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ohrenzwinkernd: Judith Nika Pfeifer

Eine Person hinter Buchstaben und Silben und Lauten und Clustern von Bedeutungen und von was Linguistischem auch immer zu suchen, gehört in diesen Jahren zu den Untugenden des Lesens. Person in Persona, Durchtönen und so viel Spiel im Spiel, da kann man sich doch nicht festlegen wollen!

Aber eine Person wiederzuerkennen, mit der man einen Raum eine Weile ein zwei Reden lang geteilt hat, zu sagen: Sie sind das!, zu denken: ach die! oder gar: Du!, das sollte doch jederzeit möglich sein, wenn man nicht gerade weggetreten war oder ist, weil es einem die Grammatik verschüttet hat.

Judith Nika Pfeifer habe ich weder gekannt, noch erkannt, noch wiedererkannt, noch kenne ich sie jetzt, obwohl ich viele Gedichte vor meinem inneren Ohr gelesen und vor meinem inneren Auge aufgesagt habe, obwohl Sie mir Anlass, Grund, Adressat und – trotz strafbewehrter hermeneutischer Inkorrektheit sei's gesagt - auch Gegenstand war.

Sie, JNP, war zusammen mit einer Handvoll junger Frauen, allesamt Stipendiatinnen im tiefst-brandenburgischen Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, in den Berlin Süden gekommen, an den Wannsee, ins Literarische Colloquium Berlin (LCB). Zwischenspiel: Auftritt Wiepersdorf bei JNP (vollständiges Gedicht):

WIEPERSDORF

manchmal passiert auch minutenlang gar nichts


Wiepersdorf ist proletarisch gebeugter alter Adel und Literatur, das LCB ist bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte mit DDR-Ausblick (über den See). Auftritt Literarischer Adel im JNP-Gedicht:

BEI ARNIMS

habe ich bonbons im haus
werfe ich sie zum schloss hinaus


JNP also war mit von der Land- zur Stadtpartie, hatte zugehört ein zwei drei Reden über ZEN und die Kunst eine Schale zu brennen, und hatte mit mir gesprochen. Darauf hat sie sich dann in einem Schreiben bezogen und ihr anderes Schreiben mit geschickt. Doch weder in der lebendigen Gegenwart von raumgreifenden Personen, noch in der lebendigen Gegenwart des räumlichkeittranszendierenden Wortes (von der Paulus spricht, den Buchstaben pneumatisierend, ohne bereits die Poesie zu meinen), weder also hie noch da ist es mir gelungen, bis jetzt gelungen, etwas von der Person zu erhaschen, die hinter oder im Raum sowohl wie im Wort steckt, nicht einmal mithilfe eines Fotos in einem Buch von ihr, von wem?, wo drauf steht

nichts ist wichtiger
ding kleines du


weil dieses Foto eine Haarmütze hat, die schräg und tief in ein Gesicht, über ein Auge fällt, und von unten kommt ein Rollkragenpulloverkragen dem entgegen, und die Lippen sind nach innen in den Mund ges/zogen (Barthes/Balsac), die Haut um den Mund aufeinandergepresst: nicht tot, sondern: kein Ton kommt hier heraus, von Sätzen ganz zu schweigen. (Nur wer mich an der richtigen Stelle kitzelt vielleicht … wir arbeiten daran). Wer ist JNK, das kleine ding und du und … was bleibt also, als ins Buch zu horchen, ob man da was sieht:

arbeiten auf papier
sind nicht für seefische

so sorry


Dass Sehen, Lesen, Hören in- und durch- und übereinander gehen, ist das Erste, was man hört und sieht und liest. Dem Radio gilt das erste und einzig lange, fast schon Langgedicht - und ich bin beim Radio, oft sogar drin und es selbst -, und auf der ersten Seite klingt es so in einem Wort in Zeile 19:

ohrenblinke


Sehen Sie!, Sie können es hören, wie sich die Welt für einen Augenblick öffnet zwischen Laut und Luise, oder sagen wir zwischen Klang und Thomas Kling oder sagen wir zwischen Phonem und Lexem. 'Ohrenblinke' ist vor allem Plötzlichkeit, gemischt mit Minisinn und dann im Widerspruch auch obendrein noch: Wiederholung. Es blinkt. Suche die Sprache im Satz vom Satz roter Ohren. Es blinkt.

