Andrea Kern: Kindfrau

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2014.
200 Seiten; geb.; Euro 19,90.
ISBN 978-3-7117-2017-7.

Autorin

Leseprobe

Ab wann ist eine Frau eine sexuell erwachsene Frau? Ab dem Moment, in dem sie sich in einen Mann verliebt? Wohl eher nicht. Ab dem Moment, in dem sie dezidiert einen Mann sexuell begehrt? Vielleicht. Oder erst dann, wenn sie dieses Begehren auch realisieren kann? Nachdem das rätselhafte Phänomen der Pädophilie und die meist damit verbundene erschreckende Realität des sexuellen Kindesmissbrauchs in den letzten zehn Jahren zum beinahe fixen Bestandteil der Tagespresse geworden ist, ist es an der Zeit, dass auch die Literatur mehr Zugang zu diesem äußerst dunklen Randbezirk der menschlichen Psyche und Sexualität findet.

Nur: Kindfrau ist nicht unbedingt ein Buch über den sexuellen Kindesmissbrauch. Sehr wohl aber eines über Leidenschaft, Hingabe, fatale Anziehung, Vergessen und banale Liebe. Erzählt wird die Geschichte einer scheinbar nicht weiter auffälligen Mittdreißigerin, Lehrerin von Beruf und in perfekter, sprich langweiliger Ehe gefangen, die – anfangs gegen alle Erwartungen - eine erotische Vergangenheit vorweisen kann, die sich gewaschen hat. Angelika (einen biedereren Namen wird man schwer finden) hatte sich als Zwölfjährige in einen ganze dreiundzwanzig Jahre älteren Mann verliebt, ihre Liebe wurde erwidert. Was einige Monate lang als geheime Affäre ausgelebt werden durfte und dem Mädchen Momente höchsten Glücks bescherte, flog irgendwann auf und führte zu einem veritablen Skandal in dem kleinen ostösterreichischen Ort. Angelikas Verhältnis zu ihren Eltern wurde für alle Zeiten zerstört, sie blieb eine Zeitlang dem Schulunterricht fern, wurde ausgegrenzt und geächtet, sie erlebte große Einsamkeit und Trauer.

Die Geschichte selbst wird aber erst dann aufgerollt, als die mittlerweile fünfunddreißigjährige Lehrerin zufällig auf der Straße dem tot geglaubten, stark gealterten Liebhaber von damals begegnet. Erst hier entwickelt der Text seine starke Sogkraft, hier passiert endlich etwas in dem allzu geregelten und allzu angepassten Leben der kühl-distanzierten, aber genauso empfindsamen und sinnlichen Frau. Die Geschichte dieses gewaltigen Jugenderlebnisses (ein Trauma? eine Erfahrung von Glück mit schlimmem Ausgang? ein zu plötzliches Erwachsenwerden?) bildet das Zentrum des auch stilistisch bemerkenswerten Debüts der jungen Autorin. Andrea Kern, selbst Deutschlehrerin, wie dem Klappentext zu entnehmen ist, findet gerade für die Schilderung dieser ungewöhnlichen und doch absolut nachvollziehbaren ersten Liebe die richtigen Worte und Bilder: äußerst stimmungsvolle Naturbeschreibungen, genaue Widergabe von Gefühlen und Empfindungen einer ganz jungen Frau, eine sehr plastische Darstellung der überwältigenden Männlichkeit eines ungebildeten, aber attraktiven Mannes; die kleinen Erwartungen und Enttäuschungen; die Sehnsucht nach Nähe; das Empfinden von Stolz und von Schuld, die Erfahrung von Verlust.

Das Treffen mit dem inzwischen stark verlebten Vincent (tatsächlich ein Name zum Verlieben!) bricht allerdings gewaltig in den Plot hinein: die nun ganz kühle Angelika beschuldigt ihn für all das, was vor mehr als zwanzig Jahren passiert ist. Es ist fast nichts mehr da von ihrer damaligen mädchenhaften Hingabe, auch nichts mehr von ihrem Begehren. Spätestens hier muss sich die Leserin/der Leser entscheiden: wurde Angelika missbraucht, obwohl ihr nie Gewalt angetan worden ist? Hat sie einen erwachsenen Mann verführt oder hat sie sich von einem auf Mädchen spezialisierten Mann verführen lassen? Ist ihr Zorn auf Vincent berechtigt oder maßlos übertrieben? Wäre hier Verzeihen besser gewesen? Umso schwieriger, als Angelika nun schon das nächste (vierzehnjährige) Mädchen in Vincents Nähe zu erkennen glaubt …

Zudem stellt die Autorin in der Rahmenhandlung eine ganz andere, vielleicht nicht minder wichtige Frage: Was kann noch in einer Beziehung passieren, in der scheinbar alles passt? Was bleibt noch zu tun, nachdem der vermeintliche Traumpartner, die vermeintliche Traumpartnerin gefunden wurde? Ist ein solches Zusammensein überhaupt erstrebenswert? Klar, ein Kind kann man noch zeugen, und das macht Angelika mit fast vierzig auch wirklich, ohne sich das Kind zu wünschen und ohne den sie vergötternden Mann zu lieben. Auch die Absurdität dieser, im Gegensatz zur ersten, gesellschaftlich anerkannten Liebe präsentiert die Autorin auf nicht minder glaubhafte Weise. Eine Reihe von sehr gut beobachteten Verhaltensweisen, Ritualen und Gewohnheiten veranschaulicht das quasi ganz normale Paar-Dasein.

Kindfrau, zu eingleisig für einen Roman, zu lang und zu komplex für eine Erzählung, ist ein hocherotisches Buch. Meistens treffsicher im Stil und anspruchsvoll im Aufbau, ist es eine lohnende Lektüre für alle, die dem nie ganz zu klärenden Zusammenhang zwischen Sexualität und Emotion auf den Grund gehen wollen. Lediglich einige Längen und Wiederholungen gegen Ende des Textes stören den Gesamteindruck, dazu auch noch eine inhaltliche Leerstelle: hat die phantasiebegabte Lehrerin zwischen der pubertären Amour fou und der perfekten Ehe nichts Erotisches erlebt?

Jelena Dabic
3. September 2014

Originalbeitrag
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