Sabine M. Gruber: Chorprobe

Wien: Picus Verlag, 2014.
288 S., geb.; Euro 22,90.
ISBN 978-3-7117-2013-9.

Autorin

Leseprobe

Sabine M. Grubers jüngster Roman gewährt uns in sechsundzwanzig mit Überschriften versehenen Kapiteln Einblick in die bewegte Geschichte des hochkarätigen Vokalensembles Chorus, das unter der Leitung von Wolfgang Gottlieb Hochreither zu Glanzleistungen getrieben wird. Wolf, wie ihn seine Freunde nennen, vertritt eine höchst eigenwillige Gesangspädagogik, die darin besteht, die Mitglieder seiner Sängerschaft als Marionetten in seinem von Gewaltphantasien beherrschten Machtspiel durch unvorhersehbare Angriffe zu verunsichern und sich so gefügig zu machen. Der Einsatz lohnt sich, denn immerhin winkt den Chormitgliedern nach nervenraubenden Proben die Chance auf Auftritte in renommierten Konzerthäusern und weltweite Tourneen. Da die meisten Sänger auf das bescheidene Honorar angewiesen sind und der Verlockung, dem prestigeträchtigen Chorus anzugehören, nicht widerstehen können, lassen sie die Demütigungen des Chorleiters, der „einen Knacks“ hat, willfährig über sich ergehen. Auch Cindy, die eigentlich Lucinda Franck heißt und in einer Rechtsanwaltskanzlei schuftet, wie die Erzählerin sozialkritisch anmerkt, geht Wolfgang G. Hochreither ins Netz und erlebt ein Wechselbad der Gefühle. Cindy weiß nicht, dass sie geringes Selbstvertrauen hat und ihr Talent unterschätzt. Anerkennung – selbst von einem Neurotiker wie Wolf gespendet – nimmt sie daher dankbar entgegen. Als sie feststellt, dass er beschlossen hat, mit ihr eine Affäre zu haben, gerät Cindy in Bedrängnis. Zum Glück lernt sie den Landschaftsgärtner Emil kennen, der sie dazu ermutigt, gegen den mächtigen Wolf aufzubegehren, dessen Fall nun beginnt …

Mit der Chorprobe begibt sich die Autorin abermals in die Tiefen der männlichen Seele, die sie am Beispiel des Chorleiters mit psychologischem Gespür auslotet, um damit bei ihren Leserinnen, aber auch Lesern ein bisweilen beklemmendes Déjà-vu-Erlebnis heraufzubeschwören. Wir kennen diese Widerlinge, die als Kinder zu wenig geliebt wurden und das ihnen zugefügte Leid an ihren wechselnden Partnerinnen sühnen. Wolf gehört zu diesem Typus des narzisstisch Unerlösten, der zur Kompensation seiner Persönlichkeitsstörung – wie sollte es anders sein – in seinem Beruf das adäquate Umfeld gefunden hat. Er jubelt, wenn es ihm gelingt, seine Gesangstruppe einzuschüchtern und Sängerinnen zum Weinen zu bringen. Er sät Angst und Unsicherheit und kann sich wie alle Despoten auf eine Schar getreuer Vasallen verlassen, die als Spitzel und Ohrenbläser sein menschenverachtendes Tun stützen.

Gruber entlarvt Wolfs „System“ als perfekten Herrschaftsapparat en miniature und demonstriert an der Figur von Cindy, dass der Widerstand gegen zynische Unterdrückungsmechanismen nicht zwangsläufig in die Selbstzerstörung der Antagonistin mündet, sondern einen heilsamen Reifungsprozess anzustoßen vermag. Dass in dem Augenblick, da sich die Heldin für die Revolte entscheidet, ‚zufällig‘ Emil auftaucht und sich obendrein als idealer Liebhaber erweist, werden insbesondere jene, denen die schmerzliche Beziehungsreise, Grubers letzter Roman, in Erinnerung geblieben ist, dankbar annehmen. Dabei begnügt sich die Autorin nicht damit, ihre Leser in eine literarische Wohlfühlsphäre zu entführen. Vielmehr fordert sie ihr Publikum mit philosophischen Exkursen heraus, welche die impliziten Thesen dieses von Hoffnung und Erwartung getragenen Buches untermauern: „Der Erwartung fehlt, was die Hoffnung kennzeichnet: Spielraum. Ihr ist fremd, was die Hoffnung ausmacht: Freiheit.“

Dieser dezenten metaphysischen Grundierung entspricht eine sich zusehends der Retrospektive verweigernde Schilderung, welche die gängigen Erzähltempora von Präteritum und Präsens durch die Verwendung von Futur und Futur Perfekt verdrängt und solcherart die Zukunft auktorial vorwegnimmt. Insgesamt zeugt die Autorin in der Chorprobe von einem noch größeren Form- und Stilbewusstsein als in ihren vorangegangenen Büchern. Lustvoll erprobt sie ihr Können an einer Prosa, der mithilfe von Zitatmontagen, typografischen Hervorhebungen, Auflistungen und einer ungewöhnlichen Verwendung des Doppelpunkts überraschende Effekte abgerungen werden, die man wohl bald als Markenzeichen von Grubers Erzählkunst betrachten dürfen wird.

Charakteristisch für ihre Figuren ist das Unterwegssein, was einen häufigen Wechsel des Schauplatzes nach sich zieht und das psychologische Moment des Romans mit der Motivik eines gut recherchierten Reiseberichts anreichert. Wer also Europa noch nicht kennt und erwägt, den Fernen Osten zu besuchen, sollte sich auf diesen zum Optimismus anstiftenden Roman einlassen. Auf die eine oder andere Art wird man jedenfalls in der Chorprobe fündig und – nicht zuletzt als Melomane – beglückt werden, wobei sich als Leitmotiv Martin Bubers Diktum herauskristallisiert, für dessen existenzielle Bedeutung Sabine M. Grubers Werk schlechthin einsteht: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Walter Wagner
5. September 2014

Originalbeitrag
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