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Maja Haderlap: langer transit.

Gedichte.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2014.
88 Seiten, gebunden; EUR 20,50 (A).
ISBN 978-3-8353-1378-1.

Leseprobe

Autorin

Nach ihrem großen Romanerfolg „Engel des Vergessens“ kehrt Maja Haderlap, die in Eisenkappel/Želesna Kapla geborene Kärntnerin slowenischer Muttersprache mit ihrem Gedichtband „langer transit“ zu ihren literarischen Ursprüngen zurück. Ihren ersten Lyrikband veröffentlichte sie bereits 1983, doch da sie zunächst auf Slowenisch dichtete, nahm die deutschsprachige Öffentlichkeit sie nur eingeschränkt wahr, bis 1998 bei Drava in Klagenfurt ihre gesammelten Gedichte in einer dreisprachigen slowenisch-deutsch-englischen Ausgabe erschienen. Doch schon vorher galt sie nicht nur Eingeweihten als wichtigste lyrische Stimme des Slowenischen in Österreich.

Eines ihrer Kernthemen ist folgerichtig die Behauptung der Identität von Minderheiten in einer Mehrheitsumgebung – ganz regional von der Situation der Slowenen in Kärnten und Italien ausgehend, aber stets mit dem Blick dafür, dass dies nur eine exemplarische Herangehensweise an ein Thema darstellt, das überall auf der Welt seine Entsprechungen hat. Maja Haderlap ist trotz ihrer engen Verwurzelung in der ostalpinen Grenzlandwelt keine Heimatdichterin, auch nicht im besten und – wenn es denn so etwas überhaupt gibt – unkitschigsten Sinne des Wortes. Die Betonung der sprachlichen und ethnischen Herkunft erscheint vielmehr nur als ein Zwischenschritt zurück in die ureigene persönliche Identitätssuche. Diese Suche, dazu eine tiefe Reflexion über poetisches Schreiben und Übersetzen, die Erfahrungen der Liebe und ein zeitlich weit zurückreichender geschichtlich-mythischer Blickwinkel markieren konsequenterweise die großen Abteilungen, die den Gedichtband „langer transit“ strukturieren, seine einzelnen poetischen Ergebnisse ordnen helfen.

Die Gedichte sind äußerlich schmucklos und ungekünstelt, es gibt kein Spiel mit tradierten Formen, wie sie bei anderen Autorinnen und Autoren mitunter wieder Verwendung finden, ganz selten überhaupt nur so etwas wie einen erkennbaren Strophenbau. Die Texte verlassen sich ganz und gar auf das, was sie zu sagen haben.

Schon der Titel deutet an, dass es sich im weitesten Sinne um „Unterwegsgedichte“ handeln könnte, und so lässt sich der Band denn auch an. „beinah nach hause“, der erste Abschnitt, beleuchtet ein zwischen Orten in Slowenien und Oberitalien umherwanderndes lyrisches Ich, zwischen Piran, Col, Grado und Triest, auf der Suche nach sich selbst und verlorener Vergangenheit: „ich sitze da wie am grund einer alten verstörung“ (S. 7), „das bin ich und bin ich nicht./zwischenland, ungetrennt.“ (S.11). Mit wenigen präzisen sprachlichen Linien skizziert Maja Haderlap diese Plätze, weckt bei ihrer Leserschaft mit ihrer gleichermaßen sinnlichen wie spröden Sprache die Vorstellungskraft für Personen, Landschaften, ja selbst für Erinnerungen und Emotionen: „oft ging ich/beäugt auf dem harnischpfad in ein/nachbarland, um von früher zu hören,/als ein zaun noch die weiden säumte/und alle namen ein verwandtes echo/verband.“ (S.14).

Folgerichtig wendet sich die Autorin im nächsten Abschnitt der Geschichte zu: „Karantanien“ ist dieser Zyklus betitelt (nach dem slawischen Fürstentum des 7. Jahrhunderts, das etymologisch schon das heutige Kärnten in sich trägt) und verarbeitet die Entstehung der slowenischen Nation auch und vor allem über die Ausprägung und Behauptung ihrer Sprache als identitätsstiftendem Faktor: „während andere/kriege führten, rollte ihre sprache/die landzungen aus, markierte die raine/ mit axiomen, erbat mit verwünschungen/schutz“ (S.23).

