eine alte Straße, die von Moskau auf die Krim führt. Was das mit Büchern zu tun hat? Wart’s ab. Brauchst auch keine Angst zu haben, die ganze Strecke müssen wir nicht radeln. Wir starten in Kaluga. Das ist eine Stadt am Fluss Oka, rund 190 Kilometer von Moskau entfernt. Das Radfahren ist auf den russischen Straßen nicht wonnig wie etwa am Gardasee, aber spannend, wir müssen aufpassen, auf der Hut sein tut uns gut. Wir wollen bis nach Tula, genauer gesagt nach Jasnaja Poljana, 12 Kilometer westlich von Tula. Aber zunächst machen wir im Kloster Optina Pustyn Halt. In diesem Kloster hat sich der russische Dichter Leo Tolstoj gern aufgehalten. Er hatte ein schwieriges Verhältnis zu seinem Gott und mit den Mönchen darüber disputiert. Tolstoj war ein Geher, ein rastloser Mensch, er ging oft 170 Kilometer zu Fuß von seinem Landgut Jasnaja Poljana bis nach Moskau. Schon deshalb ist er mir sympathisch. Übrigens hatte Tolstoj eine Schwester, die einige Kilometer von Optina Pustyn entfernt in einem Frauenkloster lebte. Es heißt Schamardino. Es war Tolstojs letzte Fluchtstätte. Die Geher sind wohl auch immer Flüchtige. Dahin wollen wir radeln. Es soll dort geheimnisvoll sein, noch immer, zwischen Birken und Buchen entspringen Quellen. Die sind Kraft spendend, sagt man, und heilend. Das wollen wir ausprobieren, nicht wahr? Wir verlassen das Kloster Optina Puschtin, denn es ist etwas laut da, zu viele Leute. Nun radeln wir entlang von Blumenwiesen, es ist Sommer, es duftet und summt in den russischen Wiesen wie überall, aber wie nirgends sonst. Das denke ich mir so aus. Du weißt ja warum. Die Kolchosen, die wir längs des Weges sehen, sind verfallen und in der Einfallstraße zur Stadt Beljow rauchen Müllkippen. Es stinkt, die Stadt macht uns todtraurig, auch dich, wo du Schlimmes gewohnt bist. Wir machen uns auch hier schnell davon. Auf der Landstraße nach Tula am nächsten Tag ist es warm, aber nicht heiß, ein leichter Wind treibt uns, die Gegend ist hügelig. Die Straßen sind russisch, weil aufgerissen, die Winter scheinen streng zu sein, die Kälte sprengt den Asphalt. Trotzdem lassen wir’s krachen bei den Abfahrten, wir waren schon immer wagemutig. Dann sind wir schon in Jasnaja Poljana, was „Helle Lichtung“ heißt, und ich weine vor Rührung, dass ich endlich da bin und schäme mich dafür, aber du weinst aus Solidarität mit mir. In Jasnaja Poljana hat Tolstoj „Krieg und Frieden“ geschrieben, definitiv mein Lieblingsbuch. Wir sind bei den Büchern angekommen, ich liebe die Umwege noch mehr als die Wege, du kennst das von mir. Tolstoj ist in Jasnaja begraben, von hier ist er immer wieder geflohen und zurückgekehrt, seine letzte Flucht endete in einer tristen Bahnstation irgendwo in Südrussland. „Krieg und Frieden“ ist ein Lebensbuch für mich, ich denke für viele andere auch, ich lese immer wieder darin und bekomme nie genug. Es gibt ungefähr 250 Personen, von denen erzählt wird, da brauchst du einen langen Atem als Leser, musst einfach zur Ruhe kommen, und das finde ich an diesem Buch das Allerbeste. Das ist zwar kein professionelles Urteil, aber ein solches brauchst du nicht. Dir würden die leidenschaftlichen Frauen gefallen, Natascha vor allem, die wegen der Kerle den Kopf verliert, gerade so wie du. Na ja, ein wenig auch wie ich. Ich kann die Kerle im Buch manchmal besser verstehen, Andrej zum Beispiel, der stolz ist und nachtragend und dann doch verzeiht. Ich lese immer in „Krieg und Frieden“, wenn ich rastlos bin und unruhig, wenn es mich treibt und ich nicht wegkann. Eigentlich wäre ich die bessere Zigeunerin. Ja, so ist es mit den Büchern und mit mir, ich hoffe, du kannst das verstehen. Aber ich wüsste zu gerne, ob du eine Leserin geblieben bist, im Dorf warst du eine. Ich hoffe für dich, dass du eine geblieben bist, Alternativen zu seinem Leben, wenn auch bloß gedruckte, braucht der Mensch.

Wir haben auf dieser Reise viel von uns gesprochen, wie es war im Dorf, haben uns erinnert. Haben zusammen gekichert, wie das nur beste Freundinnen können, wo niemand das Gekichere versteht, ausgenommen sie beide, weil alle ausgeschlossen sind und sein sollen aus diesem oft geprobten Spiel. Aber möglicherweise, ja, sicher, ist dieses Gekichere bloß eine Ausflucht, um eine Scham- und Schmerzgrenze nicht überschreiten zu müssen. Auf die E 8 jedoch schaffen wir es nun wirklich nicht mehr. Es war schön zu radeln, zu reden, zu kichern und zu erinnern. Fast wie meditieren, dabei kann ich das gar nicht und du wahrscheinlich erst recht nicht. Ich will jetzt schließen, es ist spät und ich bin müde, Rosina, meine Liebe, meine cavalla storna.

(S. 152-155)

© 2014 edition laurin, Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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