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Isabella Feimer: Zeit etwas Sonderbares

Leseprobe

Der tiefschwarze Himmel ähnelte einem gepflügten Feld, das mit Sternen besät ist.
Sie leuchten hell und klar. Die Sonne sendet einen unerträglichen Glanz aus, man kann selbst mit zusammengekniffenen Augen nicht auf sie blicken.

Juri Gagarin

Die Nacht heftet sich mit Metallklammern an den Abend, endlich die Füße strecken auf dem Holzschemel, den man den ganzen Tag hoch- und niedergestiegen, hat man den Staubteppich von Regalen und Kästen gewischt, von der Herrgottsfrüh an den Schmutz von den Bierkrügen, den geliebten Sammlerstücken vom Alten, Jahrzehnte schon, die er sich an ihnen festhält, an ihnen und an den damit verbundenen Zeiten, die besser waren, sagt er, einmal heute auch die Staubkruste auf den Holzrahmen mit den vergilbten Verwandten weggekratzt, die ihre Namen verschluckte.

Im Nebenzimmer schläft der Alte, die Tür offen, man muss hören können, ob’s noch atmet, das Herz, noch schlägt, das Gehirn im Schädel, die Kuckucksuhr tickt laut, ihr Innerstes nach außen, wenn die volle Stunde naht, der Rücken schmerzt, warum hat man nur?, dann ist der Gedanke weg, der Hund bellt, will in den Garten, und man lässt ihn schnell hinaus, bevor er noch den Alten weckt, der endlich eingeschlafen, will Auslauf, der Hund, will das, was man selbst nicht mehr, sich hat nehmen lassen, was, bittschön, hätte man denn tun sollen?, den Alten in ein Heim?, so ohne Geld, und man selbst dann ohne Aufgabe im Leben, dessen Mitte überschritten.

Herz und Seel’, das sind sie nicht, nur stiefväterlich verwandt, und das auch nur, weil Mutter, die auch Maria hieß, so wie man selbst nach ihr, da erstgeboren, in der Eile keinen Besseren gefunden, mit dem sie die anderen Töchter hat kriegen können, und der Bruder endlich einen Vater und eine strenge Hand, warum sich keine der anderen um den Alten kümmert, warum?, weil die Älteste immer alles und nie auf sich hat schauen, konnte man sich nicht aussuchen, nicht auf dem Land, wo jeder gleich redet, gleich viel zu allem zu sagen und zu schweigen hat, ach, tät’s denen nur wirklich das Maul zerreißen und dem Alten gleich dazu.

Würde man dem, was Heimat ist, sich nicht so verpflichtet fühlen, hätte man sich schon längst aus der Heimat gehen lassen, wäre mit der Schwester gegangen, die eine halbe Erde entfernt, die ein Haus und einen Mann, auch zwei Kinder, auch einen Hund, aber einen kleinen, hat's gut, die Schwester, dort, wo ewig Sommer ist, man selbst weniger gut, hat es aber einmal gut gehabt, einmal im Krieg und einmal danach, im Krieg musste man nicht zu Hause bleiben, durfte nach Berlin, dann nach Brüssel, Nachrichtendienst, Telefonvermittlung, hat verbunden und getrennt, sich's gut gehen lassen neben all den Toten, aber Krieg, das war einmal, und jetzt ist er kalt und hat seine Mauern.

(S. 9-11)

 © 2014 Septime Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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