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Isabella Feimer: Zeit etwas Sonderbares

Roman.
Wien: Septime Verlag, 2014.
144 Seiten; geb.; Euro 18,40 (A).
ISBN: 978-3-902711-24-3.

Autorin

Leseprobe

„Zeit etwas Sonderbares“ heißt der neue Roman von Isabella Feimer, der nach ihrem Debut „Der afghanische Koch“ (2013) soeben im Wiener Septime Verlag erschienen ist. Jürgen Schütz hat den kleinen Literaturverlag 2008 gegründet und sich zum Ziel gesetzt, kompromisslose Literatur zu vertreten – ein Vorhaben, das er sowohl mit Autorinnen wie Isabella Feimer und Valerie Fritsch als auch mit einem ambitionierten Übersetzungsprogramm zweifelsfrei einlöst. Isabella Feimer ist Theaterregisseurin und publiziert seit 2009 auch Prosa, für die sie mehrere Stipendien und Auszeichnungen erhielt, 2012 nahm sie am Wettlesen um den Ingeborg Bachmann-Preis teil, 2013 inszenierte sie ihr Stück „Pornoladen“ im Wiener Kosmos Theater. In ihrem erstem Roman „Der afghanische Koch“ portraitiert Feimer eine Liebesgeschichte im Schatten des Afghanistan-Krieges und lässt dabei Innen- und Außenwelt, gestern und heute kunstvoll ineinander verschwimmen. Auch im zweiten Roman „Zeit etwas Sonderbares“ geht es um Gewalt und Verlust, um Traumata und wie sie die Zeit zum Stillstand bringen.

„Ein sonderbar Ding ist die Zeit. Wenn man so hineinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, dann spürt man nichts als sie“ – Hugo von Hofmannsthals berühmtes Zitat aus dem „Rosenkavalier“ steckt wohl kaum zufällig in Feimers Romantitel, doch der Kontext ist hier ein völlig anderer. Die bald 50jährige Hauptfigur Maria lässt jeden Glanz vermissen, sie ist eine einfache Frau in prekären Verhältnissen, die im ersten Abschnitt des Buches, der irgendwo in den frühen Siebzigerjahren abgesiedelt sein muss, ihren kranken und trotz seines Alters immer noch gewalttätigen Stiefvater Geza pflegt. Ihr Leben gleicht einer (selbstgewählten) Gefangenschaft, ihre Unterordnung, ihre Angst und Wut schmerzen beim Lesen. Nur abends stiehlt sich Maria leise aus dem Haus, gibt sich ihren Träumen hin und betrachtet im Schutz der Dunkelheit die Sterne. Rästelhaft ist anfangs ihre Verbundenheit mit dem russischen Kosmonauten Juri Gagarin. Drei Motive aus seinen Betrachtungen des Kosmos leiten die drei Abschnitte des Buches ein und stehen für die Sehnsucht (nach Größerem), für Aufbruch und unerfüllte Wünsche:
Der tiefschwarze Himmel ähnelte einem gepflügten Feld, das mit Sternen besät ist.
Sie leuchten hell und klar. Die Sonne sendet einen unerträglichen Glanz aus, man kann selbst mit zusammengekniffenen Augen nicht auf sie blicken. Juri Gagarin (S. 8)

