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Anna Elisabeth Mayer: Die Hunde von Montpellier.

Roman.
Frankfurt am Main: Schöffling&Co, 2014.
196 S.; geb.; Euro 19,95.
ISBN: 978-3-89561-136-0.

Autorin

Leseprobe

Wie war das damals, als der französische Arzt Rondelet 1539 den Leichnam seines Kindes sezierte, um das menschliche Innenleben zu erforschen? Anna-Elisabeth Mayer begibt sich in ihrem Gesellschaftsroman „Die Hunde von Montpellier“ auf die Spur der historischen Persönlichkeit Guillaume Rondelet. Er war Mitte des 16. Jahrhunderts Professor für Medizin an der Universität von Montpellier.
Heute, im 21. Jahrhundert sind Anatomiekurse fester Bestandteil des gerichtsmedizinischen Studienlehrplanes. Das Interesse an der Todesursache wird als etwas Natürliches und Bedeutendes angesehen. In der Frühen Neuzeit hingegen war die Menschheit von Gottesfurcht und Aberglauben beherrscht. Man misstraute wissenschaftlichen Erkenntnissen und stand jenen Menschen skeptisch gegenüber, die im Namen der Wissenschaft experimentierten. Anhand des fortschrittlichen Denkens und des unbändigen Wissensdurstes von Rondelet durchbricht Anna-Elisabeth Mayer die moralischen und sittlichen Schranken der Gesellschaft des 16. Jahrhunderts.
Wie schon in ihrem erfolgreichen Debüt „Fliegengewicht“ begegnet die Schriftstellerin gesellschaftlichen Tabus mit scharfer Ironie sowie leichter Provokation. Sie kratzt am frommen Gesellschaftsbild der Frühen Neuzeit, indem sie Wesenszüge wie Neid, Konkurrenzdenken, Heuchelei und Egoismus entblößt. Sie dringt in die damalige Gesellschaftsstruktur ein, wobei sie nichts verändert, sondern die historische Authentizität wahrt.

Der Skandal rund um Rondelet steht am Anfang und am Ende des Romans „Die Hunde von Montpellier“. Die Gerüchteküche brodelt sprichwörtlich darüber, dass er sein eigenes tot geborenes Kind zu Studienzwecken seziert hat. Rondelets Neugier auf die Todesursache war entschieden größer als sein väterlicher Schmerz über den Verlust. Nicht einmal seine Studenten verkraften die Sezierung und wenden sich genauso von Rondelet ab wie alle Stadtbewohner und letztlich auch seine Familie und Dienerschaft. Dass man einen verstorbenen Verbrecher zu Studienzwecken seziert, ist für die Bewohner von Montpellier hingegen tragbar.
Das Schwarz-Weiß-Denken der damaligen Gesellschaft wird von Anna-Elisabeth Mayer paradetypisch ausgemalt. Der Antagonismus von guter und böser Welt beherrscht das Leben der Stadtbewohner. Ein sogenannter böser Blick und andere böse Zauber lassen sich durch Gebete zu Gott abwenden. Der Teufel und die Hexerei repräsentieren die böse Welt. Jedes Zeichen, wie zum Beispiel das Auftauchen eines Marienkäfers, wird dem Glück oder Unglück zugeordnet. Anna-Elisabeth Mayer erzählt von den damaligen (Wahn-)Vorstellungen und Ängsten authentisch und macht sie somit für uns Leserinnen und Leser in der heutigen Zeit erfahrbar.
Spannend wird in Kapitel VI des Romans von einem Anatomietheater erzählt. Zur Karnevalszeit werden damals eher grausame als vergnügliche Attraktionen ausgestellt. Rondelet betreibt neben einer Seiltänzerin und anderen Schaustellern ein „Theatrum Anatomicum“, in dem er öffentlich Leichen seziert. Der Wunsch den menschlichen Körper „in- und auswendig zu kennen“ wird zu seinem Lebensinhalt.

Anna-Elisabeth Mayer schafft mit Rondelet einen faszinierenden und beinahe avantgardistischen Charakter, zeigt aber gleichzeitig auf, wie sehr er von seinen Zeitgenossen abgelehnt und missverstanden wird. Ein Held ist Rondelet nicht. Die Titel gebenden Hunde von Montpellier ziehen sich leitmotivisch durch die ganze Geschichte. Sie streunen durch die Stadt, die Dunkelheit und durch den Dreck. Nachdem Rondelet eine Leiche seziert hat, frisst ein Hund deren Organreste und weicht dem Arzt fortan nicht mehr von der Seite. „Der schwarze Hund“ symbolisiert den Tod, ja er kündigt ihn geradezu an. Rondelet verwandelt sich metaphorisch in einen dieser Hunde von Montpellier, die in Leichen wühlen.

Der Form nach ist „Die Hunde von Montpellier“ ein historischer Gesellschaftsroman mit biografischen Zügen, der in zehn Kapitel untergliedert ist. Die abschließende kurze Chronik zu Rondelets weiterem Leben unterstreicht den geschichtlichen Aspekt. Mittels auktorialer Erzählperspektive erleben wir nicht nur die Gedankengänge von Rondelet, sondern auch die Empfindungen seiner Frau, seiner Schwägerin, seiner Dienerinnen und die Rachepläne seines größten Widersachers, des Wundarztes. Die Sprache ist modern und eher schlicht gehalten, die indirekte Rede als passive Dialogform dominiert. Entsprechend den damaligen Gepflogenheiten sind die Figuren per Sie und verhalten sich distanziert zueinander.
Anna-Elisabeth Mayer hat die Historie rund um Rondelet mit ästhetischem Anspruch und schriftstellerischem Geschick aufbereitet und einen hervorragenden Gesellschaftsroman geschrieben.

Monika Maria Slunsky
11. September 2014

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 


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