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Teresa Präauer: Johnny und Jean.

Roman.
Göttingen: Wallstein Verlag 2014.
208 Seiten, gebunden; Euro 20,50.
ISBN: 978-3-8353-1556-3.

Autorin

Leseprobe

Der Künstler-König auf seinem Sperrholz -Thron

Was soll das für ein Freund sein? Einer, der immer schon vor einem da ist; egal, wo man auch hinwill. Einer, der fertig ist, bevor man überhaupt begonnen hat. Der ständig der Beste ist. Der Über-Künstler schlechthin, der sein Oeuvre bereits in New York ausstellt, während man selbst gerade erst weiße Leinwände bespannen lernt. Einer, der nicht einmal da ist, wenn man ihn braucht. Nicht für einen selbst, und genauso wenig für die anderen, seine zahllosen Bewunderer. Trotzdem bleibt Jean für seine „Jünger“, aber besonders für Johnny „der Größte“. Egal, was kommt.

Zum Beispiel als Jean alle zu sich einlädt und keiner öffnet. Statt dessen finden seine Anhänger alles mit Müll verbarrikadiert. Dahinter sitzt Jean wie eine Karikatur vom Herrgott persönlich auf einem riesigen Sperrholz-Thron, verkleidet als Faun auf hohen Plateausohlen mit lächerlich großer Perücke. Sechs Tage habe er für sein erstes großes Kunstwerk gebraucht und es dann für gut befunden. Am siebten Tag wartet er auf seine Jünger, damit sie sein Meisterwerk bewundern und im Film festhalten. Zu blöd, dass keiner mitgefilmt hat. Damit, wirft er ihnen vor, sei sein gesamtes Projekt gescheitert.

Für sein nächstes großes Kunstwerk, ein begehbares Labyrinth, bedient Jean sich dreist Johnnys sechs weißer Leinwände. Selbstverständlich, ohne zu fragen. Als Jean dann aber auch noch Johnnys Freundin Louise ausspannt, scheint es endgültig vorbei zu sein mit ihrer Freundschaft. Doch Jean lässt sich Louise von Johnny wieder abkaufen. Der Preis? Ein Goldzahn für Jean. Dann wieder ist er urplötzlich verschwunden: Jean, der Unauffindbare. Vielleicht, denkt Johnny dann manchmal, war er ja auch nie wirklich sein Freund? Vielleicht hat er ihn sich lediglich als Freund gewünscht? Oder hat er sich Jean vielleicht nur ausgedacht, oder sogar geträumt?

Genauso urplötzlich ist er wieder da: Jean, der Unberechenbare. Und erklärt Johnny in seiner eigenen Künstlerwerkstatt, wie Steindruck funktioniert. Zu Beginn müsse man die Zeichnung des Vorgängers vollständig wegschleifen. Es ist „Jean im Selbstporträt“, den Johnny hier vom Stein schleifen soll. Nein, dies sei kein „Anti-Dorian-Gray“, bemerkt Johnny ironisch. Und dennoch scheint es für Johnny „eine symbolisch wichtige Sache“ zu sein. Denn erst, nachdem er – wie im umgekehrten Schöpfungsakt – das Bildnis seines Schöpfers komplett ausradiert hat, kann er endlich selbst zu zeichnen beginnen. Erst jetzt hat auch er Erfolg.

Schicht um Schicht, so wie Johnny Jeans Selbstporträt abträgt, verschwindet nun auch Jean selbst nach und nach. Erst Richtung New York. Später auf Nimmerwiedersehen. Sein Vater, der „riesige Zwerg“, behauptet, er kenne keinen „Jean“, sein Sohn sei vom Fensterbrett gefallen. Zurück lässt Jean nur eine Handvoll Kunstwerke in einem Container im Hafen von New York. Was wäre, fragt sich Johnny vor der Black Box, wenn „Nichts“ darin ist? Und der Über-Künstler selbst? Hat er überhaupt je existiert?

Was stellen sie eigentlich dar, die beiden Künstlerfreunde „Johnny und Jean“? Nur ein ungleiches Paar, das, wie „Jules et Jim“ in Truffauts Filmklassiker um die gleiche Geliebte buhlt? Oder erzählt die Geschichte von „Johnny und Jean“ die Liebe zwischen „Johannes und Jesus“, von Jünger und menschgewordenem Gott, neu? Christliche Anspielungen und Verweise gibt es im Text schließlich mehr als genug. In sieben Tagen erschafft Jean sein erstes großes Kunstwerk, auf dem er gottgleich über allem thront. Ein Oeuvre, das allerdings überhaupt nur durch das Zeugnis seiner Jünger existieren kann, wie die Autorin schmunzelnd im „Faux pas“ der nicht mitgefilmten Performance zu verstehen gibt. Maria – alias Mary Schoenblum – ist es schließlich, die Jean als Kunstprofessorin nach New York holt. Und während Johnny immer wieder davon träumt, einfach mit dem Überkünstler im „Lokal am Kai“ einen Pastis zu trinken, verkehrt dieser später nur noch im Edelschuppen „Eden au Lac“ – das Paradies lässt grüßen. Kein Zufall ist es sicher auch, dass Johnny unter Jeans gigantischem „Bilderdach“ direkt neben dem geliebten Jean sitzt. Wen wundert es da noch, dass Johnny ausschließlich Fische, das Ur-Symbol Christi, zeichnet?

Das klingt alles etwas angeschrägt und liest sich auch so. Teresa Präauers Übertragung der Jesus-Story in eigene Bilder wirkt sehr speziell und höchst artifiziell. Sämtliche Figuren erscheinen zweidimensional, wie Scherenschnitte, die in einem Schattentheater auftreten. Papierdünn wie jene ausgeschnittenen Foto-Konterfeis von sich selbst, die Johnny und Louise in ihrem Stop-Motion-Film wie fremdgesteuerte Marionetten erscheinen lassen. Diese moderne Schnitt-Falt-und-Montage-Erzähl-Technik mit der gewichtigsten und ältesten aller Fragen, der Suche nach Gott zu mixen, ist schon krude genug. Hinzu kommt aber noch eine bunte Mischung von unzählbaren Anspielungen auf Philosophie und Film, Literatur und Musik, vor allem aber bildende Kunst. Das wilde Panorama reicht von Björk über Friederike Mayröcker bis Max Beckmann, von Charlie Chaplin über Kiki Smith bis Gustave Courbet. Auch wenn sie die Gefahr, sich im „Name Dropping“ zu verlieren, sogar selbst im Text benennt, kann die Autorin ihr dennoch leider nicht ganz entgehen.

Der große Meister Cranach schwebt quasi als Schutzheiliger über der gesamten Erzählung von „Johnny und Jean“. Mit einer Beschreibung seines Gemäldes „Jungbrunnen“ beendet die junge Autorin Teresa Präauer ihr Buch. Genau in solchen Passagen ist „Johnny und Jean“ am stärksten: nämlich da, wo es der Erzählerin in ihren fein schraffierten buntstiftleichten Sprach-Zeichnungen gelingt, die von ihr künstlerisch verfremdete Realität mit der bestechend realen Wirklichkeit fremder Kunstwerke lebendig zu überlagern.

Michaela Schmitz
11. August 2014

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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