Gagarins klarer, ruhiger Bildsprache steht Marias atemloser Monolog gegenüber. In verketteten Satzfragmenten ist die Autorin von der ersten Zeile an heftig zugange, ihr sprachlicher Zugriff auf die Welt und deren Zumutungen ist direkt, ungeschminkt, zuweilen brutal. In wenigen Absätzen sind die Koordinaten eines Frauenlebens skizziert: Schon als Mädchen kümmert Maria sich um die jüngeren Halbschwestern, die kranke und bald verstorbene Mutter bietet keinen Schutz vor dem trinkenden Stiefvater, der die Mädchen schlägt und missbraucht. So wie die russischen Soldaten, die zu Kriegsende ins Haus kommen und Maria vergewaltigen. Ihre jüngere Schwester Frida kann sie gerade noch unter dem Boden des Hauses verstecken.
Die Mutter habe Geza geheiratet, „weil sie in der Eile keinen besseren gefunden, mit dem sie die anderen Töchter hat kriegen können, und der Bruder endlich einen Vater und eine strenge Hand“, erfahren wir gleich zu Beginn. Maria ist schließlich diejenige, die zu Hause bleibt und „den Alten“ pflegt, während die jüngeren Schwestern längst verheiratet und in Sicherheit sind, eine im Nachbardorf, eine in der Stadt, eine sogar in Australien. Ein Lebensweg abseits dieser Pflicht erscheint Maria undenkbar, auf dem Land, „wo jeder gleich redet, gleich viel zu allem zu sagen und zu schweigen hat.“ (S. 10) Und doch hat sie Sehnsucht nach einem wirklichen Leben und erfüllt ihre Aufgabe mit wachsendem Widerstand:
Sich gegen die Sterne strecken, von denen man weiß, die greift man nicht, recken, ins Schwarze greifen, ins Leere, ins Universum, an dessen Unendlichkeit man glaubt, später in der Dunkelheit des Hauses in den Nachttopf, den man entleeren muss, und dem Jammern trotzen, das der Alte einem entgegenschleudert, holt man den Nachttopf, und fängt das Jammern an, würde man ihm gerne ein Kissen aufs Maul drücken, aber nicht jetzt, erst später, später, und steht man auf, um dem Jammern gut zuzusprechen, verstummt es, pünktlich wie die Kuckucksuhr, und für Eigenes bleibt keine Zeit, bleibt nur die kurze Stille, die bald den Herbst bringt, ja, man hört die Blätter in den Herbst fallen und denkt wehmütig an den Winter, denn im Winter ist es am schlimmsten und der Alte die Gemeinheit in Person. (S. 14)
In sprichwörtlich mörderischer Konsequenz, die man ihr kaum zugetraut hat, tötet Maria ihren Peiniger, als sich Gelegenheit dafür bietet. Sie erstickt ihn in ihrem Schoß – eine späte Rache für seine zahlreichen Übergriffe, „dann ist Ruhe, Stille, nichts mehr, und man hört die Sterne fallen“ (S. 53).

Der Roman zeigt – wie ein Triptychon oder auch wie ein Drama – das Leben seiner Heldin in drei Bildern, die alle vom Trauma der Kriegsgeneration druchzogen sind: Man spricht nicht über Gefühle, schon gar nicht über Vergangenes, Krieg, Verluste, Leid und Schuld. Maria lebt eingekapselt in Erinnerungen und die Toten sind ihre ständigen Begleiter: Die Mutter, der im Krieg vermisste Bruder, der gefallene Verlobte, das Kind des russischen Vergewaltigers, das Maria weggenommen wurde, selbst der tote Geza.
Maria lebt nach Gezas Tod erst bei ihrer Schwester Frida und ihrem Schwager Ferdinand, den sie liebt, aber vor langer Zeit kampflos Frida überlassen hat. Auch diese Episode nimmt erwartungsgemäß ein böses Ende. Erst viel später bei ihrer Schwester Anni, die 'verrückt ist, schon immer', und trotzdem als erste die Flucht aus der Familie gewagt hat, beruhigt sich die Seele der vom Leben schwer Gezeichneten. Im großen Stadthaus – ihr Mann hat es Anni überlassen, als er ging – findet Maria endlich Geborgenheit und eine ungekannte Ruhe, wird „Teil einer abgeschlossenen Zeit“, die sie in einem Schuhkarton voller Briefe und Fotos verwahrt und nun, im Rollstuhl sitzend, aus sicherer Distanz betrachtet. (S. 138) Dieser dritte und letzte Textabschnitt stellt en passant noch viele Bezüge her, verbindet etwa die kindliche Vorstellung vom „Mann im Mond“ mit Juri Gagarin und seinem „großen Schritt für die Menschheit“, diesen wiederum mit dem Jungen, den Maria in der Besatzungszeit geboren und Juri genannt hat, bevor er ihr weggenommen und in den Osten gebracht wurde, über die Grenze, die längst keine mehr ist. Ist ihr kleiner Juri vielleicht auch Raumfahrer geworden – schwerelos im All?
Die alte Frau auf dem Buchcover trägt dagegen schwer an ihrem Kosmonautenhelm, in dessen trübem Sichtfenster schemenhaft Kriegsszenen zu erkennen sind.

„Zeit etwas Sonderbares“ ist eine sprachlich dichte, furiose und berührende Studie über „ein Leben, das doch nicht war“ (S. 128), über Gewalt und deren Zerstörungskraft, über das Stillstehen und Vergehen der Zeit, über Träume und Enttäuschungen, Erinnerung und Vergebung. Ein Roman, der wohl auch auf der Bühne reüssieren könnte...

Sabine Schuster
16. Oktober 2014

 

 

 

 

 

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