Christian Futscher: Der Mann, der den Anblick essender Frauen nicht ertragen konnte.

Abenteuerroman.
Wien: Czernin Verlag, 2014.
208 Seiten; geb.; Euro 19,90 (E-Book 14,90).
ISBN: 9783707604856.

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Die Poesie des Skurrilen

Selten finden sich in einem Roman so viele Personen, bei welchen Psychiater das Tourette-Syndrom diagnostizieren würden. Der eigene Hang zur Klassifikation führte zur Kategorie ICD-10  „Störungen des Verhaltens und der Emotionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“. Das Tourette-Syndrom beinhaltet im übrigen nicht nur das allseits bekannte wüste Schimpfen, das in diesem Buch als Motiv offensichtlich ausgeweidet wird, sondern auch mutmaßlich unmotivierte, fahrige Handlungen, die ebenfalls charakteristisch sind für einige der handelnden Personen, allen voran für Robert, den Anti-Helden dieses zeitgemäßen Abenteuerromans.

Ein Roman und die darin agierenden Figuren entziehen sich jedoch jenem maßnehmenden Kalkül, das die Psychiatrie als Ideal sieht. Romanfiguren dechiffrieren sich durch Handlungen und Gesten, verraten und verhüllen gleichzeitig etwas. In dieser der Form des Romans eingeschriebenen Ambivalenz ist auch dieses Buch verortet. Die Nähe von psychischer Irritation und Abenteuerroman, die in Christian Futschers „Der Mann, der den Anblick essender Frauen nicht ertragen konnte“ offenbar wird, leistet dabei eine ganz eigene Qualität des Genrebruchs. Im klassischen Abenteuer-Genre geht es um große Aufbrüche aus der vertrauten Umgebung in eine feindliche, mit zahlreichen Gefahren und Kämpfen verbundene Welt.
Robert, der bei der Großmutter lebt, reicht schon eine Busfahrt, um sämtliche zivilisationstechnische Sicherheiten hinter sich zu lassen. Die Geschichte pendelt zwischen realen Ereignissen und den daraus resultierenden Imaginationen, die oft geradezu psychopathologische Dimension annehmen. Streitereien, ja Schlägereien sind ein ständiger Begleiter von Robert. Gestorben wird auch viel in diesem Buch. Darauf ist der Autor besonders stolz. Anlässlich seines Interviews mit Herbert Gnauer in der Sendereihe "Radio Dispositiv" auf Orange 94,0 leitet Christian Futscher das Aggressionspotenzial seines Helden "aus Verzweiflung und Einsamkeit sowie seinem gestörten Verhältnis zu Frauen" her.

Formal ist der Roman in dreizehn Kapitel eingeteilt, denen jeweils Zitate aus berühmten Abenteuerromanen vorangestellt sind. Die Verbindung des Abenteuers in der weiten Welt mit dem erotischen Abenteuer im Kopf, das immer wieder, manchmal offenbar, manchmal verklausuliert gesucht wird, machen auch etliche Zitate sichtbar, wie beispielsweises dieses aus Melvilles 'Moby Dick': „Je länger ich mich mit diesem machtvollen Schwanz beschäftige, um so schmerzlicher bedaure ich meine Unfähigkeit, seinem Geheimnis Ausdruck zu verleihen.“
In einem weiteren Interpretationsfeld ließen sich die vielen Tode der von Robert teils imaginierten, teils realen Personen als Stellvertreter-Tode interpretieren, als kathartische Notwendigkeit, um dann doch noch der 'reife, also beziehungsfähige Mann' zu werden.
Ein Detail zur Erzählperspektive: Es findet sich hier auch der unzuverlässige Erzähler, etwa wenn Robert erfährt, dass Uwe von drei Haien zerrissen wurde. Später liest man jedoch von einem Herzinfarkt, der Uwe beim Schwimmen ereilt hat. Interessant ist dabei, dass hier nicht der Ich-Erzähler agiert, sondern der vermeintlich auktoriale Erzähler, und somit eine zusätzliche Ebene der Verwirrung eingezogen ist, denn der sachlichen Perspektive dieses auktorialen Erzählers schenkt man Vertrauen, das jedoch wiederholt missbraucht wird. Somit verdichtet sich die eigene Traumlogik von Robert zu einem Spiegellabyrinth, in welchem Reales und Imaginiertes verschmelzen.

Dass das Wesen des Skurrilen in Futschers Literatur einen festen Rang einnimmt, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Meist liegt in diesen aberwitzigen Szenen ein wunderbarer Reiz. Leider wird dies zu oft strapaziert, führt letztlich auch zu der einen oder anderen läppischen Blödelei, mindert dadurch die Lesefreude spürbar und sorgt so für eine ungünstige Distanzierung zur Figur. Auch die Tendenz zum Kalauer tut weder Robert und seinen wundersamen Mitstreitern wie Hugo, Porno-Paul (aka Pepe) oder St. Pauli, den Frauen wie Ingrid, Maria oder Lena noch dem ganzen Roman gut.

Die Neigung zu einer unsauberen Rhetorik kann bewusst auf Milieus schließen lassen und hat ihre Berechtigung, doch erzeugt manche mitunter kühne Metapher mehr Stirnrunzeln als Befriedigung: „In seinem Kopf kreisten irrationale Aasgeier, die sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten.“ (S. 134) Solche Bilder fallen insbesondere dann auf, wenn der Stil sonst eher salopp gestaltet ist.
Immerhin findet sich ein Happy End für den Getriebenen, denn wie im klassischen Sinn stellt Andrea, die von Robert zuvor auch Engel, also Angela, genannt wurde, gleichzeitig Therapie vom Selbst als auch Lohn für die geleisteten Anstrengungen dar.

Alexander Peer
15. Juli 2014

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