Nadine Kegele: Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause.

Roman.
Wien: Czernin Verlag, 2014.
320 Seiten; gebunden; Euro 23.-.
ISBN: 978-3-7076-0501-3.

Autorin

Leseprobe

Der Alltag und das Normale in ihrer unerhörten und fast grotesken Seinsweise - sie sind der Kern des Romans. Es geht um Noras Leben, auf einer Tupperwareparty, beim Yoga, um ihre Liebesbeziehung und deren Zerbrechen, ihr Leben mit Freundinnen und Haustieren, ihre Beziehung zu einer alten Nachbarin, eine Rom-Reise, eine bittere Arbeitsmarktsituation, viele Meinungen und den Wunsch nach Kindern, ihre depressiven und hilflosen Zustände, und um ihre Mutter, die nach einem Selbstmordversuch ihm Sterben liegt.
Stets wird das Außergewöhnliche, das Bizarre und das eigentümlich Bedrückende aus genau diesem Leben ausgestellt, was Schwermut in geballter Häufung ergibt. Doch der Text bremst sich immer wieder auf ausschnitthafte Unmittelbarkeit ein: Die Perspektive der Dinge wird eingenommen, beinahe phänomenologisch, als springe die Erzählperspektive in eine gedankliche, traumartige Auszeit, in ein Abschweifen, vielleicht um sich zu verlieren und das Leben erträglicher zu machen: „[...] sie tritt mit dem Schuh gegen das Haus. Das Haus rührt sich kaum, aber der Schuh tut weh, er schreit kurz auf, doch sie hört es nicht, denn Rom ist laut, und auf den Straßen fährt Ruth, tausendfach Ruth, Nora hat Angst, von ihr überfahren zu werden (S. 68).“
Szenen werden beschrieben, die Nora umgeben, mit Lauten, Bildern, Empfindungen, Erinnerungen, aus allen menschlichen, tierischen oder dinglichen Sichweisen, die wie Spots auf ein ganz beleuchtenswertes Geschehen weisen, und beleuchtet wird es von allen Seiten, in all seinen Facetten, ob sie nun offensiv eine Handlung vorantreiben oder nicht.

Der Roman besteht aus zwei ineinander gesetzten Geschichten: Jener Noras und jener Erikas, die Noras Mutter ist. Jedes Kapitel aus deren Lebensgeschichte wird mit Ziffern betitelt, die das Alter von Erika angeben, beginnend mit 17 Jahren, das letztes Kapitel des Romans springt dann ins Kindesalter der Mutter zurück. Nora hasst ihre Mutter offensichtlich, die Rückblenden in deren Welt  zeigen dazu die Parallelen in ihren Leben, denn beide wohnen in einer „Schuhschachtel“, sie scheinen kein Glück mit Beziehungen zu haben, beide sind finanziell benachteiligt und oft gleichermaßen handlungsohnmächtig. Doch Nora bekommt Hilfe von unterschiedlichster Seite, etwa von ihrer Therapeutin, deren Worte ihr ständig im Kopf widerhallen: „Die Stimme der Kaiserin ist die Stimme der Vernunft“ (S. 224), wie sie es unverklärt nennt. Und trotz - oder gerade wegen - der ganz konkreten und einfachen Beschreibung der Dinge, die wie zuvor im Erzählband Annalieder neusachliche Züge aufweist, ergibt sich oft ein ironischer Gestus, ohne platte Überzeichnung, fast parodistisch, aber jenseits gewöhnlicher Zuspitzungen.

Der Roman erinnert mit seinen tristen, melancholisch-ironischen und zynischen Stimmungen an den Film „Die Beschissenheit der Dinge“ (Felix Van Groeningen) - nicht nur in seiner Bauart als doppelte Erzählebene, sondern auch in der sozialen Benachteiligung und Handlungsohnmacht der Figuren. Kegeles Roman ist jedoch weniger Satire, sondern vielmehr bitteres Abbild einer Tatsächlichkeit, so wirklichkeitsnah und dabei erschreckend tragisch, dass einem das Lachen schnell vergeht. „Warum lachen Sie?“ wird Nora oft gefragt - die Antwort möchte man gleich selbst geben, denn was bleibt ihr noch außer dem Lachen.
Vielleicht sind es die Tiere: Gleich zu Beginn wird ein Hund eingeschläfert, Nora beobachtet sieben Katzen in der „Selbstversorgerinnenwohnung“ gegenüber oder Eidechsen in Rom, es gibt den Hund Moby der alten Nachbarin, eine Szene im Zoo und mit einem Schwan, eine Katze rettet sie aus einer Depression, es gibt Tiere im Yoga, im Namen der Freundin und im Titel, und es gipfelt in der Erkenntnis: „Tiere sind großartig, nur Tiere sind richtig groß“ (S. 248).

Lydia Haider
3. September 2014

Originalbeitrag
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