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Leopold Federmair: Das Exil der Träume.

Roman.
Wien: Edition Selene, 1999.
196 S., geb.; öS 285.-.
ISBN 3-85266-097-1.

Ein Autor, der das kleine Leben (ver)fassen kann, ohne verdächtig zu werden, ist Leopold Federmair (geb. 1957 in Oberösterreich). Ein Expatriate, den es durch die Länder und Sprachen treibt, Italien, Ungarn, Lateinamerika, Frankreich; selten, aber dennoch: Wien. Ein entschlossener Skeptiker, kein reisender Enthusiast. Als Übersetzer hat er sich einen guten Namen gemacht, ist er jemand, der präzise den Strom der Wörter übersetzt; in seinen eigenen Texten setzt er sich ihm aus, ohne zu wissen, wohin er ihn führen wird. Sein Schreiben aus der Fremde ist wohltuend unösterreichisch: verweigert es sich doch der monomanen Nabelschau, dem Provinz-Porno der Bernhard-Epigonen.

Federmair setzt dagegen die Archäologie des Entfernten, des Verflossenen, das Dejà vu. Die schöne Wiederbelebung der kleinen Phänomene, der Freuden des Augenblicks. Den "Erinnerungssud", dessen Zubereitungsweise mitunter auch die Melancholie sein kann, wie in seinem neuen Roman: "Der Schatten im Feldbett: meine Umhüllung. Und keine Person, die da wäre, kein Name, nur eine Lücke, die leere Stelle, namenloses Erinnern." Diese Momentaufnahmen geschehen literarisch, ohne daß sie ausarten würden wie die Epiphanien Handkes. Der Leser gerät unweigerlich zart in den Bann des defätistischen Charmes dieser Texte und ihrer unglaublich flüssigen Sprache, der man auch die Beschreibung des Himmels und des Meeres, jenes "Jonglieren mit Wolken", ohne Gegenwehr abnimmt.

"Wir sind für alle Zeiten gefangen zwischen dem Hier und dem Dort": Vor diesem Horizont des Unerreichbaren hat der Erzähler quasi als Fährmann die Überfahrt unternommen in ein Exil der Träume, in einer südamerikanischen Hafenstadt, die Tres Ochos heißt. Auf deutsch: drei Achter. Simpel wie der Name wäre auch das Handlungsskelett des Romans: Der Ich-Erzähler besucht die altersdemente Hilda, seine letzte "Verwandte in dieser Weltgegend" im Asyl. Durch Gespräche mit ihr und anderen Personen möchte er dahinterkommen, wie ihr Schwager Guillermo ums Leben kam, der 1978 im Park gefunden wurde, erschossen, mit einem Plastiksack über dem Kopf. Hier verläßt der Roman auch abrupt die gespielte, wählerische Naivität, die sonst dem Stilmittel der Epiphanie eignet, indem er die Todesschwadronen von Pinochet und Co. evoziert.

Dennoch: "Das ist kein [politischer] Detektivroman", sagt sich der Ich-Erzähler völlig zu Recht, "das hier ist das Leben. Das bescheidene Leben, wie es uns zufällt. Der Hund zum Beispiel, der dem Auto nachkläfft und es überholt und vor ihm herläuft im Scheinwerferlicht, ist das Leben. Aber auch unsere Suche, die nie aufhören wird, unsere Grundlosigkeit [...]". Ebenso gilt für den Text: "Motiv und Motiv: das alles verwirrt sich." Aber es ist ohnehin ist nicht die Handlung, nicht das Gefühl, daß der Erzähler auf der richtigen Seite stehen könnte, sondern die textuelle Qualität der einzelnen Annäherungsversuche, die diesen Gedankenroman so anziehend macht; weniger das Mosaik als die Steinchen. Da ist etwa der gelähmte Rechtsanwalt, der auch Tanzlehrer war, oder der schwadronierende Baske Esquerra mit seinen philosophischen Apercus: "Wir sind Körper. Immer berührt uns etwas. Immer berühren wir etwas. Immer sind wir bewegte Beweger." Esquerra fällt die zentrale Stelle zu, die den Titel des Romans klärt, wie ein Motto, ohne ihn er-klären zu können. "Der Geist ruht im Nirgendwo, auf einer Oase des Lebens, im Exil der Träume, wo nur der Zufall frei schwebt." Damit wäre auch die Bewegung des Reisens dem Text wie seinem Autor vorgegeben: permanent vacation? Vielleicht der einzige Kritikpunkt, der freilich nicht nur Federmair trifft: Warum der Aufwand, warum das Setting in Lateinamerika? Wovor läuft der Text weg, und wohin/wozu führt er? Täte sich dieser gelinden Skepsis nicht ohnehin jeder Beserlpark als Erfahrungsraum auf? Der Roman entläßt seinen Leser, der "das Ende der Geschichte hören" möchte, mit einem Text auf dem Buchrücken: "Stärken Sie sich, gehen Sie hinaus aufs Festland, begraben Sie Ihre Toten. Oder finden Sie Ihre Verschwundenen, beleben Sie sie wieder. Halten Sie sich nicht mit Betrachtungen auf. [...]" Ob man diesen Rat nicht befolgen sollte?

Clemens Ruthner
27. Juli 1999

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