Der dritte Abschnitt führt damit fast wie von selbst zu einer Anzahl von Sprach- und Dichtergedichten, ebenso wie der gesamte Band mit „langer transit“ überschrieben, und natürlich ist hier Sprache nicht gleich Sprache. Ihre unterschiedlichen Wertigkeiten und Aufgaben führt Maja Haderlap exemplarisch vor. So beleuchtet das Gedicht „home“ die Sprache als Voraussetzung aller Erinnerung – ohne sie kann das eigene Memorieren keine sinnlich nachvollziehbare, lebendige Vergangenheit zurückholen: „die sprache öffnet/verrottete türen, schiebt das staubige brett/aus der halterung, lüftet den verborgenen stein.“ (S.28). der folgende text „träumende sprache“ hingegen spricht vom poetischen Wort, das „über sich hinauswachsen“ will, „durch geisteralleen aus wasser und gas gleiten“, „eine fassung haben für jede erscheinung“ (alle S.29). Haderlap wird trotz ihrer wenig variablen äußeren Bauformen ihren jeweiligen Sujets immer gerecht. So besteht das Gedicht „übersetzen“ fast nur aus Fragestellungen, die verdeutlichen, dass nichts sicher ist beim poetischen Übertragen von einer in eine andere Sprache, „ein schwarzer fluss, der wörter/aufnimmt und verwandelt?“ Gleichzeitig rückt die Wassermetaphorik das über-setzen auf eine weitere Bedeutungsebene. Als Dreh- und Angelpunkt der Sprachgedichte kommt der Text „transit“ daher, in welchem Haderlap den persönlichen Übergang vom Dichten auf Slowenisch zum Dichten auf Deutsch verarbeitet: „am ufer des neulands wirst du deine/muttersprache ablegen.“ (S.34). Vielleicht nirgendwo sonst in diesem Band erscheinen das lyrische und das Autorinnen-Ich so deckungsgleich wie in diesem thematischen Abschnitt. In weiteren Texten wird das Dichten als Lebenslast und -trost und als sinn- und Sinnlichkeit stiftende elementare Aufgabe geschildert („wenig sind wir ohne einander,/kaum der rede wert.“ S.38). Die Sprache wird von der Lyrikerin mehr und mehr personifiziert („…fährt mir die sprache/über den mund, verbietet mir jedes fügsame/wort“ (S.39). So verwundert es kaum, dass wir mit ihr zusammen im nächsten Kapitel das „haus der liebe“ betreten, und so eindeutig sich diese Texte auch als zwischenmenschliche Liebesgedichte lesen lassen, so schwingt doch immer wieder die Option mit, dass es sich auch um die Beziehung eines Ich zur Sprache handeln könnte („du kannst mich/kaum ausfindig machen, so fern bin ich dir“ (S.44). Und immer bleibt Sprache auch als Thema in diesen Versen gegenwärtig: „zu mir führen stufen, die ich satz für satz/von mir stoße. ich höre das stürzen des wortgebälks,/den widerhall: ich bin dein, ich bin dein.“ (S.54).

Im Zyklus „das unsichtbare mädchen“ erscheint das Autorinnen-Ich dagegen fast ängstlich bemüht, so weit wie irgend möglich vom lyrischen Ich abzurücken, das anfangs häufig als Du oder gar in der dritten Person angesprochen wird, ein Kind, das durch Zurückweisungen, Flucht in träumerische Parallelwelten, körperlichen Missbrauch und Mutterüberhöhung seine Entwicklung zur Frau mehr durchleidet als durchlebt und als passives Objekt, beinahe als Trophäe ihres Zukünftigen, doch wenigstens immerhin wieder in der Ich-Form endet: „ich höre dich kommen, während ich/das mädchen loslasse. du schulterst mich,/trägst mich zum festlich gedeckten tisch,/streichst mir das kind aus dem gesicht“ (S.64).

Der letzte Abschnitt, „gedächtnis vergissmeinnicht monument“ überschrieben, nimmt noch einmal alle thematischen Strukturen der vorangegangenen Zyklen samt den passenden Stilmitteln auf: Worte, die es zu übersetzen gilt („werde ich sie erkennen oder ins/schweigen zurückbuchstabieren?“ S.67), die Heimatlosigkeit („wo ich war,/klafft eine lücke./wo ich bin, treibt/mein schatten ins kraut.“ S.69), die Spurensuche („einmal im jahr,/…kehre ich in mein dorf zurück“, S.72). Im Titeltext des letzten Zyklus?, der so versprengt und unzusammenhängend wirkt wie die durcheinandergewirbelte Motivik aus den vorhergehenden Abteilungen, deckt uns Maja Haderlap noch ein gleichnishaftes sprachliches Geheimnis auf, die Ähnlichkeit der Wortstämme dieser drei Bezeichnungen im Slowenischen: „spomin, spomincica, spomenik./gedächtnis, vergissmeinnicht, monument.“ (S.75). Und in „zornkraut“, dem letzten Text im Buch, zieht sie ein augenzwinkerndes Fazit und schließt mit den Worten: „ich bin ein mieses kraut geworden,/niederträchtig, infam und sehr gewöhnlich./das ist das gemeine an meiner gemeinheit.“ (S.83).

Ein langer Transit fürwahr, auch für die Leserschaft, eine thematische Gebirgsüberquerung auf den bloßen Füßen der poetischen Wahrnehmung. Und doch: man kann diese Texte aufgrund ihrer fast schon ebenmäßigen Ästhetik auch als Wasserfläche auffassen, auf der Oberflächenspannung ihrer Metaphern wie ein Kiesel von Gedicht zu Gedicht hüpfen. Aber das hieße die wahre Atmosphäre dieser Lyrik zu verschenken, die ein Eintauchen einfordert, die Arbeit echter Einlassung: „dieses gedicht ist taub, hat keine sinne,/es fühlt nichts, solange ich meinen körper/nicht gegen seinen tausche. erst dann/kann es sich als kloß in meinem hals/empfinden, kann seine gestalt durch/meine augen betrachten, wie matt die bilder/glänzen, die ich ihm vorführe“ (S.38).

Marcus Neuert
5. Juli 2014

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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