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Clementine Skorpil: Gefallene Blüten.

Leseprobe

Ai Ping hält sich nicht an die Regeln, heißt es im Dorf. Wenn andere Frauen in den Frauengemächern des ersten Stockes sitzen und stricken oder weben, ihren Kindern Geschichten erzählen oder darauf achten, dass die Bediensteten keine Eier stehlen oder ein Stück Stoff in die Taschen stecken, läuft Ai Ping im Dorf die Gassen auf und ab. Den ganzen Tag. Das war immer so. Sie lässt sich nicht einmal tragen. Abends tun ihr die blutenden Füße weh. Sie isst nichts mehr, sondern legt sich aufs Bett und schläft ein. Doch am nächsten Tag rennt sie wieder durch die Gassen. Wie es den Kindern des Schusters geht, die Bluthusten haben? Frag Ai Ping, sie weiß es. Worüber sich der Bäcker mit seiner Frau streitet? Ai Ping hört beiden zu.
Sie redet nicht nur mit den Damen aus ihrer Schwesternschaft, der Frau des Apothekers – immerhin eine geborene Zhou – oder der Frau des Schulmeisters, nein, auch mit dem Lehrer selbst, mit den Schulkindern, mit den Eltern der Schulkinder. Warum der Kaiser neue Steuern erheben muss. Weshalb der Präfekt im Gericht diese oder jene Entscheidung getroffen hat. Männerangelegenheiten allesamt.
Natürlich hat die Familie versucht, ihr die Flausen auszutreiben. Vergeblich. Lieber lässt sie sich totprügeln, als den ganzen Tag im Haus eingesperrt zu sein.
Jeden Tag geht sie den gleichen Weg. Am Garten des alten Mo bleibt sie stehen und atmet den Duft der Rosen. Dann läuft sie die Dorfstrasse entlang zur Wiese neben dem Pfüfungsgelände, auf der der kleine Lu Jia den Wasserbüffel des Privatgelehrten Zhen Daping hütet. Von dort wandert sie zum Teich und beobachtet die Wildenten, die nach Süden ziehen.
Abends kommt sie nach Hause und schreibt Gedichte. Bildet sich ein, sie kann berühmt werden wie einst Li Qingchao. Anfangs entsprachen ihre Gedichte den Regeln. Dann wurden sie immer seltsamer. Wer will Poesie über Wasserbüffel auf grünen Wiesen lesen?
Erst als Shuli anfing Blut zu husten, blieb sie eine Zeit lang zu Hause. Dann trieb es sie wieder auf die Straße. Sie ging zum Schuster. Der schickte sie mit Shuli in die Stadt zu einem englischen Arzt. Drei Monate später standen wir an seinem Grab. Ai Ping schloss sich in ihrem Zimmer ein, aß fast nichts, wurde krank. Kaum wieder gesund, begann sie wieder durch die Straßen zu wandern. Da war Shuli noch kein Jahr tot. Sie ging zur Weide, gab Lu Jia Geld für die Schule und bewachte den Wasserbüffel für ihn. Dass Jia nie zur Schule ging, sondern sich Naschereien kaufte und in den Bergen herumtrieb, wusste jeder im Dorf. Trotzdem hütete sie den Büffel. Bis Zhen Daping sie vertrieb. Es schickt sich nicht für eine Dame, Rinder zu weiden.
Ai Ping hält sich nicht an die Regeln. Dass sie uns jetzt wieder zum Gespött im Dorf macht, kann ich ihr nicht verzeihen. Ich hasse sie. Ich hasse meine Mutter. Ich hasse meine Mutter!

© 2013 Argument Verlag, Hamburg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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