Dies steht da nicht zufällig am Anfang von dem, was alles im Radio minisinniert und gesungen wird, nein, der Gedichtband hat noch ein Vorher vor dem Anfang, eine Art Gedichtmottogedicht, das lautet:

led zeile blinkt los
leuchtbändig
ein augenblink


wo wir das Blinken wieder back to the roots, also in der Optik haben, dafür fehlt aber ein nicht gesprochener Konsonant in der Optik, aber eben hier und immer adverbial umso heftiger; zumal er ja ersetzt ist durch einen auszusprechenden Konsonaten - 'do ut des' ist dasselbe mit Vokalen -: Gib mit ein 'n' für ein 'c', wodurch der Augenblick so gestört ist, dass er noch hektischer wird und, weil es blinkt, noch schneller und, weil es blinkt, noch iterativer und, weil es blinkt, damit noch augenblicklicher als er ohne 'n' schon wäre.

Und wenn man dann eine kleine Philosophie des gestörten Augenblicks als mikroskopischen, aber einzigen Spalt zur Welt identifiziert, na ja inspiziert, na ja insinuiert hat, und auf der Suche nach jenem Ohren-Augen-Blink die Gedichte leiseweiterlautliest, die dann plötzlich kürzer werden, geradezu augenblickshaft kürzer aufblinken - ich zitiere ein noch unveröffentlichtes neues:

link wo willst du hin?
ich drück dich


dann stößt man – ach ja juchhe und heureka auf

des augenblicks zauber


Titel des Gedichts auf Seite 38, und hat statt eben jener lustigen Epiphanie im Nu schon einen Zuber in der Hand, es will ja schließlich auch um den Spalt zur Welt herum saubergemacht sein:

den zuber des ugenblcks fest
halten fester halten den zuber fest


Da ist man buchstäblich gesehen mittendrin im konstitutiven Problem, wie die nachträgliche Schrift mit allen Mitteln der phonetischen Rede den Moment berührt. Jetzt zwar jetzt, man höre, aber der Sinn ist für die Füße, für die Katz oder auch für die Fische wie das folgende Gedicht überschrieben ist

gedicht für die fische


mit der sternchengeleiteten Fußnotenerklärung

* für d'fisch = für die katz', sinnlos vergebens


sinnlos und vergebens durch kein Satzzeichen getrennt übrigens, was heißt, dass die Sinnlosigkeit ihrerseits unter die Sinnlosigkeiten fällt und das Gedicht unter und somit für die Fische. Warum ist doch klar!, Fische sind fischig und glitschig und sinnlich, aber vom Sinn nicht zu fangen. Mit Schleppnetzen wird hier nicht gearbeitet, wir sind ja nicht in der Kanzlei, hier wird mit der Hand beim Fangen gescheitert, aber es spritzt und blinkt dabei in der Gischt des Augenblicks.

Will man ein ordentliches Gedicht mit sinn-sinnlichem Erbauungspotential und Personal, dann liestmanmallaut die zweite Ministrophe:

fischstäbchen
ein gedicht
für dich


So geht’s natürlich. Als Fischstäbchen schmeckt das Leben auch dem Pädagogen, der die Welt erklärt. Und wenn man immer noch zweifelt, ob man, Sie, Du, Ihr hier im falschen Kielwasser fischt, dann blättern Sie man einfach weiter bitte - zum Gedicht betitelt

bla


und dessen erster Zeile:

wissen was bla


Da sind die Erklärbärpädagogen wie unsereiner einer war und ist: am Ende und steht im Trockenen, denn Wissen zweifellos ist bla, und erst wenn bla wie Wissen, also beide also, an zu tanzen fangen, dann wird's was Schönes, SO!, aus Schwittersjandlfriederikeballfrikandell und mehr

Bla kann hier bla nicht bla bla 2

Bla bla huestel bla bla huestel huestel

Und 'ue' dabei bitte 'ua' zu lesen, in diesem Fall, damit es mehr nach Beisel bei der Schlägerei denn nach großer Oper im Schnupftuch klingt. Doch die kann JNP natürlich auch, nur kleingerieben zwischen den Konsonanten geschrieben zur wahren Größe:

ding kleines du


weiter kann man es nicht bringen in dieser Welt, in dieser Sprachwelt schon erst recht nicht: Es klingt und blinkt im 'ding', und dann ist es auch noch ein 'du', Person, Persona, Maske und Gesicht. Gedicht-Gesicht, jetzt hab ich Dich. Danke für dieses poetische Gefecht, liebe Judith Nika Pfeifer

© Hubert Winkels, 2014 ________________________________________________

Hubert Winkels, geb. 1955 in Gohr bei Düsseldorf, Literaturkritiker (u. a. für "Die Zeit") und Autor; seit 1997 Literaturredakteur im Deutschlandfunk, seit 2010 Juror beim Ingeborg-Bachmann-Preis.

 


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